Zum Tode Fritz Teufels Ich rauch' Gras, ich will Spaß

Kiffen war cool, wilde Liebe auch, und Bomben sollten aus Zucker sein: Fritz Teufel verkörperte das Vergnügen an der Revolte von 1968. Doch die Happenings der "Kommune 1" führten sogar den ewigen Spaßguerillero aus Schwaben in den bewaffneten Kampf - und in den Knast.

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"Ick weeß, Fritze is tot", sagt Bommi Baumann, der ihn 1967 in der "Kommune 1" in West-Berlin kennenlernte. Für seine alten Genossen und Freunde kam der Abschied von Fritz Teufel nicht überraschend. Vor zwölf Jahren war bei ihm die Parkinson-Krankheit diagnostiziert worden, die unter anderem sein Rückgrat ruiniert hatte. Zuletzt saß er bewegungsunfähig im Rollstuhl.

Fritz Teufel war der Vater der Spaßguerilla, wie kein anderer Protagonist der 68er stand er für die Demaskierung des Bürgerlichen durch Humor; für Propaganda durch Provokation; für das Lachen über den Ernst der Verhältnisse.

In Ludwigsburg in Schwaben wurde er 1943 als Kriegskind geboren. Fritz Teufel interessierte sich bereits als Schüler für Politik und Geschichte. Wiederholt fuhr er nach Frankfurt am Main, um die Auschwitz-Prozesse gegen Nazi-Verbrecher im Gerichtssaal zu verfolgen. Im Alter von 20 Jahren ging der Sohn eines Steuerberaters nach West-Berlin, doch seinem Studium der Germanistik und Publizistik an der Freien Universität widmete er sich nur sporadisch. Er trat lieber in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ein, lernte Rudi Dutschke und weitere junge Revolutionäre kennen. Mit Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans, Antje Krüger und anderen gründete er im Januar 1967 die "Kommune 1".

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Fritz Teufel: Spaßguerillero

Diese avantgardistische Vereinigung von Kulturrevolutionären studierte Sigmund Freud, Wilhelm Reich sowie Herbert Marcuse und gelangte zu der Erkenntnis, dass der Kapitalismus seine Insassen krank mache. Die bürgerliche Gesellschaft, so fanden die Kommunarden, müsse fortrevolutioniert, die "Zweierbeziehung" überwunden und die Sexualität befreit werden. Kiffen war cool, LSD-Trips auch.

"Wenn's der Wahrheitsfindung dient"

Für das vermuffte Deutschland der sechziger Jahre waren solche Angriffe auf Ehe und Anstand unerträglich. Fritz Teufel hatte lange dunkle Haare, trug eine Nickelbrille, er wirkte wie ein intellektueller Jimi Hendrix. Der in der Mauerstadt dominierenden Springer-Presse galt Teufel als Inbegriff des "Gammlers", "Radikaliniskis" oder "FU-Chinesen", gegen den "B.Z." und "Bild" munter hetzten. In der seriöseren Presse firmierte er als "Bürgerschreck" - eine unsinnige Bezeichnung, denn er war ein sehr sanfter und freundlicher Zeitgenosse, der alles andere als Angst und Schrecken verbreitete.

Dennoch geriet er schnell in Konflikt mit der Staatsgewalt und der Justiz. Am 2. Juni 1967, als Tausende Studenten in West-Berlin gegen den Schah von Persien demonstrierten, wurde er nach einem angeblichen Steinwurf festgenommen. Während der West-Berliner Polizist und Ost-Berliner Stasi-Agent Karl-Heinz-Kurras, der den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, in Freiheit blieb, saß Teufel wegen Landfriedensbruchs fast ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. Vor Gericht parierte er die Aufforderung sich zu erheben mit der Bemerkung: "Wenn's der Wahrheitsfindung dient."

Kurz darauf wurde er zusammen mit dem Kommunengenossen Rainer Langhans erneut festgenommen, weil sie angeblich einen Bombenanschlag auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey planten. Wie sich schnell herausstellte, wollten sie ihn aus Protest gegen den brutalen Bombenkrieg der US-Airforce in Vietnam mit Pudding und Mehl bewerfen.

"Ich finde immer noch, dass es eine tolle Zeit war", sagte Teufel selbst Anfang dieses Jahres in einem Interview mit dem "Tagesspiegel". "Wir waren jung, unbekümmert, unerfahren. In den Jahren 1967 und 1968 herrschte eine solche Vertraulichkeit und Fröhlichkeit, es war eine unglaubliche Aufbruchstimmung und dazu diese hippiemäßige Zärtlichkeit. Wir waren richtig selig, man konnte sich jeden Tag neu verlieben. Ich habe davon reichlich Gebrauch gemacht. Als ich aus dem Knast rauskam, hatte ich das Gefühl, dass mir eine Entschädigung zustand und fiel von einer Verliebtheit in die andere."

