Zirkus-Spektakel "India" Efeu-Männer mit ganz viel Ehrgeiz

Wenn sich junge Kerle wie Efeu um eine Säule wickeln, ist das mehr als ein bloßer Gimmick für die Manege - die indische Akrobatennummer steht für den Aufbruch eines ganzen Landes. Im Zirkus "India" zeigen Athleten, dass sie ganz nach oben wollen.

Henryk M. Broder

Von Henryk M. Broder


Der Zirkus ist die reinste weil unnötigste aller Kunstgattungen. Das Theater will noch immer eine moralische Anstalt sein, die Oper ist ein Gesamtkunstwerk, der Film richtet sich an die Massen, die weder ins Theater noch in die Oper gehen. Der Zirkus aber will nur eines: unterhalten, gute Laune verbreiten. Es ist der Ort, an dem Träume wahr werden, für die Zuschauer und für die Artisten.

Rajesh Mudki war noch nie in Europa, er war noch nie außerhalb von Indien. 1984 in Mumbai, dem früheren Bombay geboren, hat er die Schule, dann ein College besucht und das Studium der Ökonomie mit einem Magister im Fach "Finanzpolitik" abgeschlossen. Das war im Frühjahr dieses Jahres. Zur selben Zeit bewarb er sich bei "India's got Talent", dem indischen Pendant zu "Deutschland sucht den Superstar". Rajesh kam in die Endrunde. Es dauerte nicht lange, und ein Talentscout stand vor seiner Tür: Ob er nicht Lust hätte, mit einer Zirkustruppe ins Ausland zu fahren, zuerst nach Deutschland, dann in andere Länder? "Ich habe sofort ja gesagt. So eine Gelegenheit bekommt man nur einmal."

Jetzt muss Rajesh zeigen, was er kann. Er läuft an, springt waagerecht in die Luft und läuft an einer hölzernen Säule hoch, die etwa so dick ist wie eine Straßenlaterne. Den Bruchteil einer Sekunde trotzt er den Gesetzen der Schwerkraft, dann schlingt er sich um die Säule, als wäre er eine Efeupflanze. Rajesh probt für "India", ein Zirkus-Spektakel, das ab Donnerstag in Frankfurt am Main gezeigt wird und nächstes Jahr auf Deutschlandtour geht.

Was Rajesh macht, heißt "Mallakambh" und ist in Indien eine populäre Sportart. Vor allem ist es eine akrobatische Übung, die extreme Konzentration erfordert. Man kann "Mallakambh" allein oder in der Gruppe ausüben, dann kommt es, wie beim Turmspringen, auf die Synchronität der Bewegungen an. Rajesh war fünf, als er mit dem "Säulenlaufen" anfing, man braucht mindestens zehn Jahre, bis man die Übung beherrscht, und 20, bis man es wirklich kann. Rajesh hat täglich trainiert und sein Studium der Ökonomie mit "Mallakambh"-Auftritten finanziert, auf Hochzeiten und anderen Familienfesten. Jetzt hat der junge Volkswirt seinen ersten Job als Kletterprofi. Er ist mit "India" nach Deutschland gekommen. Und mit ihm kamen 80 weitere Akrobaten, Jongleure, Tänzer und andere Artisten, die der Welt zeigen wollen, was Inder können.

Kein Staatszirkus, keine hormongetränkten Athleten

"India" hat einen prominenten Schirmherrn, den Maharadscha von Jodhpur in Rajastan. Aber es ist kein Staatszirkus. Und die Artisten sind keine hormongetränkten Athleten, die in staatlichen Schulen trainiert wurden, um ihrem Land Ruhm, Ehre und Devisen zu bringen. Es sind Naturtalente, die es aus eigener Kraft geschafft haben. Die meisten kommen aus der Provinz. In einem Land wie Indien, mit mehr als einer Milliarde Einwohnern, heißt das: aus "Kleinstädten" mit ein bis zwei Millionen Menschen.

