ZDF-Talker Markus Lanz Im Sumpf der Heizdecken-Mafia

Ist Markus Lanz der neue Johannes B. Kerner? Eher nicht. Beim Auftakt seiner Sommertalk-Offensive verlor sich die neue Allzweckwaffe des ZDF in einem Endlos-Streitgespräch zum Thema Kaffeefahrten: Das war Investigativ-Journalismus für die Generation 70 plus.

Angst kennt dieser Mann nicht. Undercover geht er dorthin, wo der Rechtsstaat selten hinkommt: auf Kaffeefahrt. Mit versteckter Kamera im Gepäck und als Tarnung eine dicke Brille auf der Nase recherchierte Markus Lanz zum Auftakt seiner Sommertalk-Offensive im Sumpf der Heizdecken-Mafia.

Moderator Lanz: Witwen-Wallraff des ZDF

Moderator Lanz: Witwen-Wallraff des ZDF

Foto: ZDF

Allein unter Witwen und Witwern deckte die neue ZDF-Allzweckwaffe am Dienstagabend Zustände auf, die jeden anständigen Rentner das Blut in den Adern gefrieren lassen. Nein, der Landgasthof war nicht so malerisch wie versprochen. Nein, die Bockwurst gab es nicht umsonst. Und nein, die in der Einladung versprochenen 1.198 Euro Gewinn wurden nicht direkt an die Ausflugsteilnehmer ausgezahlt. Im Gegenteil: Man malträtierte die Damen und Herren mit einer Tombola, an dessen Ende der Gewinner auch noch für seinen Preis zu löhnen hatte.

Nach dem Einspieler diskutierte Lanz dann brutal aufklärerisch in großer Runde die Zustände des kleinkriminellen Ausflugsgewerbes. Anwesend waren eine geprellte Witwe, eine Verbraucherschützerin, ein Gesetzeshüter ("20 Jahre Kampf gegen die Kaffeefahrten-Mafia!") und ein frisch wegen Betrugs verurteilter Heizdeckenverkäufer.

Das Tolle: Der Heizdeckenverkäufer lächelte unter seiner Glatze tatsächlich so diabolisch wie Dr. Evil in der Spionagepersiflage "Austin Powers". Diese Fratze des Bösen lieferte Markus Lanz eine gute Angriffsfläche. Gefühlte hundert Mal fragte der Moderator, ob sich der Mann denn moralisch nicht irgendwie schuldig fühle. Das Gegenüber aber verweigerte hartnäckig jede weiterführende Antwort und kicherte nur maliziös in sich hinein.

Fast eine dreiviertel Stunde verging auf diese Weise, während der einstige RTL-Mann Lanz so effektlos wie erregt nachhakend seine neue Rolle für das ZDF spielte: Er ist jetzt eine Art Witwen-Wallraff, ein Rächer aller entrechteten Rentner, eine Investigativ-Instanz für die Generation 70 plus. Aber sitzt die kurz vor Mitternacht überhaupt noch vor dem Fernseher?

Es ist also fraglich, ob Lanz das gekonnt zwanglose Gesprächs-Allerlei des zu Sat.1 abwandernden Kollegen Johannes B. Kerner ersetzen kann. Der am Dienstag gestartete Sommerüberbrückungstalk war ja schon länger geplant; nach dem Abgang Kerners wird Lanz nun im Herbst noch zusätzlich einen festen Late-Night-Tag die Woche bekommen. Die übrigen freigewordenen Spät-Termine sollen zwar noch anderweitig besetzt werden, trotzdem richten sich alle Hoffnungen des plaudertechnisch ausgebluteten ZDF erst einmal auf den Witwen-Beglücker Lanz.

Man musste die mechanisch menschelnden Plaudereien Kerners ja nicht mögen - im Gegensatz zum vollsimulierten Erregungstalk seines Nachfolgers waren sie geradezu stimulierend.

Bei Kerner war wenigstens was los! Gäste kamen und gingen im Fünf-Minuten-Takt, todkranke Menschen wurden neben pietätlosen Komikern plaziert, und es gab sogar ein paar echte Skandale. So wurde die Bettruhe der Zuschauer tatsächlich noch ein bisschen rausgezögert.

Lanz indes redete sein Fernsehpublikum am Dienstag mit seiner redundanten Empörung geradezu in den Schlaf. Es beschlich einen das Gefühl, man wäre in eine Zeitschlaufe geraten, wo ewiglich das Gleiche gesagt wird. Wie er immer und immer wieder darauf aufmerksam machte, dass die versprochenen Gewinne in Kaffeefahrteneinladung nicht ausgezahlt werden, hatte allerdings beinahe schon etwas Rührendes. Hörgerät ausgefallen? Kein Problem! Der Moderator wiederholte die wichtigen Sätze gleich noch mal, und dann auch etwas lauter.

Diese Überdeutlichkeit kam auch noch beim zweiten Teil des Senioren-Service-Talks zum Tragen. Es ging um Waren, die bei der Einreise nach Deutschland zu versteuern seien - von der Kaffeefahrt zur Butterfahrt sozusagen.

Dazu hatte man extra einen Zollstand im Studio nachgebaut, an dem ein echter Beamter stand, der umständlich Koffer öffnete, in denen allerlei Spirituosen und Tabakwaren lagen. Immer wieder wurden diese dann in unterschiedlichen Kombinationen in die Kamera gehalten, um zu veranschaulichen, was erlaubt und was nicht erlaubt sei.

Markus Lanz, das ist Fernsehen für die ganz Langsamen. Für die letzten weltverlassenen Einsiedler, die sogleich ihre Koffer packen, wenn ihnen auf einer im Briefkasten gefundenen Massendrucksache der Gewinn einer Kreuzfahrt versprochen wird. Nicht vergessen: Bei der Rückkehr dann bitte Zigaretten und Eierlikör ordnungsgemäß verzollen!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.