Zum Abgang von Roland Koch Auf der anderen Seite der Barrikade

Er hat den Kulturkampf der siebziger Jahre in die Gegenwart übertragen, wurde so zum Lieblingsfeind im einst "roten" Hessen und dann in ganz Deutschland. Roland Koch kann seinen historischen Partisanen-Auftrag jetzt mit Recht als erledigt ansehen - und souverän seinen Abgang machen.
Von Reinhard Mohr
Vertrackte Dialektik zwischen Revolution und Restauration: Wahlkämpfer Roland Koch

Vertrackte Dialektik zwischen Revolution und Restauration: Wahlkämpfer Roland Koch

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Als andere zwischen verrosteten Wäschestangen ihrer Wohnsiedlungen aus den sechziger Jahren Fußball spielten, trat Roland Koch in die "Junge Union" ein, die Jugendorganisation der CDU. Er war 14 Jahre alt. Als andere von der Revolution träumten, Hörsäle besetzten und zur Anti-AKW-Demonstration nach Brokdorf fuhren, wurde Roland Koch Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Main-Taunus. Er war 21 Jahre alt. Als andere am Zaun der künftigen Startbahn West rüttelten, zog Roland Koch, mit 29 Jahren, in den Hessischen Landtag ein.

Ein Leben für die Politik - auf der anderen Seite der Barrikade. So schien es von Anfang an. Und so ging es weiter. Mit 41 Jahren wurde das Wunderkind aus Frankfurt am Main hessischer Ministerpräsident. Nur Uwe Barschel war in noch jüngeren Jahren Ministerpräsident geworden: mit 38.

Ähnlich wie Kohl hatte Koch es nicht nur sehr schnell geschafft, in politische Spitzenämter der Bundesrepublik Deutschland zu gelangen - ebenso rasch wurde er zum Lieblingsfeind aller, die politisch links von der "Stahlhelm"-Fraktion der CDU à la Alfred Dregger standen. Das waren im einst "roten" Hessen aber fast alle westlich des "Fulda Gap", dort, wo amerikanische Atomsprengköpfe auf ihren Einsatz gegen einen möglichen Überfall der Sowjetarmee warteten und der rechtskonservative Bischof Dyba mit aller Sittenstrenge seines Amtes waltete.

Ignorieren funktionierte nicht

Abgesehen von den ideologischen Abgründen trennte die meisten damals auch das Lebensgefühl von der Generation Roland: Nichts war vor 30 Jahren uncooler als eine Mitgliedschaft bei der Jungen Union, Schülerunion oder dem RCDS, dem Studentenverband der CDU. Über die Milchbubis, die aus dem Fortschritt der Zeit komplett herausgefallen waren, ergossen sich ein Jahrzehnt lang Hohn und Spott. Dass sie, genau wie Roland Koch, gern zu McDonald's gingen, Coca Cola tranken und nichts auf die Vereinigten Staaten von Amerika kommen ließen, bestätigte den verheerenden Befund. Da war nichts zu machen, und so beschloss man, die CDU-Jüngelchen nicht mal zu ignorieren.

Bei Roland Koch funktionierte das nicht. Ihn konnte man nicht ignorieren. Nicht nur seiner Zielstrebigkeit wegen, sondern auch, weil er über rhetorische Fähigkeiten, sachliche Kompetenz und eine politische Angriffslust verfügte, denen nur wenige, etwa Joschka Fischer, sein langjähriger Antipode im Hessischen Landtag, gewachsen waren. Dabei war und ist er kein Fanatiker und auch niemand, der aus der tiefsten Tiefe seines christlichen Glaubens oder einer anderen unversiegbaren Quelle seines politischen Handelns heraus schöpft.

Stets war er ein Machtpolitiker reinsten Wassers, der freilich gern jene Grundpositionen einnahm, die dem linken oder linksliberalen Zeitgeist offen Paroli boten. In dieser Mischung aus Strategie und Taktik, Überzeugung und Flexibilität ähnelte er Franz Josef Strauß selig. Nein, auch der war kein Faschist, wie damals manche "Stoppt Strauß!"-Aktivisten meinten, selbst wenn es viele Zitate der "bayerischen Eiche" (Josef Ratzinger) gibt, die auch heute noch Kopfschütteln hervorrufen.

