Zeitungsbericht Amerikanischer Germanist nennt Kempowski US-Spion

Wegen angeblicher Spionage für die USA saß Walter Kempowski acht Jahre lang in einem DDR-Gefängnis - obwohl er die Vorwürfe immer bestritten hatte. Ein US-Germanist behauptet nun, der Schriftsteller sei tatsächlich Informant des CIA-Vorgängers CIC gewesen.


Frankfurt am Main - Der Schriftsteller Walter Kempowski (1929-2007) hat nach Angaben des amerikanischen Germanistik-Professors Alan Keele nach dem Zweiten Weltkrieg doch als Spion für die USA gearbeitet.

Schriftsteller Walter Kempowski: "Mein Gott, er war ein 18-jähriger Junge!"
DPA

Schriftsteller Walter Kempowski: "Mein Gott, er war ein 18-jähriger Junge!"

Kempowski habe dem US-Geheimdienst CIC, der Vorgänger-Organisation der CIA, seine Dienste freiwillig angeboten und dessen Quartier in Wiesbaden öfter aufgesucht, sagte Keele der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Der im US-Bundesstaat Utah lehrende Wissenschaftler beruft sich auf seine Einsicht in Geheimdienst-Akten und persönliche Gespräche mit Kempowski. Der Autor habe ihn gebeten, dieses Wissen erst nach seinem Tod zu veröffentlichen, sagte Keele.

Der 2007 gestorbene Kempowski wäre am 29. April 80 Jahre alt geworden.

Kempowski war 1948 von einem sowjetischen Militärtribunal wegen Spionage zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Nach acht Jahren Haft in der DDR kam er vorzeitig frei. Die seither in Beschreibungen seines Lebens häufig verwendete Formulierung wegen "angeblicher" Spionage hätte man schon vor Jahren streichen müssen, sagte Keele der Zeitung. Kempowskis Tätigkeit für den CIC ist Keele zufolge anders und weit ausgeprägter gewesen, als vom Schriftsteller in seinen autobiografisch geprägten Romanen, insbesondere "Uns geht's ja noch gold" und "Ein Kapitel für sich", beschrieben.

Zu den Motiven Kempowskis sagte Keele: "Mein Gott, er war ein 18-jähriger Junge! Er wollte ein angenehmes Leben in Wiesbaden, das er von den Amerikanern im Gegenzug bekam." Kempowski habe mit dem falschen Bild über seine Tätigkeit seine Familie und vor allem seinen ebenfalls inhaftierten Bruder Robert schützen wollen.

Bislang war Walter Kempowski nur ein einmaliger Kontakt zum US-Geheimdienst zugeschrieben worden, bei dem er Frachtbriefe mit sowjetischen Geheiminformationen aus Rostock an die USA übergeben haben sollte. Die habe jedoch ein Freund Kempowskis nach dessen Verhaftung an die Amerikaner übergeben. Walter Kempowskis intensive US-Kontakte seien im Dunkeln geblieben.

pad/dpa



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