Veronique Brüggemann

Mahnmal-Installation vom ZPS Wieder zum Objekt gemacht

Das Zentrum für politische Schönheit hat ein "Mahnmal" aufgebaut - angeblich mit der Asche von Holocaust-Ermordeten. Die Künstler wollen vor Faschismus warnen. Tatsächlich entlarvt die Aktion, wie wenig es ihnen um dessen Opfer geht.
Die ZPS-Säule steht vor dem Reichstag

Die ZPS-Säule steht vor dem Reichstag

Foto: Christophe Gateau/ DPA

Stellen Sie sich vor, jemand fährt auf den Friedhof, gräbt Ihre Großmutter aus, nimmt ein paar ihrer halb verwesten Finger und steckt diese in eine Säule. Als Mahnmal, für oder gegen irgendwas. Klingt makaber? Unverschämt? Respektlos? Ist es auch.

Warum sollte das anders sein, wenn Künstler behaupten, sie hätten in der Nähe ehemaliger NS-Vernichtungslager nach Asche gebohrt - und dann in Berlin eine Installation aufstellen,in die diese angeblich eingeflossen ist? Weil es kein Grab war? Und nicht Ihre Oma? Oder weil es ja um eine gute Sache geht?

Das Zentrum für Politische Schönheit will mit der Installation unter anderem daran erinnern, wie sich die Weimarer Republik einst selbst entmächtigte und so vor aktuellem Faschismus warnen. Manche mögen der Meinung sein, dass sich für den Kampf gegen rechts solch drastische Mittel eignen. Lea Rosh, die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals, lobte die Installation zum Beispiel. Ja: Erinnerungskultur ist kompliziert, es gibt keine einfachen und eindeutigen Antworten. Deshalb kann ich aber auch sagen: Ich sehe es anders.

Jüdische Gräber sind für die Ewigkeit

Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, kritisierte auf Twitter die "Instrumentalisierung der Überreste von Ermordeten" als "vielleicht gut gemeint, aber grundfalsch". Er hat völlig recht: Sechs Millionen Juden wurden im Holocaust ermordet, fast das gesamte europäische Judentum wurde von den Nazis und ihren Helfern ausgelöscht - systematisch, industriell, effizient.

Doch das allein macht die einzigartige Abscheulichkeit des Holocaust noch nicht aus. Es war nicht "nur" der Mord. Es war die Gründlichkeit, mit der den Menschen nach und nach alles genommen wurde: ihre Heimat, ihre Familie, ihre Freiheit, ihre Hoffnung, ihre Würde, ihr Leben. Und nach dem Tod ging es weiter: Im Judentum ist eine Feuerbestattung streng verboten. Das Religionsgesetz sieht vor, dass ein Leichnam respektvoll behandelt und vollständig begraben werden muss - innerhalb von 24 Stunden nach dem Tod. Jüdische Gräber werden für die Ewigkeit angelegt, sie dürfen nicht verlegt, eingeebnet oder neu vergeben werden.

Das wussten auch die Nazis. Ihnen war es wichtig, den ermordeten Jüdinnen und Juden auch noch diese letzte Würde zu verwehren - für immer. Ihre toten Körper wurden geschändet, verbrannt, verscharrt. Bis heute haben sie keine Gräber, keine Namen und keine ewige Ruhe. Eine letzte Entmenschlichung.

Es ist richtig, darüber zu sprechen. Es ist richtig, danach zu fragen, was aus der Asche der Ermordeten wurde, wie es auch das Zentrum für politische Schönheit mit seiner Aktion für sich in Anspruch nimmt. Es stimmt, dass überall rund um die ehemaligen Vernichtungslager die Reste der Toten liegen, anonym, oft unbeachtet.

Aber darüber zu sprechen, es zum Thema zu machen - das geht auch, ohne mit der Idee zur spielen, dass in einer Säule nahe dem Reichstag die Überreste toter Juden eingearbeitet sind. Durch die ZPS-Aktion werden die Opfer der Shoah doch wieder zum Objekt, entmenschlicht, ohne Mitspracherecht, zu Requisiten in einer Inszenierung. Zumal das Zentrum für Politische Schönheit auch noch in Plastik gegossene Bodenproben auf seiner Homepage anbietet.

Die vermeintlich gute Sache

Es ist unklar, ob die Asche in der Säule und die Bodenproben wirklich menschliche Überreste von Shoah-Opfern enthalten, wie das ZPS zunächst sagte. Das spielt im Grunde aber auch gar keine Rolle, denn jede Diskussion über die genauen Bohrorte und Zusammensetzung der Proben geht am Kern des Problems vorbei.

Ob tatsächlich oder symbolisch - die Aktivisten haben sich die Toten angeeignet, ohne Rücksicht auf die Gefühle der Juden in Deutschland, der Überlebenden und ihrer Angehörigen. Also ohne Rücksicht auf die Menschen, um deren Großmütter und Großväter es hier geht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.