Zeitgenössische US-Kunst Amerika für Voyeure

Zerrissen im Mahlstrom medialer Angebote: Die Künstlerin Collier Schorr fragt in der Gruppenausstellung "Freeway Balconies" in Berlin nach der Identität des jungen Amerika - und findet ganz eigene Antworten.

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas


Jubel, Trubel, Heiterkeit: Die Straßen rund ums Brandenburger Tor glichen in den vergangenen Tagen einem deutsch-amerikanischen Jahrmarkt der nationalen Eitelkeiten. Das offizielle Amerika feierte gestern mit Bühnen, Hot-Dog- und Bratwurstständen und Dutzenden von frisch gewaschenen Sternenbannern seinen Unabhängigkeitstag, den "Fourth of July". Und die wegen ihrer festungsartigen Architektur stark umstrittene neue US-Botschaft am Pariser Platz wurde durch Präsident Bush offiziell eingeweiht. Angereist zum volksfestartigen Spektakel war aber nur der greise Bush Senior, der amtierende Präsident blieb zu Hause.

Gegenprogramm: Wenige Hundert Meter weiter auf der Straße Unter den Linden präsentiert sich ein ganz anderes Amerika. Hier geht es um Sex und Gewalt, Krieg und Antikriegsdemonstrationen, Uniformen und nackte Körper, Lust und Homosexualität, Judentum und Antisemitismus. Die Multimediakünstlerin Collier Schorr, Jahrgang 1963, hat im Deutschen Guggenheim unter dem Titel "Freeway Balconies" eine materialreiche Gruppenausstellung installiert, die ihre Heimat als Land der inneren Zerrissenheit und der tiefen Identitätskrise präsentiert.

Den Titel hat Schorr einem während des Vietnam-Krieges entstandenen Gedicht des Beat-Poeten Allen Ginsberg entliehen. "Freeway Balconies", frei übersetzt: "Balkons über der Autobahn", dient als Metapher für den voyeuristischen Blick. Gleich einem Betrachter, der von oben auf den Verkehrsfluss einer vielbefahrenen Straße herabschaut, richtet Schorr ihren Blick auf die Gegenwart ihres in unzählige Ethnien, politische Gruppierungen und kommerzialisierte Lifestyles aufgespalteten Landes.

Die Künstlerin Collier Schorr, die zur Zeit als Stipendiatin in der American Academy in Berlin lebt, hat sich für dieses Projekt in die Rolle der Ausstellungsmacherin begeben. Neben eigenen Arbeiten hat sie insgesamt 90 Werke von 19 weiteren amerikanischen Künstlern ausgewählt. Collier Schorr betrachtet "Freeway Balconies" als künstlerisches Selbstporträt in Form einer Ausstellung.

Im Mahlstrom medialer Angebote

Einigen altgedienten Heroen wie Richard Prince, dem amtierenden Weltmeister in der künstlerischen Appropriation (Aneignung) von Alltags-, Trash- und Medienbildern, und Bruce Nauman, in den sechziger Jahren Vorreiter der körperbezogenen Minimal-Performance, hat Schorr in erster Linie junge, aufstrebende Künstler zur Seite gestellt. Die meisten sind in den siebziger und achtziger Jahren geboren. Neben Fotokunst und Videoarbeiten dominieren die Prinzipien Collage und Materialsammlung die Schau.

Die meisten Teilnehmer erweisen sich als gelehrige Schüler der Appropriation Art und arbeiten mit gefundenem und leicht bearbeitetem Bildmaterial. Themen wie Starkult, Altern und Tod oder die Suche nach eigener Identität im Mahlstrom medialer Angebote beherrschen die Schau. Sara Gilbert, 33, die in ihrer Jugend selbst ein Soap Opera-Star war, untersucht Leonardo di Caprio als private und als öffentliche Person. Film-Stills und Aufnahmen, die hinter dem Set entstanden sind, werden von Gilbert verwirrend unhierarchisch miteinander kombiniert.

Der Fotokünstler Leigh Ledare, 33, zeigt Aktaufnahmen seiner alternden Mutter, einer ehemaligen Ballerina und - zum Entsetzen ihrer Familie - jetzigen Striptease-Tänzerin. Noch zynischer wird es bei Raymond Pettibon: Der kalifornische Zeichner, 51, zeigt einen verblutenden Mann neben einer dunkelblauen Limousine liegend. Kommentar: "Ich unterstütze unsere Truppen im Irak, weil ich aus Vegas bin".

Glaubt Schorr an die Macht der Kunst als Instrument des politischen Widerstands? "Ich glaube nicht, dass Kunst die Welt verändern kann", sagt sie. "Aber wenn später einmal Historiker die Ausstellungen und Kataloge früherer Zeiten untersuchen, werden sie wenigstens sehen, dass es neben der Sichtweise von Politikern noch eine andere Art und Weise gab, die Welt zu betrachten."

Präzise in der Ausführung und scharf akzentuiert in ihren Aussagen sind Collier Schorrs eigene Arbeiten. Sie hat sie über die ganze Ausstellungshalle verteilt. So greift sie mal in dialogischer Form, mal kommentierend in den Fluss der Ausstellung ein. In den letzten 19 Jahren ist Schorr, deren umfangreiche Verwandtschaft im baden-württembergischen Städtchen Schwäbisch Gmünd lebt, zur Pendlerin zwischen Deutschland und Amerika geworden.

Schorr, die jüdischer Herkunft ist, hat während ihrer Aufenthalte dort ein vielfältiges fotografisches Werk geschaffen, das sich in der Grauzone von Performance und Fotografie mit der NS-Geschichte ebenso beschäftigt wie mit den Wünschen, Träumen und Verunsicherungen männlicher Jugendlicher aus ihrem familiären oder nachbarschaftlichen Umfeld. Viele der überwiegend schwarzweißen Bilder zeigen junge Männer in Uniform. Schorr betrachtet diese Arbeit als eine Art kathartischen Prozess und scheut auch nicht davor zurück, neben Bundeswehr- und US-Army-Uniformen auch solche der Leibstandarte Adolf Hitler zu verwenden.

"Freeway Balconies" ist eine Ausstellung, die sich mal spielerisch, mal ernst, mal introspektiv, mal provokant-politisch mit Fragen der eigenen Identität beschäftigt. Doch wer ist Collier Schorr selbst? Schorr, die immer auch wieder ihre Homosexualität zum Thema macht, posiert auf dem Katalog-Cover als androgyner Motorradfahrer mit weißem T-Shirt, James Dean-Frisur und Zigarette im Mund. Auf einer ganzen Wand verteilt zeigen rund 100 von ihr zusammengestellte Zeitungsausschnitte, Magazinseiten, Zettel und Fotografien das Spektrum ihrer Inspirationsquellen: ein bunter Bilderbogen von Sarah Lucas über Cindy Sherman bis hin zur Hollywood-Ikone Brooke Shields.

Wie kann der Einzelne sich angesichts des medialen Dauerbeschusses vorgefertigter Identifikationsangebote à la Hollywood und Kunstbetrieb überhaupt noch behaupten? Collier Schorr hat da ihren ganz persönlichen Weg gefunden: "Das ist vielleicht der größte Trick von allen: Ein Leben lang eine Pose einnehmen, die sich immer nur fast, doch nie ganz mit dir deckt."


"Freeway Balconies", Deutsche Guggenheim Berlin, 5.7. bis 21.9.2008, täglich 10-20 Uhr, Do 10-22 Uhr, Katalog: 21 Euro.



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