Zürcher Theater Spektakel "Wir brauchen keinen Exotenbonus"

Das größte Theaterfestival der Schweiz schickt nach einer kleinen Krise einen Lokalmatador in die Arena: Sandro Lunin leitet zum ersten Mal das Bühnenspektakel am Zürichsee. Was macht der Neue anders?

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Zum Abschied gab es kühle Kritik statt warmer Worte: Als Maria Magdalena Schwaegermann im vergangenen Sommer zum letzten Mal das "Zürcher Theater Spektakel" leitete, nach sechs Jahren insgesamt, attestierte die "Neue Zürcher Zeitung" ihr "ein eher müdes Schlussbukett" mit "zu viel Offensichtlichkeiten und Plakativem".

Furlan-Produktion "Sono qui per l'amore": Märchenwelt mit Prinzessinnen und Feen
Pierre Nydegger

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Und überhaupt: In ihrer Ära, ätzte das lokale Qualitätsblatt, hätten sich beim größten Theaterfestival der Schweiz "immer wieder dieselben Künstlerinnen und Künstler die Klinke in die Hand gegeben". Abschiedsschmerz klingt anders.

Umso größer sind die Erwartungen, die Schwaegermanns Nachfolger erfüllen muss: Sandro Lunin, zuletzt künstlerischer Leiter des Schlachthaus Theaters Bern.

Dem Neuen kommt entgegen, dass er so neu gar nicht ist auf der Landiwiese am Zürichsee: Von 1993 bis 1998 saß er in der Programmkommission des Festivals, von 1985 bis 1986 war er als Techniker verantwortlich für das sogenannte Kleine Zelt. Ein Lokalmatador also, obendrein in Zürich geboren. Und was macht der nun anders?

Das Festival solle offener werden, sagt er selbst. Offener im Wortsinn, da es draußen zwischen den eigentlichen Spielstätten nun auch kuratierte Performances und Installationen gibt, die die herrliche Seelage betonen. Offener für die volle Vielfalt der Darstellungsformen, abseits des von Schwaegermann so geliebten Musiktheaters. Und offener für Künstler aus Asien, Afrika und Lateinamerika.

Politische Produktionen aus dem Weltsüden, wie Lunin das nennt, stehen nämlich im Fokus der 29. Ausgabe des Theater Spektakels. Da die meisten keine omnipräsenten Festivalhits sind, sondern in Europa eher noch No-Names, dürfen Besucher sich auf Entdeckungen freuen – und müssen Reinfälle befürchten.

Die Gefahr ist schließlich immer dieselbe: Produktionen, die für ihre Herkunftsländer bedeutend und progressiv sind, können für uns altbacken sein. Oder zu progressiv. Oder einfach nur unverständlich.

Dem zugrunde liegt das alte Spiel mit den Sehgewohnheiten: Werden sie gebrochen, ist alles gewonnen. Werden sie ignoriert, ist alles verloren. Ein verdammt schmaler Grat. Lunin hält das Risiko aber für kalkulierbar: "Einen Exotenbonus braucht keiner der Künstler. Sie zeigen sehr urbane, sehr zeitgenössische Produktionen, deren Referenzen unseren sehr ähnlich sind."

Daneben sind natürlich auch europäische Produktionen zu Gast; ein Drittel der 45 freien Gruppen kommt gar aus der Schweiz. Zu ihnen gehören Stefan Kaegi und die dauertourende Dokutheater-Truppe "Rimini-Protokoll". In Zürich zeigen sie zum allerletzten Mal das preisgekrönte Multimediaprojekt "Mnemopark – eine Modelleisenbahnwelt", das 2005 am Theater Basel entstanden ist.

Mitglieder der Modulbau-Freunde Basel stellen die für die Gruppe typischen "Experten des Alltags". Sie bauen ein Muster-Ländli auf, das per Lokomotiv-Kamera live auf eine Leinwand übertragen wird. Die kluge Produktion schafft einen Ort des Erinnerns, auch an die eigene Kindheit. Darin trifft sie sich mit Massimo Furlans "Sono qui per l'amore": Der Schweizer Künstler, bekannt auch für seine Fußball-Performances, lässt die Besucher eintauchen in eine Märchenwelt mit Prinzessinnen, Feen und Drachen.

Auch das Festival selbst leistet übrigens einen Beitrag, um die Welt zu bewahren – und auch das ist neu: Dank Ökostrom, Energiesparlampen und Emissionszertifikaten ist es CO2-neutral. Ein Spektakel mit gutem Gewissen.


Zürcher Theater Spektakel. 14.–31. August auf der Landiwiese am Zürichsee, Tel. 0041/44/412 30 30.



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