Sibylle Berg

Selbstverteidigung der Zivilisation Und jetzt einmal schreien, bitte

Was kann man tun in Zeiten, in denen Gebrüll Standard geworden ist? Endlich selber laut werden!
«Der Schrei» von Edvard Munch

«Der Schrei» von Edvard Munch

Foto: Jason Szenes/ picture alliance / dpa

Norbert Elias schrieb 1939 "Über den Prozess der Zivilisation". Sehr vereinfacht beschrieb er darin die Entwicklung von Persönlichkeitsstrukturen in Westeuropa, die mit der Zivilisierung der Gesellschaft einhergingen: Das Vorrücken der Schamgrenze, die Fähigkeit, andere zu verstehen und eine allmählich sinkende Gewaltbereitschaft.

Wir wissen, wie es ab 1939 in der Geschichte Deutschlands weiterging: Der Prozess der Zivilisierung ist umkehrbar. Müßig, herauszufinden, wo die Ursache des momentanen Trends zu Verrohung liegt und was zum Verschwinden jeder Empathie in lauten Teilen der angeblich zivilisierten Menschen geführt hat. War die Angst zuerst da? Oder die Wut (auf das Leben? Das Wetter? Die da oben?) zu lange unterdrückt ? Ist es ein Teil des Menschlichen, andere zu bekämpfen, zu unterwerfen, zu attackieren, ist es in uns verankert, andere Tiere zu erschlagen?

Mit der Zunahme des fundamentalistischen Idiotenterrorismus begann die Verunsicherung derjenigen, die lange Zeit friedlich rumlungernd von Fortschritt und Wohlstand geträumt und die Globalisierung und deren negative Begleiterscheinungen ignoriert hatten. Seitdem wurde es laut. Unbehaglich, fremdenfeindlich, unzivilisiert. Lieber krakeelen, als sich von Fundamentalisten erschlagen zu lassen, scheinen viele zu denken. Und terrorisieren alle, die anders denken oder aussehen. War es immer so, dass über Krieg und Frieden, über den Wunsch der Mehrheit, unbeschadet zu leben, die Gewaltbereitesten entschieden haben?

Freundliches Schweigen oder strategische Kriegsführung

Und was kann man dagegen tun, wenn man am liebsten seine Ruhe hat und die Wand betrachtet. Kampfsporttraining und Waffenbeschaffung. Der Beherrschten Ratlosigkeit in Zeiten, in denen Gebrüll Standard geworden ist, ist greifbar. Sie ist oft zu Angst geworden. Gegen den Ton, der von Faschisten, Terroristen, Nationalisten und Hassenden angeschlagen wird, nützen leise Töne nichts. Sie gehen unter, werden niedergebrüllt. Argumente sind uninteressant, Ironie wird lächerlich gemacht, Personen beleidigt und Häme, all die Häme, was macht man nur damit, wenn man nicht noch lauter schreien will.

Der Professor für Pädagogik Stangel empfiehlt eine Reihe von Strategien  im Umgang mit aggressiven Rednern, die von freundlichem Schweigen bis zu strategischer Kriegsführung reichen. Die zivilisierte Seite der Menschheit kann auch Umgangsweisen mit körperlich aggressiven Menschen erlernen .

All diese Techniken dienen aber nur der Verteidigung. Den Zurückhaltenden, den Leisen, all jenen, die den inneren Gülledeckel nicht geöffnet haben, bleibt im Verkehr mit der kreischenden, aggressiven Minderheit im Moment nur Reaktion. Verhaltensregeln und Techniken, wie im Umgang mit Infektionskrankheiten. Immer einen Schritt hinterher. Unbefriedigend. Und uneffektiv.

So unangenehm und lebenszeitvernichtend es auch ist, die Leisen sollten wohl besser laut werden. Vereinfachen, wachsam sein, und humorvoll. Nichts verunsichert Dummköpfe mehr.

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