"Strauß war der bedeutendste Politiker des deutschen katholischen Südens", urteilte SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein, obwohl er mit dem konservativen Koloss aus München in beinah allen entscheidenden Fragen überkreuz lag.

Ob man Vergleichbares eines Tages auch über Roland Koch sagen wird? Über den Mann, der im Wahlkampf 1999 mit Ressentiments gegen Ausländer Politik gemacht hat, den CDU-Parteispendenskandal 2000 inklusive angeblich "jüdischer Vermächtnisse" mit seiner "brutalstmöglichen Aufklärung" nur um Haaresbreite überstand, immer wieder durch polemisch-populistische Attacken auffiel und zuletzt dafür gesorgt hat, dass ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender nicht wiedergewählt wurde?

Zwischen "Hessen vorn" und "Erbarmen, die Hessen kommen"

Landauf landab ist jedenfalls kein anderer CDU-Ministerpräsident zu sehen, der ein ähnlich kantiges Profil vorzuweisen hätte wie Koch. Weder der Saarländer Peter Müller noch der Niedersachse Christian Wulff haben jene kämpferisch polarisierende Statur, die Überzeugung mit Machtwillen verbindet, und der Stuttgarter Stefan Mappus, Jahrgang 1966, gehört schon einer anderen, pragmatischeren Generation an - trotz allen zur Schau gestellten Spätzle-Konservativismus.

Roland Kochs politische Kontur wurde nicht zuletzt in jenen ideologisch aufgeladenen siebziger Jahren geschärft, als die sozialdemokratische Parole "Hessen vorn" mit dem musikalischen Warnschrei der Rodgau Monotones, Erbarmen, die Hessen kommen!, konkurrierte. Damals war die samstägliche Straßenschlacht in der Frankfurter Innenstadt noch so selbstverständlich wie die schicke Shopping Mall auf der Zeil heutzutage.

Der Hessische Rundfunk war so sehr ein sozialdemokratisch dominierter "Rotfunk" wie er heute ein teils gotterbärmlicher, schwarzrotgoldener Seichtfunk geworden ist. Über die berüchtigten "Rahmenrichtlinien" für den Schulunterricht des gerade verstorbenen SPD-Kultusministers Ludwig von Friedeburg wurde so erbittert gestritten als ginge es um den Untergang des Abendlands, und nur Heinz Schenks Ebbelwoi-seliger "Blauer Bock" hielt das zerstrittene Hessenvolk mental einigermaßen zusammen.

In dieser vertrackten Dialektik zwischen Revolution und Restauration schlummert womöglich das Markengeheimnis von Roland Koch, seine Unique Selling Proposition: Ein moderner Konservativismus, der den Gestus des Kulturkampfs aus der ideologisch gestählten Vergangenheit in eine Gegenwart übersetzt, in der es scheinbar nur noch um politisch korrekte Konsenslösungen geht - von Elterngeld und Kitaplatz bis zur Datenvoratsspeicherung und Google Street View.

Während seiner Pressekonferenz gestern in Wiesbaden spürte man deutlich die Erleichterung des hessischen Ministerpräsidenten, dass er nun seinen historischen Partisanenauftrag als erledigt ansieht. Mehr ist nicht herauszuholen aus der Geschichte in einer Zeit, da die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende binnen weniger Wochen von der strikten Ablehnung einer Finanztransaktionssteuer zu ihrer vehementen Befürwortung wechselt. So kann der alte Kämpfer Koch zum selbstgewählten Zeitpunkt die souveräne Entscheidung zum Abgang aus der Politik vollziehen und ganz entspannt den schönen Satz sagen: "Politik ist nicht mein Leben". Wer hätte das gedacht nach diesem Leben für die Politik. Schlimmer noch: Man glaubt es ihm sogar.

Vielleicht erinnert sich ja an diesem denkwürdigen Tag Kochs alter Kulturkampfbruder im Geiste, Joschka Fischer, an den stillen Vierzeiler seines verstorbenen Freundes, des urhessischen Kabarettisten Matthias Beltz, der den Gang der Geschichte ebenso biodynamisch wie verfallstheoretisch erklärt:

Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben?

Parmesan und Partisan, alles wird zerrieben

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