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Georg Kreisler: Beste Boshaftigkeiten

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Zum Tod Georg Kreislers Ein Anarchist im Frack

Beste Boshaftigkeiten: Wenn man nicht genau hinhörte, konnte man Georg Kreislers Lieder für behagliche Chansons halten, dabei strotzte der Vortrag des Herrn mit der großflächigen Brille stets von Mord und Totschlag - und politischer Hellsicht.
Von Albert Hefele

Dass der Wiener per Gentransfer ein Händchen für geschmeidig vorgetragene Brutalitäten hat, ist umfangreich dokumentiert. Wenn zu dieser grundsätzlichen Prägung noch die Lust des Tanzens am Abgrund kommt, die man jüdisch sozialisierten Menschen nachsagt, entsteht, wenn's gut geht, eine Mischung aus bösartigstem Spott und einer immer wieder vage durchschimmernden tiefen Weisheit. Es entsteht - wenn's gut geht - so etwas wie Georg Kreisler.

"Man schreibt Böses, um Gutes zu bewirken". So hat es Georg Kreisler in einem Interview mit der "Zeit" noch im Sommer dieses Jahres auf den Punkt gebracht. Auf seinen Punkt wohlgemerkt. Denn die Kreislerschen Blickwinkel sind, was moralisch einwandfreie Inhalte angeht, nicht so einfach nachzuvollziehen. Vor allem seine alten, bösen Lieder haben auch auf den zweiten Blick nur eines im Sinn: das Vergnügen am musikalischen Ausleben verbotener Phantasien. Die glucksende Begeisterung angesichts gereimter Katastrophen und Herzlosigkeiten.

Ein Gentleman, auch beim Abmurksen

Wer nichts von Kreisler kennt, kennt doch die Geschichte des freundlichen Pärchens, das sich einen schönen Tag im Park machen möchte. Die Luft ist lau und das Tüterl mit Gift immer dabei:"Tauben vergiften im Park". So was tut man eigentlich nicht, aber - schlimmer noch - Georg Kreisler macht auch vor den Mitmenschen nicht Halt. Seine Idee, wie man Liebe frisch erhalten kann, gipfelt beispielsweise darin, die Damen des Herzens über den Jordan zu geleiten: "Adelheid warf ich in die Donau gleich nach Dürnstein, niemand hat's geseh'n, / Und sie wird mir verzeih'n, denn grad bei Dürnstein ist die Donau wunderschön".

Ein Gentleman alter Schule, auch wenn es um's Abmurksen geht. Ein Herr im Frack, denn immerhin wollte Georg Kreisler laut Biografie eigentlich Dirigent werden. Mit Musikstudium am Wiener Konservatorium und allem was dazu gehörte. Dann die Emigration in die USA, nachdem die Familie des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Siegfried Kreisler schon 1938 das Unheil kommen sah. Sohn Georg fasste auch fern der Wiener Heimat rasch Fuß im musikalischen Geschäft. Er brachte es immerhin zum musikalischen Berater von Charly Chaplin im Film "Monsieur Verdoux" und zu einer ersten musikalischen Revue "Mama is a Psycho-Analyst". Seine ersten Aufnahmen zum Zwecke der Plattenpressung entstanden in den Studios der RCA und verschwanden prompt in deren tiefsten Kellern. Nicht etwa, weil sie so schlecht gewesen wären, der Kreislersche Humor war den Amis einfach zu heavy. Dabei war ein Titel wie "Please, shoot your husband" allenfalls ein fader Vorgeschmack auf das, was danach an in Europa produzierten Bösartigkeiten folgen sollte.

1955 Rückkehr nach Wien, das zwar seine Heimat war, das er aber, inklusive der Bewohner nicht besonders liebte ("Wie schön wäre Wien ohne Wiener"). Außerdem war Georg Kreisler laut eigener Aussage ein heimatloser Mensch: "…mich stört das Fortgehen nicht". Vor allem, wenn es irgendwo nicht mehr weiterging. Daher von New York nach Wien. Zuerst tat er aber in Wien genau dasselbe wie in Amerika: er arbeitete als Bar-Pianist und traf irgendwann auf Helmut Qualtinger. Einen, der ihm in der Fähigkeit, bühnenreife Bösartigkeiten zu produzieren, in nichts nachstand und sich von ihm doch nachhaltig unterschied. Die Fallhöhe Qualtingers resultierte im Wesentlichen aus der eigentlichen Harmlosigkeit und Alltäglichkeit seiner Figuren, deren oberflächlich hingeworfene, unmenschliche Worthülsen uns erschaudern lassen. Natürlich in Verbindung mit dem Typ Qualtinger, der so viel Wiener Gemütlichkeitskreide fressen konnte, wie er wollte und die in ihm unterschwellig lauernde, geifernde Bedrohung trotzdem nicht komplett im Zaum zu halten in der Lage war.

Unschuldig von der Katastrophe gesungen

Ganz anders Georg Kreisler. Auf der Bühne ein Herr, gerne in Jackett oder im Frack, auch wenn der zeitweise aus schreiend buntem Material gefertigt war. Seine Lieder strahlten jedenfalls zu jeder Zeit gelassene Freundlichkeit aus. Ein der deutschen Sprache nicht mächtiger Ausländer hätte sich anlässlich eines Kreisler-Konzerts wahrscheinlich in einem etwas langweiligen, aber behaglichen Chansonabend gewähnt. Dabei strotzte der Vortrag des Herrn mit der großflächigen Brille eigentlich immer von Mord und Totschlag, geplanten oder durchgeführten Massakern - eine Variante, die auch heutzutage von Klavier spielenden Kabarettisten gerne gewählt wird: Man singt von der großen Katastrophe und guckt unschuldig ins Publikum. Mit dem Unterschied, dass die aktuellen Kollegen es in den allermeisten Fällen nicht mit der geschmeidigen Reimkunst eines Georg Kreisler aufnehmen können.

Und: während in der Jetztzeit eigentlich alles erlaubt und sogar in möglichst provozierender Form präsentiert werden kann, wurde Georg Kreisler jahrzehntelang von Fernsehen und Rundfunk boykottiert. Vermutlich weil er kein einfacher Mensch war, und wegen Textzeilen wie: "Es hat keinen Sinn mehr Lieder zu machen, statt die Verantwortlichen nieder zu machen". Eine Aussage, die der politische Mensch Georg Kreisler in seinen letzten Lebensmonaten wohl durchaus aufrecht erhalten hätte. Die Richtung, in die sich die Welt verändert, gefiel dem 89-Jährigen überhaupt nicht. Und sich ans Klavier setzen und seine Lieder singen mochte er auch nicht mehr: "Über was soll ein alter Mann singen? Über die Liebe? Lächerlich! Über Politik? Es hat doch keine Zukunft mehr. Über den Tod? Peinlich!"

Am 22. November verstarb Georg Kreisler in einem Salzburger Krankenhaus.

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