"Zeitfenster" in Kassel Kriegsreporterin mit Laberflash

Besinnungskunst über die politische Weltlage: In der Documenta-Stadt Kassel wurde David Hares neues Theaterstück "Zeitfenster" erstmals auf Deutsch gezeigt. Jung und Alt diskutieren dabei über Amerikas Kriegseinsätze in Bosnien und im Irak.

Von , Kassel


Da fährt man nach Kassel zur größten Kunstschau der Welt und landet in Rimini. Massen von fröhlichen, halbbekleideten Menschen lagern an so einem Herbst-Ausflugswochenende im Gras vor dem Aue-Pavillon der Documenta. Auch in den Kunsthallen überall riesiger Radau und Rumgeschubse, in den Nischen Eislecken und Kaffeeschlürfen.

In langen Schlangen stehen die Menschen vor der Neuen Galerie und dem Museum Fridericianum, und wenn sie endlich drin sind in den Documenta-Grüften, dann werden sie schier überall auf sehr burschikose und eher kunstlose Art konfrontiert mit dem sozialen und politischen Elend der Welt. Fotografien von Krieg und Elend in Afrika, Teppichknüpfarbeiten mit israelischen und palästinensischen Symbolen, Fernsehbildergeschraddel von Amerikas Kriegen. Doch nur die Weekend-Ruhe: Der guten Laune des herumflanierenden Besuchervolks tut das Globalkrisengenudel null Abbruch.

Im Schauspiel Kassel ist es gestern Abend so ähnlich. Die deutsche Erstaufführung von David Hares neuem Theaterstück "Zeitfenster" war angesetzt. Letzten Dezember hat es der Regisseur Sam Mendes ("American Beauty") mit Julianne Moore in der Hauptrolle am New Yorker Broadway rausgebracht, hier führt der Kasseler Intendant Thomas Bockelmann Regie und die Hauptdarstellerin ist eine noch nicht so ganz berühmte deutsche Stadttheaterschauspielerin namens Agnes Mann.

Sie spielt eine amerikanische Universitätsdozentin namens Nadia, die früher mal als Kriegsreporterin in Sarajevo und in Bagdad war. Erst sehen wir sie in der US-Uni mit einem ihrer Studenten diskutieren, der ihr ein Liebesgeständnis macht. Das ist der kurze Teil des Stücks. Dann sehen wir sie in einem englischen Garten am sommernächtlichen Esstisch mit ihrem aktuellen Schwiegervater, einem zynischen britischen Alt-68er und Frauenaufreißer, herumzanken. Das ist der sehr lange Hauptteil des Stücks.

Man ahnt schon: "Zeitfenster" ist politische Besinnungskunst, auch wenn sich der Autor Mühe gibt, ein paar familiäre Tragödien zwecks Erörterung der Menschlichkeit im Privaten mit einzuflechten. Im Grunde aber folgt das vom Regisseur Bockelmann als nette abendliche Plauderstunde inszenierte Stück der platten Kinderfragen-Rhetorik des Documenta-Machers Roger M. Buergel. Buergel stellt in das Zentrum seiner bunten Kunstschau bekanntlich die drei Grundrätsel: "Ist die Moderne unsere Antike?", "Was ist das bloße Leben?" und "Was tun?".

Absolut spannungsfreie Egalkunst

So tut es auch die Kriegsreporter- und Politologenheldin Nadia in der David-Hare-Erstaufführung. Auch sie will wissen, ob der Mensch eigentlich je was dazulernt. (Sie arbeitet genau daran). Auch sie knappst außer an ihrer Unterlippe auch ständig an der Frage nach der conditio humana: Sind wir Menschen wirklich so eine verantwortungslose, gleichgültige, mörderische Brut? (Äh: Ja.) Und sie schwadroniert über das korrekte Eingreifen einer Weltmacht der Sorte USA zur rechten Zeit ("Die, die verhandeln, sind die Guten").

Schnappschüsse aus dem Krieg und Laberflashs über moralische Verantwortung, das ist der Mix, aus dem Hares Stück zusammengequirlt ist. Die braven Schauspieler von Kassel sagen die zwar gekürzten, aber immer noch gnadenlos ausufernden Texte so auf, wie der Documenta-Mann Buergel die meisten seiner Künstler ihre Berichte über den Weltzustand herleiern lässt: alles total gutgemeint und gar nicht uninteressant, manchmal sogar ganz schlau, aber fast stets absolut spannungsfrei. Egalkunst halt.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.