Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Wehrmacht böse, Deutsche gut

Willkommen im schuldfreien Vakuum: Nach "Unsere Mütter, unsere Väter" zeigte das ZDF mit "Das Zeugenhaus" das zweite relativistische Histo-Drama. Dabei hat die TV-Schlacht um den Zweiten Weltkrieg gerade erst begonnen.
Gäste des ZDF-"Zeugenhauses": Alles Opfer außer Mutti?

Gäste des ZDF-"Zeugenhauses": Alles Opfer außer Mutti?

Foto: ZDF

Hurra, hurra, ein Emmy für "Unsere Mütter, unsere Väter"! Hurra, hurra, Superquote für "Das Zeugenhaus". Hurra, hurra, alles ist grau in grau, und Schuld gibt es nicht mehr, weil das ZDF es so will.

Es war also mal wieder eine gute Woche für das deutsche Entschuldungsfernsehen.

Wie lange haben "wir" aber auch auf solche Sätze gewartet: "Diese ganze Beschulderei und Verurteilerei, das ist so ermüdend. Wo soll das alles hinführen? Was soll das für ein Deutschland werden?" Oder, inzwischen ein Klassiker: "Wir haben alle gelitten, auch wir Deutschen." Oder, aus dem Poesiealbum des Grauens: "Einen lieberen Onkel als Herrn Hitler kann man sich gar nicht vorstellen." Oder, eine ewige Wahrheit: "Es ist beschämend, am Leben geblieben zu sein."

Uh, aber diesen Satz sagt im "Zeugenhaus" ausgerechnet ein Überlebender der Konzentrationslager, der einzige, der von seiner eigenen Schuld redet, sehr lang sogar.

Fotostrecke

"Das Zeugenhaus" im ZDF: Opfer, Versager, Mitläufer, Täter

Foto: ZDF

Es sind die Opfer, die hier noch mal zu leiden haben, es sind die Opfer, die wie Täter behandelt werden, beleidigt und gedemütigt, die Holz hacken, während die anderen Tee trinken, die sich anschnauzen lassen, weil sie sich nicht die Schuhe sauber gemacht haben.

Die "französische Tippse" etwa, die eigentlich eine KZ-Überlebende ist und Résistance-Kämpferin, aber immer nur Sätze stammeln darf von gänseblümchenhafter Doofheit: "Sie haben mit Hitler über die Juden gesprochen?" Oder: "Sie waren auf dem Obersalzberg?" Oder: "Sie haben Hermann Göring gekannt?"

Die Täter schwadronieren und schwelgen

Worauf die Deutsche sich lustig macht über den französischen Akzent: "Ehhrmann Göörring, das haben Sie schön gesagt."

Überhaupt reden fast nur die Täter in diesem Film, nie die Opfer, das hat schon System. Hitler war dann "auch nur ein Mensch", es ist nicht leicht, "so ein Reich zu regieren", und was die Bilder angeht: "Niemand, der wahrhaft böse ist, kann so etwas malen. Das ist der wahre Hitler."

Sie schwadronieren und schwelgen, die Täter, sie kuscheln sich im Bett zusammen und erinnern sich verzückt an den herrlichen Romantiker, den Sentimentalisten, den Vegetarier und Tierliebhaber.

"Erzähl mir was vom Führer", sagt die Tochter zu ihrem Vater, sie ist vielleicht 30, er ist vielleicht 60, sie ist die Frau vom Ober-Nazi Baldur von Schirach, er war der Hoffotograf von Hitler.

"Einmal", so beginnt der Vater, "einmal in einer Sommernacht fuhren wir im offenen Wagen durch die Berge. Herr Hitler saß vorne neben dem Fahrer. Über uns waren die Sterne. Auf einer Wiese sahen wir ein Lagerfeuer. Herr Hitler ließ den Wagen anhalten. Wir setzten uns zu den jungen Burschen ans Feuer. Und als sie Herrn Hitler erkannten, da haben sie vor Glück geweint."

Fotostrecke

"Unsere Mütter, unsere Väter": In den Ruinen der Menschlichkeit

Foto: ZDF

Worauf die beiden gefühlte fünf Minuten selig lächeln, draußen Regen, Musik in Moll, Herr Hitler.

Der Vorteil an dem dreiteiligen Kriegsepos "Unsere Mütter, unsere Väter" war, dass wenigstens geschossen wurde. Im "Zeugenhaus" wird nur geredet. Und all die Sätze von "grau in grau" und "Schuld gibt es eh nicht" werden ja nicht zweifelnd vorgebracht, sie werden wiederholt und wiederholt und schaffen damit eine eigene Wahrheit.

All die Sätze darüber, ob es die Konzentrationslager wirklich gegeben habe oder ob sich die Opfer das alles nur ausgedacht haben, zeigen keine Verblendung, sondern schaffen ein Klima der dauernden Zumutung, der Gerechtigkeitsbelästigung der Deutschen durch die Amerikaner.

Denn am Rande ging es in "Das Zeugenhaus" um die Nürnberger Prozesse, eine zivilisatorische Menschheitsleistung, eine humanistische Revolution und Grundlage überstaatlicher Gerechtigkeit, die heute auf Diktatoren, Schergen, Täter weltweit angewendet wird, von Srebrenica bis Ruanda.

Jede Wahrheit wird in diesem relativistischen Melodram jedoch mit Verdacht belegt: Man muss aber nicht immer wieder so tun, als sei das Leugnen und Verdrängen, das mit so einem Film eher befördert wird, das eigentlich Interessante und Wesentliche - das Wesentliche ist die Schuld selbst.

Eine Amnesie, typisch fürs Merkeldeutschland

Der Holocaust aber wird in diesem Film vollkommen ausgeblendet, so wie er auch schon in "Unsere Mütter, unsere Väter" ausgeblendet wurde. Die Verbrechen dort waren Verbrechen der Soldaten, einzelne Taten, grausam und unerklärlich oder aus der Logik des Krieges heraus zu sehen.

Nach diesem Prinzip funktioniert nun auch "Das Zeugenhaus": Wehrmacht böse, Deutsche gut. Das ist genau anders herum als in den Neunzigerjahren, als galt: Deutsche böse, Wehrmacht gut.

Es ist ein schuldfreies Vakuum, in dem dieser von Oliver Berben produzierte Film spielt, gräuelfrei, eine Amnesie, die typisch ist fürs Merkeldeutschland. Und es ist ja erst der Anfang: "Das Zeugenhaus" war der Auftakt, hurra, hurra, zur großen Fernsehschlacht um den Zweiten Weltkrieg.

Es darf also auch 2015 viel geweint und gebarmt werden. "Das Zeugenhaus" zeigte schon mal, wie viel deutscher Opferwillen da noch schlummert, wie viel Weinerlichkeit und Selbstmitleid.

Das verbrecherische Deutschland schrumpft dabei zusammen auf diesen einen Satz: "Schauen Sie, der Baldur und ich, wir, unsere Liebe, dann der Krieg, jetzt dieser furchtbare Prozess, das ist alles wie das Schicksal über uns gekommen."

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.