Zentralrat der Juden Scharfe Kritik an Jüdischem Museum wegen "taz"-Link

"Das Maß ist voll", "gänzlich außer Kontrolle geraten": Mit ungewöhnlich scharfen Worten hat der Zentralrat der Juden das Jüdische Museum in Berlin kritisiert. Anlass ist eine Leseempfehlung für einen Artikel zur BDS-Bewegung.

Jüdisches Museum Berlin: Kritik aus der jüdischen Gemeinde
Schöning/ imago images

Jüdisches Museum Berlin: Kritik aus der jüdischen Gemeinde


Ein mit dem Hashtag #mustread versehener Link auf einen "taz"-Artikel hat für einen außergewöhnlich scharfen Angriff des Zentralrats der Juden auf das Jüdische Museum in Berlin gesorgt. Am 6. Juni hatte das Museum auf seinem Twitter-Account einen Text zur Lektüre empfohlen, der am Tag zuvor unter dem Titel "240 Akademiker gegen BDS-Votum" in der "taz" erschienen war.

In dem Artikel wurde die Kritik einer Gruppe von israelischen und jüdischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am Beschluss des Bundestags, die Boykottbewegung BDS (Boycott, Divest, Sanction) als antisemitisch einzustufen, referiert. "Wir lehnen die trügerische Behauptung ab, BDS sei als solches antisemitisch, und bekräftigen, dass Boykotte ein legitimes und gewaltfreies Mittel des Widerstands sind", zitiert die "taz" aus dem Schreiben. Außerdem führt sie weitere Gruppen auf, die sich ebenfalls kritisch zu dem Bundestagsbeschluss geäußert hatten, darunter eine Reihe von Nahostexperten von deutschen und internationalen Universitäten.

#mustread Der Beschluss der Parlamentarier hilft im Kampf gegen Antisemitismus nicht weiter: @tazgezwitscher über den Vorwurf von 240 jüdischen & israelischen Wissenschaftler*innen an den Bundestag, sich im Kampf gegen BDS instrumentalisieren zu lassen. https://t.co/XTUuAuvHJI

— jmberlin(@jmberlin) 6. Juni 2019

In seinem Tweet hatte das Jüdische Museum die Grundaussage der erstgenannten Wissenschaftler ("Der Beschluss der Parlamentarier hilft im Kampf gegen Antisemitismus nicht weiter") nicht mit Anführungszeichen versehen und sie sich damit scheinbar zu eigen gemacht. Auf Twitter hatte es daraufhin vielfach Kritik am Jüdischen Museum gehagelt. "Dem JMB ist nicht zu helfen. Nicht Wissenschaft ist dort zu Hause, sondern Ideologie. Ihr habt echt ein Problem mit dem jüdischen Staat", hieß es dort unter anderem.

Am Wochenende sah sich das Jüdische Museum deshalb zu einer Stellungnahme genötigt. Mit dem Verweis auf den "taz"-Artikel habe man sich in keiner Weise gegen den Bundestagsbeschluss positioniert, sondern auf einen Diskussionsbeitrag von 240 Wissenschaftlern hingewiesen, so das Museum.

Trotz dieser Klärung stieg der Zentralrat der Juden am Dienstag in den Streit um die Leseempfehlung ein. "Das Maß ist voll", schrieb der Zentralrat auf Twitter. "Das Jüdische Museum Berlin scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein. Unter diesen Umständen muss man darüber nachdenken, ob die Bezeichnung 'jüdisch' noch angemessen ist."

Die Schärfe der Kritik erscheint in diesem Zusammenhang bemerkenswert, Unzufriedenheit in Teilen der jüdischen Gemeinde mit dem Jüdischen Museum ist jedoch kein Einzelfall. Schon Anfang des Jahres war die Kreuzberger Institution wegen ihrer Ausstellung "Welcome to Jerusalem" in die Kritik geraten. In der Ausstellung, die bis Ende April 2019 zu sehen war, sollte Jerusalem aus Sicht von Islam, Christentum und Judentum betrachtet werden.

An diesem multiperspektivischen Ansatz stießen sich Vertreter der jüdischen Gemeinde. "Das Jüdische Museum sollte in erster Linie jüdische Perspektiven darstellen, mit all ihren Diversitäten und Widersprüchlichkeiten", zitierte die "Berliner Morgenpost" Sigmount Königsberg, den Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Zuvor hatte sich schon Israels Premierminister Benjamin Netanyahu zum Jüdischen Museum geäußert und gefordert, Förderungen für das Haus einzustellen, da es "antiisraelische Aktivitäten" unterstütze.

hpi

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