Zentrum für Politische Schönheit Kunstaktivisten errichten Gedenkstätte für Holocaust-Opfer

Kunstaktivisten haben nahe dem Reichstag eine "Widerstandssäule" errichtet - aus Asche von Holocaust-Opfern, sagen sie. Das ZPS will die Unionsparteien so vor einer Zusammenarbeit mit der AfD warnen.

Das Mahnmal, in dem Asche von Holocaust-Opfern eingearbeitet worden sein soll
Christophe Gateau/ DPA

Das Mahnmal, in dem Asche von Holocaust-Opfern eingearbeitet worden sein soll

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In direkter Nachbarschaft von Reichstag und Bundeskanzleramt hat das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) am Montagmorgen eine - vorerst - ambulante Gedenkstätte in Form einer "Widerstandssäule" errichtet. Sowohl der gewählte Ort als auch das Mahnmal selbst haben es in sich, beide sind Teil der neuen ZPS-Aktion "Sucht nach uns!"

Zuerst zum Mahnmal: Bei der "Widerstandssäule" handelt es sich laut ZPS um einen Bohrkern aus Asche und Knochenresten. Es seien die menschlichen Überreste von Opfern des Holocaust, zutage gefördert an einer nicht näher bezeichneten Stelle. An 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine habe das ZPS in den vergangenen zwei Jahren mehr als 200 Bodenproben genommen. Überall dort, wo die Ermordung von Menschen industrielle Ausmaße angenommen hat, im Umkreis früherer Vernichtungslager und Erschießungsplätze. Fündig wurden die Aktivisten beinahe überall, sagen sie.

"Dem Permafrost des Vergessens entreißen"

Tatsächlich konnte von einer rückstandslosen Vernichtung der Holocaust-Opfer - einem "Grab in den Lüften da liegt man nicht eng", wie Paul Celan in seinem berühmten Gedicht "Todesfuge" poetisierte - noch nie die Rede sein: Die Mörder wussten damals nicht, wohin mit der Asche aus den Öfen. Knochenreste mussten unter anderem per Hand zerstampft, Überreste tonnenweise in der Landschaft verteilt werden. Sie wurden in Gruben, als Fischfutter in Teiche oder in Flüsse gekippt, wo sie sich als Sedimente ablagerten und stellenweise heute noch nachweisbar sind. Bisweilen wurde die Asche als Düngemittel verkauft und auf Feldern ausgebracht. Es gibt also kein Grab in den Lüften. Man liegt eng. Und man liegt überall, verscharrt, vergraben, verstreut.

Über die "Entsorgungsproblematik" der Vernichtungsmaschinerie am Beispiel von Auschwitz berichtet Hinnerk Höfling, Historiker und aktiv beim ZPS: "Dabei handelt es sich um Hunderte Tonnen menschlicher Überreste, auf denen die Besucher der Gedenkstätte Auschwitz täglich umherschreiten, die heutigen Anwohner auf den ehemaligen Wirtschaftshöfen des Interessengebiets spazieren gehen und in denen sie in den Flüssen Sola und Weichsel sowie in den Schwimmteichen bei Harmense baden."

Höflings Abhandlung "Die Wege der Asche" fasst den gegenwärtigen forensischen Forschungsstand zusammen und ist eines von zwei Büchern, mit denen das ZPS seine aktuelle Aktion "Sucht nach uns!" flankiert. Der Titel ist dem zweiten Buch "An die Nachwelt" entnommen, einer Anthologie von Vorahnungen, letzten Wünschen, Gedichten, Stoßseufzern, Abschiedsbriefen und letzten Worten der Ermordeten. Die Lektüre von "An die Nachwelt" ist schlicht unerträglich.

Der Ort, an dem die Demokratie verraten wurde

Zitiert wird auch aus dem geheimen Tagebuch des Salmen Gradowski, der als Häftling in Birkenau in einem Sonderkommando mit der "Entsorgung" beauftragt war: "Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann."

Mitarbeiter des Kollektivs hätten diese nun "dem Permafrost des Vergessens" entrissen, wie ZPS-Gründer Philipp Ruch sagt. Mit dieser Aktion kehrt die Gruppe erneut zum Holocaust zurück, den sie als "moralischen Glutkern dieser Republik" bezeichnet. Zuletzt hatte das ZPS Stelen neben dem Grundstück eines AfD-Politikers aufgerichtet, der eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" fordert.

Ruch möchte die aktuelle Aktion gerne verstanden wissen "als Wiederbeatmung des kollektiven Gedächtnisses am Schnittpunkt zur konservativen Aushändigung der Macht" an die Faschisten. Und hier kommt der Ort ins Spiel. Es ist der Ort, an dem die Demokratie verraten wurde.

Die Gedenkstätte befindet sich auf einer Brache, die bis zu ihrem Abriss kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Kroll-Oper beherbergte. Sie diente nach dem Reichstagsbrand als Ausweichquartier des Parlaments und ist der Ort, an dem 1933 bürgerliche Parteien das "Ermächtigungsgesetz" unterschrieben und die Demokratie aus freien Stücken in die Hände der Nationalsozialisten legten. In seinem Tagebuch notierte Joseph Goebbels: "Das Haus rauscht vor Beifall, Gelächter, Begeisterung und Applaus."

Die Aktivisten wollen sich damit gegen Konservative aus CDU und CSU richten, die heute öffentlich eine mögliche "Minderheitsregierung" unter Duldung der AfD erwägen - oder gar darüber nachdenken, ob die Partei nicht sogar ein Regierungspartner sein könnte.

