Zum Tod von Richard Gruner Verlagsgründung unter dem Apfelbaum

Unternehmer, Drucker, Pilot: Richard Gruner hatte viele Talente. Sein größtes Vermächtnis ist Europas größter Magazinverlag Gruner + Jahr, den er 1965 unter einem Apfelbaum gründete - und der seinen Namen noch heute im Titel trägt. Am vorigen Mittwoch ist der 84-Jährige in Liechtenstein gestorben.

Hamburg - Er war der letzte lebende Gründer eines der bedeutendsten deutschen Verlage: Richard Gruner, Namensvater von Gruner + Jahr, ist am 13. Januar im Alter von 84 Jahren in Liechtenstein gestorben. Das bestätigte ein Unternehmenssprecher am Freitagabend SPIEGEL ONLINE.

Der Verlag würdigte das Lebenswerk seines Mitgründers. "Richard Gruner ist mit seinen Namen heute und in Zukunft in diesem Hause präsent", teilt Bernd Buchholz, Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr, in einem Kondolenzschreiben mit. Als Vorsitzender der Geschäftsführung habe Gruner in der Frühzeit des Unternehmens großen Anteil am erfolgreichen Start des inzwischen größten Magazinverlags Europas gehabt.

Es sei Gruner stets ein persönliches Anliegen gewesen, für die wirtschaftlichen Grundlagen zu sorgen, damit freie Journalisten frei ihrer Arbeit nachgehen können, schreibt Buchholz. "Seinem Lebenswerk zollen wir großen Respekt. Wir werden uns stets dankbar an den Mitbegründer unseres Unternehmens erinnern."

Gruner wurde am 25. Dezember 1925 in Hamburg geboren. Der Verlegersohn John Jahr beschrieb den Manager, mit dem er lange persönlich befreundet war, in einem "Zeit"-Artikel als sehr selbstbewussten und kaufmännisch versierten Selfmademan. "Er war 1946 als ein junger Mann von 21 Jahren gezwungen, nach dem tödlichen Unfall seines Vaters die Druckerei von einem auf den anderen Tag zu übernehmen", schreibt Jahr. Diese Aufgabe habe Gruner mit Bravour gemeistert.

Verlagsgründung unter dem Apfelbaum

Es dauerte nicht lange, da wollte der Druckerei-Chef mehr, er arbeitete an seinem Einstieg ins Verlagsgeschäft. An die Stunde Null, den Tag, an dem der Grundstein für das große deutsche Zeitungshaus gelegt wurde, erinnert sich John Jahr noch genau. Das entscheidende Treffen "fand am 30. Juni 1965 in meinem Elternhaus an der Hamburger Alsterkrugchaussee" statt, schreibt er. "Unter einem großen Apfelbaum, bei Erdbeerkuchen mit Sahne", saßen damals "Zeit"- und "Stern"-Verleger Gerd Bucerius, Richard Gruner "und mein Vater John Jahr zusammen und unterschrieben das umfangreiche Vertragswerk".

Mehrere Jahre habe es gedauert, bis sich diese drei in ihrem Wesen so unterschiedlichen Verleger und Unternehmer einig gewesen seien. "Wenn es für Bucerius zu hektisch wurde, er mit seiner Argumentation nicht durchkam, dann lief er einfach aus dem Zimmer und verschwand für eine Weile, während die anderen munter weitersprechen", schreibt Jahr. "Keiner hat sich an diesem Verhalten gestört."

Letztlich unterschrieben die drei Männer - und Bucerius verzichtete darauf, dass sein Name im Verlagstitel auftaucht. "Drei Namen klingen einfach nicht", so lautete die unprätentiöse Begründung.

Misstrauen gegen die Studentenbewegung

Vier Jahre später, im Februar 1969, verkaufte Gruner seine Anteile an dem Verlag bereits wieder - an SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein. Als Grund für Gruners raschen Ausstieg nennt Jahr wachsende Interessenunterschiede zwischen den drei Gesellschaftern.

"In jenen wilden Zeiten des Kalten Krieges war der Ost-West-Konflikt mit dem Säbelrasseln beider Seiten auf dem Höhepunkt", schreibt Jahr in der "Zeit". "Die Bundesrepublik war keineswegs gefestigt in die westliche Welt integriert. Die 68er-Studenten schwärmten für Sozialismus und Kommunismus." Gruner habe damals zutiefst den politischen Entwicklungen nach der Ablösung der CDU-Alleinregierung misstraut - und sich politisch mit seinen Partnern zerstritten.

Das führte letztlich dazu, dass der Verlagsgründer Deutschland verließ und seinen unternehmerischen Weg in den USA fortsetzte. Er machte dort durch geschickte Investitionen ein Vermögen, avancierte unter anderem zum größten Einzelaktionär von American Airlines. 1968 verlegte Gruner seinen Wohnsitz nach Vaduz. Nach Schätzungen des Schweizer Wirtschaftsmagazin "Bilanz" zählte er zu den 300 Reichsten der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein.

Gruner war mit Flora, geborene Freiin von Langen, verheiratet. Er war ein begeisterter Pilot und besaß eine Lizenz für zweimotorige Turboprop-Maschinen. Seit Anfang 1976 flog er eine zweistrahlige Mystere 10. Seit seinem Ausstieg bei Gruner + Jahr stand der Unternehmer kaum mehr im Rampenlicht der Branche - den Verlag, den er einst mitgegründet hat, besuchte er das letzte Mal 2006: als Ehrengast bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises.

Vergangenen Mittwoch ist Gruner in seinem Haus in Vaduz gestorben. Sein Begräbnis soll, so das "Liechtensteiner Volksblatt", im engsten Familienkreis stattfinden.

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