Fotopreis-Gewinnerin "Der türkische Nachname ist ein Problem"

Ayse-Gül lebt in Kreuzberg. Ihr Leben zwischen Bars und Moscheen hat die junge Fotografin Jana Ritchie in einer preisgekrönten Serie porträtiert. Die Bilder zeigen eine starke Frau, die das Kopftuch sogar noch eleganter macht.

Jana Ritchie

Ein Interview von


Zur Person
  • Valerie Anex
    Jana Ritchie, 22, studiert Fotografie an der Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung in Berlin. Mit ihrer Reportage über eine Deutschtürkin in Kreuzberg hat sie den Hauptpreis im Zenith-Fotowettbewerb gewonnen. Ritchie hat ihr Abitur an einer deutsch-türkischen Schule abgelegt und möchte nach dem Studium hauptberuflich weiterfotografieren. Sie fotografiert analog.
SPIEGEL ONLINE: Frau Ritchie, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Fotoserie über eine junge Muslima namens Ayse-Gül aus Kreuzberg zu machen, mit der Sie nun den "Zenith"-Fotowettbewerb gewonnen haben?

Jana Ritchie: Ich studiere noch, und die Porträts von Ayse-Gül sind eigentlich für die Uni entstanden. Sie war früher meine Kollegin, wir haben zusammen in einem Modegeschäft gearbeitet. Ich fand Ayse-Gül schon immer interessant und faszinierend, sie ist eine tolle Frau, die es schafft, ihre Religion in den Alltag einzubauen. Vor ihrem Job als Sozialarbeiterin habe ich großen Respekt. Aber leider lässt sich Ayse-Gül gar nicht gern fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sie denn überzeugt?

Ritchie: Indem ich sie radikal miteinbezogen habe. Wir haben uns zusammen überlegt, wo wir fotografieren könnten, was wir zeigen wollen. Sie war bei jedem Schritt dabei, sie kennt jedes Foto. Insgesamt haben wir uns über vier Monate hinweg immer wieder getroffen. Ich hoffe, dass ich dieses Jahr auch ihre Familie porträtieren darf.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie während dieser Recherchezeit über den Islam gelernt?

Ritchie: Nicht so viel, wie man denken könnte. Ich bin in Berlin aufgewachsen und habe auf einer deutsch-türkischen Schule das Abitur gemacht. Deshalb wusste ich schon so einiges über die Religion, mir ist sie nicht mehr fremd.

SPIEGEL ONLINE: Können denn deutsche Muslime ihre Religion in Deutschland problemlos praktizieren?

Ritchie: Im Zentrum von Berlin ist das zum Beispiel gar kein Problem, in den Randbezirken wird es schon schwieriger, etwa wenn man Kopftuch tragen will. Da frage ich mich, wie es erst in der Provinz aussieht. Ein großes Problem ist die Jobsuche. Wenn Sie ein Kopftuch tragen oder einen türkischen Nachnamen haben, dann fallen Sie für viele Personaler schon aus der Auswahl raus.

SPIEGEL ONLINE: Da Sie noch studieren - wie haben Sie die Recherche über Ayse-Gül finanziert?

Ritchie: Ich arbeite neben dem Studium ein bisschen, einige Fotografiejobs habe ich auch schon gemacht. Allerdings ist meine Arbeitsweise nicht die billigste: Ich fotografiere am liebsten analog. Ich entwickele selbst, das Negativ, die Prints. Ich gebe gar nichts aus der Hand. Wenn ich mich für ein Motiv entschieden habe, klicke ich nur ein paar Mal auf den Auslöser, diese vielen hundert Bilder, die man beim digitalen Fotografieren so runterklickt, das ist nichts für mich.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach viel Fleißarbeit.

Ritchie: Schon. Aber die Belohnung ist das Vertrauen der Protagonisten. Es gab einen Moment mit Ayse-Gül, ganz am Ende unserer Aufnahmezeit. Da hat sie mich mit in die Moschee genommen, womit ich gar nicht gerechnet hätte. Sie war ganz still, versunken im Gebet. Es war so ein intimer Moment. Ich bin um sie rumgeschlichen und habe einfach fotografiert. Jetzt sind wir sogar gute Freundinnen geworden.

Anmerkung: SPIEGEL ONLINE ist Medienpartner des Zenith-Fotopreises.



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