2019 sind Abgeordnete von CDU und CSU - durch ein vom ZPS fingiertes Schreiben von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble - namentlich aufgefordert, der "Widerstandssäule" gegenüber dem Reichstag einen Besuch abzustatten und jedem Versuch abzuschwören, den Faschisten die Hand zu reichen.

Desgleichen ist die Bevölkerung Anfang Dezember zu einem "zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich gegen die AfD" am Ort der Gedenkstätte eingeladen. Falls bis dahin genug Spenden eingehen, soll die Säule einen Betonsockel bekommen - und das Erinnern verstetigt werden.

Unterstützung von Lea Rosh

Das ZPS will "Sucht nach uns!" nicht als Konkurrenz, eher als Ergänzung zur monumentalen Gedenkarchitektur des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas verstanden wissen. Die Initiatorin des monumentalen Stelenfelds, Lea Rosh, hält die Aktion des ZPS auf Anfrage des SPIEGEL für "tiefer, als unser Holocaustmahnmal es ist". Sie sei "bewegt und angefasst" von der Idee und ihrer Ausführung: "Es ist unglaublich."

Sympathie für die Aktion äußert auch der Historiker und Holocaust-Forscher Götz Aly: "Das Thema der Verwertung der Ermordeten ist unendlich lange tabuisiert worden", sagte er dem SPIEGEL. Aly erinnert sich, wie Rosh auch, bei früheren Besuchen der Vernichtungslager bereits die Omnipräsenz menschlicher Überreste bemerkt zu haben: "Wir standen auf der Asche. Das war kein natürlicher Waldboden. Da kamen bei Regen weiße Knochensplitterchen heraus."

Warum haben, wenn es so offensichtlich war, die tatsächlichen Überreste der Opfer in der Erinnerungskultur dieses Landes oder in den Diskursen zum Faschismus bisher kaum eine Rolle gespielt? Aly vermutet, dass es am "materialistischen und technokratischen Kern des Holocaust" liegt, an der "Verwertung der Menschen und der Rationalität, die das hatte". Leichter sei es, an eine Irrationalität des Geschehens zu glauben als daran, dass es einer inneren Logik gefolgt sei: "Das will keiner wissen." Lea Rosh sagt: "Es hat einfach noch keiner gemacht."

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plainchampagne 02.12.2019
1. Albern
80% der AfD Wähler haben bis vor Kurzem noch CDU/CSU, SPD und die Linken gewählt. Wird Zeit, dass sich diese Parteien überlegen, wie sie ihre Wähler wieder zurückgewinnen können anstatt so zu tun als wäre die NSDAP gerade neu auferstanden...
HaraldSchaaff 02.12.2019
2. Überflüssig und einseitig
1 .Überflüssig weil nahe am Reichstag das große markante Säulenfelddenkmal steht. Das kann man nicht übersehen. 2. Unsinnig weil die AfD mit den Morden der NAZIS nichts zu tun hat und weder für Krieg noch das Ermorden von Juden steht. 3. Einseitig schief, weil im Bundestag mit der Linken eine Partei sitzt die die direkte Nachfolgerin der Gewaltherrschaftspartei SED ist, verantwortlich für das Blut der Maueropfer und vieles mehr. 4. Evt. kriminell wenn da die Totenruhe gestört wurde.
gratiola 02.12.2019
3. Meine bescheidene Meinung dazu ist,
Das ist keine Demokratie, sondern der Autruf zur Bevormundung und Indoktrination. Die sogenannten Altparteien sind alle, aus unterschiedlichen Gründen, nicht wählbar. Entweder man setzt sich sachlich auseinander oder man grenzt 40 % der deutschen Bevölkerung aus dem gesellschaftlichen Leben aus. Wenn es in diesem Land akzeptabel ist, dass Abgeordnete des deutschen BT unter dem Motto "scheiß Deutschland oder Deutschland verrecke" unterwegs sind und Anti AfD Demos mit Aufforderungen/Drohungen wie"Abtreibenfür gegen Deutschland", oder " Kondome bis zum Volkstod", dann ist das nicht mehr mein Heimatland.
peterpeterweise 02.12.2019
4. Politisches Tagesgeschäft als Kunst?
Wenn jemand nicht möchte, dass Partei A mit Partei B zusammenarbeitet, dann kann er Mitglied in Partei A werden und innerparteilich so abstimmen. Falls er aber gar nicht mit den Zielen von den beiden Parteien übereinstimmt, sondern mit Partei C sympathisiert und durch seine Aktionen die Machtoptionen des politischen Gegners beschränken möchte, dann ist das keine Kunst, sondern ganz normales politisches Tagesgeschäft für die Partei C. Oder war die "rote Socken Kampagne" vom damaligen CDU Generalsekretär Hintze eine Kunstaktion?
jamsrhb 02.12.2019
5. "moralischen Glutkern dieser Republik"
Wer den Holocaust als Zentrum seiner Moral bezeichnet wird niemals die nötige Realpolitik für die Zukunft machen können, weil jeder moralisch reelle Maßstab zwangsläufig an diesem Jahrhundertereignis scheitern muss. So wird man nur Politik produzieren die auf Scham, Sühne und Selbstgeißelung aufbaut, die rückwärtsgewandt und damit zum scheitern verurteilt ist.
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