Zeitgeist Glamour war gestern

Seit dem Absturz der Börsenkurse ist es mit dem Konsumrausch vorbei. Nun zeichnet sich eine Suche nach dem Echten ab. Das Glück liegt in der Beschränkung. Von Wolfgang Joop


Zeichen neuer Authentizität: Wolfgang Joop

Zeichen neuer Authentizität: Wolfgang Joop

Weg mit dem Prunk, mit dem Protz und allem, was nur ein Schnörkel über dem Eigentlichen ist: ausräumen, wegwerfen, damit in der Leere allein das wirklich Wichtige zurückbleibt. Im Jahr 2001 beginnt Freiheit mit der Befreiung von all dem, was jahrelang bei Shopping-Beutezügen zusammengetragen wurde.

So sorgte die New Yorker Designerin Norma Kamali, in den Siebzigern berühmt und reich geworden mit schon legendären drapierten Badeanzügen und "Schlafsack"-Mänteln, mit einer Verkaufsaktion für Aufruhr: Sie trennte sich von ihrer riesigen "Vintage"-Couture-Kleider-Sammlung, außerdem von Kunst, Kristallkronleuchtern, Antiquitäten und ihrer Luxus-Triplex-Wohnung in der Nähe der Fifth Avenue.

Kamali zog in ein spartanisches Loft in New Yorks Lower Westside, einer Boheme-Wohngegend. Sie war nicht etwa pleite; sie wollte einfach "wieder atmen können".

"Fangen bestimmte Leute an, die Tretmühle zu verlassen, fühlen auf einmal alle, dass sie das auch können", sagt der New Yorker Architekt und Yale-Professor Steven Harris. "Heute möchte niemand mehr einen Lichtschalter für 5000 Dollar einbauen lassen. Die Stimmung ist umgeschlagen."

"The Real Thing", das Echte also, ist auch ein neues Schönheitsideal bei Frauen und Männern: "Americans Get Real", beschreibt das US-Magazin "Talk" den Sinneswandel. Authentizität ist das neue Ding.

"Echte Männer brauchen kein Botox", heißt es im Heft. Botox ist ein muskellähmendes Gift, das kosmetisch und genau platziert gespritzt wird und so der Faltenbildung vorbeugt. Die rund 700 Mark pro Anwendung können eingespart und getrost festverzinslich angelegt werden. Dazu zeigt "Talk" attraktive Gesichtsknautschzonen der männlichen Stars aus Filmen wie "Gladiator" oder "Traffic".

Auf der Kinoleinwand selbst erscheint die neue Botschaft sechs Meter groß: Die düstere Angelina Jolie, die mopsige Drew Barrymore lassen die zerbrechliche Patrizier-Perfektion einer Gwyneth Paltrow verblassen, im wahren Sinn des Wortes. Alternde Baby-Boys wie Leonardo DiCaprio und Matt Damon werden abgelöst vom Pearl-Harbor-Star Josh Hartnett, dessen schwarze Augen erst zum Leuchten kommen im Schein von Schiffsexplosionen.

Das allzu Artifizielle, das dekadente Raffinement der neunziger Jahre wird ausgebuht vom "Geburtsschrei nach Einfachheit" ("Talk"). Kaum einer schaut sich noch nach den beiden auffällig gestylten "Bombshell"-Hilton-Erbinnen um, wenn sie ins "Mr. Chow's"-Restaurant an New Yorks Midtown East Side einfallen. Allenfalls zischt jemand abfällig.

Drew Barrymore: Sechs Meter große Botschaft
DPA

Drew Barrymore: Sechs Meter große Botschaft

Gourmettempel sind nur noch Treffpunkt für jene, die noch nicht verstanden haben, dass es nicht mehr um Schau, sondern um Nabelschau geht. Danny Meyer, Mitbesitzer mehrerer New Yorker Nobellokale wie des Union Square Café und der Gramercy Tavern, plant als nächstes Projekt einen Barbecue-Schuppen. Kühlt sich die Wirtschaft ab, geht es eben mehr ums Essen als ums Dinieren.

Auch am Zeitungskiosk wird der Trend zum Realen offensichtlich: Der phänomenale Erfolg des ernsthaft antiglamourösen Magazins "O" der schwarzen Talk-Queen Oprah Winfrey und die eher schlichte jüngste Ausgabe der "New York Times Magazine"-Beilage "Home Design" zeigen, dass Leser genug haben von illusionären Trips zum Unerreichbaren. War das Auftischen und Vorführen, das Inszenieren und Ausstaffieren der letzten Jahre nicht sowieso vor allem Resultat von aufgeblähtem Ego und von Neid? Das ständige Sich-Vergleichen-Müssen mit denen, die mehr haben, besser, schneller sind, gleicht im Rückblick einem absurden Rennen.

Die Güterstürmer sind da. Ähnlich wie jene Bilderstürmer, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Götzendarstellungen und Abbilder angeblich falscher Heiliger in geistiger oder politischer Erneuerungswut zerstörten, rechnet nun die Ästhetik radikal mit Vergangenem ab: Nach den Jahren des Kaufrauschs, des unversiegbar scheinenden Cashflows aus zahllosen Börsengängen, nach dem Triumph der Devise "Mehr ist mehr" gilt nun die Abwesenheit von Dingen als Luxus.

Schon die Bilderstürmer produzierten oft nur karge Langeweile. Im historischen Abstand erscheinen deshalb manche Aktionen der Befreiung wie Vandalismus. Zum Beispiel mussten Stuck und Schnörkel aus der Architektur der Gründerzeit in den zwanziger Jahren dem klaren Gedanken der Bauhaus-Jünger weichen: Heute sind stuckverzierte Jugendstilwohnungen das Ideal vieler Großstädter.

Waren die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Episode der Kompensationen, welche die menschliche Neigung zum Sammeln und Anhäufen von vermeintlichen Schätzen und Souvenirs befriedigte, so folgt nun auf die große Party der große Hangover.

Lesen Sie weiter in Teil 2: Ein neuer Spartanismus in der Mode



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