Für europäische Migrationsforscher interessant ist auch der familiäre Hintergrund: Rajesh Vater ist ein Schneider aus der Gegend um Kalkutta. Als junger Mann wanderte er auf die andere Seite des Kontinents aus, nach Bombay, weil es dort Arbeit gab. Deswegen spricht Rajesh drei Landessprachen: zu Hause mit seinen Eltern Telugu, draußen in der Stadt Marathi und an der Uni Hindi. Dazu natürlich auch Englisch. Er findet das nicht "multikulturell", sondern "ganz normal".

Deswegen sei die Arbeit mit den Indern "extrem einfach" gewesen, sagt Brian Burke, der künstlerische Leiter der Show. Burke, 1977 in New York geboren, kommt nicht nur geografisch aus einer anderen Welt. Er hat das "Performing Arts Conservatory" und die "American Musical and Dramatic Academy" besucht und 1993, mit 16, die USA bei der Weltmeisterschaft der Stepptänzer in Luzern vertreten. Heute, mit 32, gehört er zu den bekanntesten Show-Regisseuren zwischen dem Broadway und Las Vegas. Er ist ein Profi wie aus dem Handbuch des Show-Business. Time is money, wer nicht spurt, kann heimgehen.

Zwei Stunden rasende Unterhaltung

Burke hat mit Stars wie Celine Dion gearbeitet, Shows in Japan inszeniert. Aber solche Leute wie die indischen Artisten hat er noch nicht erlebt. "Begabt, diszipliniert, fleißig und vor allem: immer gut gelaunt." So konnte er in nur drei Monaten eine Show auf die Bühne bringen, für die er in Las Vegas neun bis zwölf Monate gebraucht hätte; zwei Stunden rasende Unterhaltung, zugleich ein Querschnitt durch die Kulturen des indischen Subkontinents. Und "Bollywood" ist natürlich auch dabei. "Das muss sein", sagt Veranstalter Matthias Hoffmann, der schon "Afrika, Afrika!" nach Deutschland geholt hat, "nirgendwo sonst in der Welt wird so toll getanzt".

Hoffmann hat mehrere Millionen Euro in die Show gesteckt, denn Zirkus gehört in Deutschland zu den Kunstgattungen, die nicht subventioniert werden. Er ist Geschäftsmann und kein Mäzen, deswegen will er, dass sich die Investition bezahlt macht. Aber auch ein so erfahrener Showbiz-Knochen wie Hoffmann ist dem Charme der Inder verfallen. "Die Afrikaner waren lieb und nett, aber die Inder sind ausdauernd und ehrgeizig." Wie Rajesh aus Mumbai. Er will hoch hinaus, behält dabei das Gleichgewicht und wenn es mal nicht so klappt, wie er es möchte, versucht er es gleich noch einmal.

Deshalb ist "Mallakambh" mehr als eine Zirkusnummer. Es ist das Prinzip Indien. Eine Nation macht sich auf den Weg in die Welt. Wer "India" gesehen hat, dem wird klar, dass ein Zirkus doch keine unnötige Kunstgattung ist. Er kann auch ein Blick in die Zukunft sein.


"Zirkus India": Weltpremiere in Frankfurt am Main am 17. Dezember, in Hamburg ab 26. Januar, weitere Tourneedaten auf der offiziellen Homepage

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bapon1 17.12.2009
1. Was war das denn ?
Erst dachte ich: Indische Männer klettern im Zirkus an Säulen empor und zeigen, dass Indien hoch hinaus will ?? Schräge Behauptung. Dann sah ich: Henryk M. Broder. dann ist ja alles klar. Ich bereitete mich auf ein sarkastisches Feuerwerk vor. Aber: Der Mann meint es ernst ! Na ja, Indien strebt auf, ist ausdauernd und ehrgeizig, keine Frage, ich bin Inder. Aber Zirkus können auch andere. Herr Broder, da werden Sie ob Ihres Sarkasmus ständig beschimpft und wollen nun auch mal positiv sein. Bleiben Sie lieber sarkastisch. Da ist Ihre Trefferquote höher. Gruß S. Roy
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