Zum Tod von Jörg Immendorff Flucht in den Bildergrund

Jörg Immendorff war einer der bekanntesten Künstler im Nachkriegsdeutschland. Er war ein politisch denkender Maler, für den, wie er sagte, "kulturelle Identität alles ist". Seine Werke machen ihn unsterblich.
Von Heiko Klaas

Jörg Immendorff ist tot. Der Maler und langjährige Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie wurde nur 61 Jahre alt. Er erlag am frühen Morgen in seiner Düsseldorfer Wohnung einem plötzlichen Herzstillstand. Immendorff hinterlässt seine 30 Jahre jüngere Frau und ehemalige Schülerin Oda Jaune und eine gemeinsame kleine Tochter.

Immendorff, der zuletzt an den Rollstuhl gefesselt war, litt bereits seit vielen Jahren an einer unheilbaren, degenerativen Nervenkrankheit namens ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Den sicheren Tod vor Augen, trieb er sein Werk jedoch ohne Unterlass voran. Sogar nachdem seine Hände auf Grund der beständig fortschreitenden Lähmung nicht mehr zum Halten des Malpinsels in der Lage waren, produzierte Jörg Immendorff noch unablässig Bilder. Seinen Assistenten gab er präzise Instruktionen und überwachte vom Rollstuhl aus jeden einzelnen Schritt des Malprozesses.

Jörg Immendorff, 1945 im niedersächsischen Bleckede geboren, war in den letzten Jahren viel ins Gerede gekommen. Das Interesse der Medien galt dabei zeitweise weniger seinem künstlerischen Werk als vielmehr den von der Boulevardpresse genüsslich ausgebreiteten Details über seine Krankheit, einer Kokainaffäre und eine nächtlichen Orgie in einem Düsseldorfer Luxushotel. Später dann stand Immendorff als Angeklagter vor Gericht und mit ihm, so hatte man den Eindruck, auch seine Kunst und seine Freiheit, anders zu leben als Otto Normalverbraucher.

Er malte Punks, Politiker und Polizisten

Berühmt wurde er bereits in den späten siebziger Jahren: Eine ganze Bilderserie, die symptomatisch für die Malerei Immendorffs steht, sind die 16 Gemälde aus der Werkgruppe "Café Deutschland". In düsteren, bühnenbildartigen Settings platziert Immendorff zeittypische Gestalten vom Punk über Künstlerkollegen wie A.R. Penck, Politiker wie Helmut Schmidt und Erich Honecker, den Dichter Bertold Brecht bis hin zum uniformierten Polizisten. Den Hintergrund der politisch aufgeladenen Bilder bildete der Ost-West-Konflikt. Den Namen "Café Deutschland" borgte er sich von einer Diskothek in Düsseldorf.

Später in den Neunziger Jahren wurden seine Bilder ruhiger, eleganter und vor allem leerer. Immendorff beschäftigte sich zunehmend mit älteren kunstgeschichtlichen Vorbildern wie etwa Pieter Breughel, seine Themen wurden unpolitischer, seine Darstellungen allegorischer und unbekümmerter. Die Zeit der großen politischen Schlachten schien vorbei.

Immendorf lebte für die "Kulturelle Identität"

Seine letzte große Ausstellung hatte er im Herbst 2005 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Der wegen seiner teils radikalen politischen Inhalte vom Establishment einst geschmähte Beuys-Schüler war im Olymp der deutschen Museumslandschaft angekommen. Die Eröffnungsrede hielt damals kein Geringerer als der noch amtierende, aber gerade abgewählte Bundeskanzler und Immendorff-Intimus Gerhard Schröder.

Durch die große Ausstellung mit rund 100 Arbeiten der letzten 40 Jahre, die unter dem von einem Clint-Eastwood-Western inspirierten Titel "Immendorff. Male Lago - Unsichtbarer Beitrag" zu sehen war, verschoben sich die Verhältnisse wieder - die Kokain-Affäre geriet aus dem Blickfeld. Immendorff wurde wieder als derjenige betrachtet, der er war: ein politisch denkender Maler, für den, wie er sagte, "kulturelle Identität alles ist". "Man sollte seinen Job ernst nehmen und mit Enthusiasmus an die Sache rangehen", gab sich der von seiner Krankheit schon sichtbar gezeichnete Maler noch ebenso pragmatisch wie zuversichtlich.

