Zum Tod von Jacques Derrida Adieu, D.

Seine Vorlesungen waren die geheime Sensation im intellektuellen Paris. Er war witzig und gefürchtet zugleich, erbarmungslos mit jenen, die seine Begriffe in falscher Sympathie missbrauchten. Jacques Derrida war ein Philosoph der Öffnung, ein Kämpfer gegen die Totalisierung des Denkens.
Von Niklas Maak

Es kamen auch immer ein paar Verrückte damals, die seltsame Dame mit dem ausladenden Hut zum Beispiel, die manchmal, wenn es ihr passend erschien, seinen Vortrag unterbrach und "Eh bien oui, c'est la différance, l'autre, je parle l'autre" rief. Und dann stand Jacques Derrida dort vorne am Pult des Lesesaals der "Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales" am Pariser Boulevard Raspail und sagte geduldig und entschieden: "Nein. Das tun sie nicht". Er war streng mit denen, die seine Begriffe wie mit dem Salzstreuer über alles rieseln ließen, was ihnen unklar war.

Bis 1998 waren die wöchentlichen Vorlesungen die geheime Sensation im intellektuellen Leben von Paris. Es gab wenige Lehrende, die das Vortragspult so sehr zum Ort für die langsame Verfertigung der Gedanken beim Sprechen machten wie er. Und er war witzig. Er hatte einen gefürchteten Humor, besonders dort, wo er sich und seine Begriffe missverstanden sah.

Einmal, im Winter 1995, erzählte er die Geschichte von Peter Eisenman, dem Architekten, seinem Freund, der einmal ein Haus baute mit einem schiefen Fußboden, und die Bewohner sagten, sie könnten darin nicht wohnen, und Eisenman habe ihnen gesagt, dies sei nun mal ein dekonstruktivistisches Haus; und Derrida sagte, an der Stelle der Bewohner würde er das Haus schleunigst dekonstruieren; ein schiefer Boden sei noch keine Philosophie.

Und danach, wenn die abendliche Vorlesung oder das Seminaire Restraint vorbei waren und Derridas schlohweißes Haar wie ein Nachleuchten am Ende des Boulevard Raspail verschwunden war, ging man ins "News Café" am Jardin du Luxembourg oder in den "Vieux Colombier" auf der Rue de Rennes und diskutierte mit den paar Architekten, die auch in der Vorlesung saßen, darüber, dass Dekonstruktion nicht nur Destruktion und nicht Konstruktion, sondern, in einer paradoxen Bewegung, beides meine: Dass sie Systeme und Hierarchien zerstört, um sie in einer neuen, offenen Ordnung wieder aufzubauen, um mit dem freiwerdenden Material zu spielen, das die Gegensätze wie Kultur und Natur, und sogar Mann und Frau, als kulturelle Setzungen entlarve; und was das alles, möglicherweise, für die Architektur bedeuten könne.

Die Psychologiestudentin aus Warschau, die vor dem Seminar immer die "Gala" las, erzählte mit großer Vorliebe Details aus dem Leben von Derrida, das sie weitaus mehr beschäftigte als "Husserls Weg in die Geschichte am Leitfaden der Geometrie": dass Derrida, der 1930 in Algerien geboren wurde, 1942 die Schule verlassen musste, nachdem die Einschulquote für jüdische Kinder in Algerien von 14 auf 7 Prozent gesenkt worden war; dass er zwei Söhne, Pierre und Jean, habe (diese Tatsache schien sie am meisten zu beschäftigen). Am Nebentisch saßen zwei Japaner und redeten auf einen Studenten aus Wyoming ein, der den Unterschied zwischen der "Différence" und der "Différance", die gleich klangen, aber anders aussahen, nicht begreifen wollte.

Derrida lehrte nicht die literarische, spielerische, suchende Form, die seine Essays prägte - sondern die strenge. Er zeigte in seinem Seminar eher Wege der Öffnung, neue Perspektiven, Werkzeuge, um die Totalisierung des Denkens, das Entweder-Oder außer Kraft zu setzen - eine unwegsame Methodik, deren politische, antitotalitäre Implikationen gerade in seinen letzten Werken immer deutlicher hervortraten und ihn als politischen Vordenker etablierten. Jacques Derrida starb in der Nacht zum Samstag im Alter von 74 Jahren an einem Krebsleiden.

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