Die Eingangshalle des Mies-van-der-Rohe-Baus verwandelte er in eine Art Dorf. Wie Blutadern führten organisch angelegte Wege in einen Ausstellungsparcours hinein, der aus pavillonartigen Häusern, besteigbaren Türmen, einem Dorfbrunnen und unzähligen, auf Sockeln montierten Bronzeaffen bestand. Der zum emblemhaften Maskottchen des Immendorffschen Bildvokabulars gewordene Affe fungierte seit 20 Jahren als Alter Ego, mal positiv besetzt als "Malerfreund", andererseits aber durchaus auch als widerspenstiger Gegenpart und Vehikel der sublimen Selbstkritik eingesetzt. Ein eitler Malerfürst ohne einen Funken Selbstironie war Immendorff nämlich keinesfalls.

"Das Bild muss die Funktion der Kartoffel übernehmen"

Die Berliner Schau kam in nahezu klassischer Agitprop-Ästhetik daher: Signalrot waren nicht nur die Wege und Häuser, sondern auch die mit rätselhaften Propagandasprüchen beschrifteten Wimpel, von Galgen herabhängenden Fahnen und Transparente, die dem Ganzen ein theatralisch-revolutionäres Ambiente verliehen. "Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?", "Angstschweiß eines am Diesseits orientierten Bürgers" oder "Das Bild muss die Funktion der Kartoffel übernehmen", hieß es da mal kritisch hinterfragend, mal abwegig-kryptisch. Oder ganz einfach nur "Suppengrund".

Die kleine Anekdote, die Immendorff hierzu zum Besten gab, sprach Bände. Vom autoritären Großvater zum Aufessen seiner Suppe gezwungen, tröstete sich Jörg Immendorff, der als Kind keine Suppen mochte, stets damit, irgendwann zum Suppengrund, dem Boden des reich bebilderten Tellers vorzudringen. Das jeweilige Tellermotiv entschädigte ihn für die am Mittagstisch erlittene Peinigung. "Ich habe mich immer schon verflüchtigt in die malerische Welt", sagte er.

Und so einer musste weiter Bilder produzieren, selbst wenn ihm die Hände mittlerweile den Dienst versagten. Immendorff, dessen neuere Bilder ausschließlich von seinen Assistenten gemalt wurden, sah sich als "Komponist oder Dirigent", der andere dazu anleitete, genau das auszuführen, was er sich ausdachte. Seinen persönlichen Malstil sah er dadurch übrigens nicht gefährdet: "Ich dulde keine persönliche Handschrift meiner Assistenten", entfuhr es ihm schon einmal. "Es ist sogar ein Stück größerer Freiheit und Objektivität", betonte er und fügte hinzu: "Auch als ich noch mit vier Armen malte, malten andere schon immer mit".

"Ich war kein doller Zeichner", sagte er noch am Ende

Seine Karriere begann er Ende der sechziger Jahre. Damals ersann der Künstler, lange vor der Gründung der gleichnamigen Supermarktkette, das Nonsens-Wort "LIDL". LIDL war ein subversiv-parodistisches System der künstlerischen Einflussnahme auf die gesellschaftliche Realität. In der Düsseldorfer Altstadt gab es einen LIDL-Raum, das Team von LIDL-Sport trainierte für Olympia, und die LIDL-Stadt existierte als Papiermodell. Die letzte große Ehrung, die Immendorff zu Lebzeiten erhalten hat, war die Verleihung des Goslarer Kaiserrings 2006. Die Jury lobte noch einmal ausdrücklich seine gesellschaftskritische malerische Grundhaltung: "Mit radikalen Mitteln widersetzt sich Immendorff den Überlegungen der abstrakten Kunst zugunsten einer politisch und sozial engagierten Anschauung", hieß es damals in der Jurybegründung.

In einem seiner letzten großen Interviews zog Immendorff bereits 2005 gegenüber dem Magazin "Kunstforum" Bilanz: "Ich war weiß Gott, als ich anfing, nicht der supertalentierte Künstler. Bei mir haben die höheren Wesen, glaube ich, mehr mitgewirkt als bei anderen. Ich war kein doller Zeichner. Ich habe das mit etwas anderem wettmachen können."

Mehr lesen über Verwandte Artikel