"Es war vielleicht nicht falsch"

Doch der "Summer of Love" ging zu Ende. Teufel zog nach München, liierte sich mit Irmgard Möller, die bald zu der von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und seinem Anwalt Horst Mahler gegründeten Rote Armee Fraktion stieß. Dem Anarchisten Teufel war die RAF, die sich auf Marx und Lenin berief, zu doktrinär, aber auch er meinte, dass die Zeit für den "bewaffneten Kampf" gekommen sei. Er bewegte sich im Umfeld der "Bewegung 2. Juni".

Nachdem er 1975 verhaftet worden war - er führte eine Pistole und eine Schrotflinte mit sich -, landete er im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses in Berlin-Moabit. Die Staatsanwaltschaft klagte ihren alten Bekannten wegen der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz und der Freipressung von fünf inhaftierten Anarchisten an. Fritz Teufel machte lange gute Miene zum bösen Spiel, erst 1980 legte er sein Alibi vor. Zur Zeit der Lorenz-Entführung, das konnte er beweisen, verfertigte er gerade in einer Essener Fabrik Klodeckel. Später sagte er zu seinem Ausflug in den bewaffneten Kampf: "Es war vielleicht nicht falsch, aber es war aussichtslos, das Abmurksen vietnamesischer Kinder beenden zu wollen, indem wir hier eine zweite Front eröffneten."

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis arbeitete er als "Säzzer" bei der Berliner "Tageszeitung" und sorgte mit einem in das Blatt geschmuggelten Aufruf für eine Hausbesetzerdemo ("Lasst tausend Scheiben klirren") für eine ordentliche Polizei-Razzia. Vor allem aber entdeckte er nun seine große Liebe, von der Liebe zur Revolution einmal abgesehen: das Fahrrad. Er radelte und radelte und radelte.

Der ewige Spaßguerillero

Konstantes Kiffen und der Knast hatten ihn langsam gemacht, doch seinen untergründigen Humor hatte er nicht verloren. Er ging nach London, lebte in einem besetzten Haus in der Brixtoner Villa Road und arbeitete als Bäcker. Zurück in Berlin trat er als Fahrradkurier in die Pedale und siedelte sich im proletarisch-migrantischen Wedding an.

Gelegentlich trat er noch als Spaßguerillero in Aktion. In einer Talkshow spritzte er 1982 den Finanzminister Hans Matthöfer mit einer Wasserpistole nass, die mit Tinte gefüllt war, die sich umgehend entfärbte. Der Politiker kippte ihm postwendend ein Glas Rotwein ins Gesicht.

Seinen Spaßdrang hatte er ganz im Stile Martin Luthers mit "Ich kann nicht anders" begründet. Schließlich war er schon zur Turnübung des Sportabiturs barfuß und in einen langen Mantel gehüllt angetreten.

insgesamt 50 Beiträge
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Geigenkast 07.07.2010
1. Ein kluger Kopf ...
... weniger.
bluecaffee 07.07.2010
2. Keinen Plan!
Ich weis nicht wie alt sie sind, aber sie haben keine Ahnung, sie werden nicht über - sondern teilweise noch unterschätzt!
fiutare 07.07.2010
3. übel
Wenn ich sowas lese, könnte ich glatt Ihren Nick zitieren. Ihre Behauptung ist eine sinnlose Plattitüde. Es geht auch garnicht darum, welchen "Einfluss" die 68er (auf was eigentlich?) gehabt haben, sondern es hat sie gegeben. Und es hat Fritz Teufel gegeben. Sehen Sie heute jemanden, der mit Provokation, Scharfsinn und Humor gleichermassen für Ausehen sorgt? Zu Kontroversen führt? Diskussionen auslöst? Ich nicht. Alleine dafür war die 68er - Ära richtig und wichtig. Da kann Ihnen heute noch so übel sein.
shokaku 07.07.2010
4.
Zitat von fiutareWenn ich sowas lese, könnte ich glatt Ihren Nick zitieren. Ihre Behauptung ist eine sinnlose Plattitüde. Es geht auch garnicht darum, welchen "Einfluss" die 68er (auf was eigentlich?) gehabt haben, sondern es hat sie gegeben. Und es hat Fritz Teufel gegeben. Sehen Sie heute jemanden, der mit Provokation, Scharfsinn und Humor gleichermassen für Ausehen sorgt? Zu Kontroversen führt? Diskussionen auslöst? Ich nicht. Alleine dafür war die 68er - Ära richtig und wichtig. Da kann Ihnen heute noch so übel sein.
Sarrazin?
rafkuß 07.07.2010
5. Aua!
Zitat von shokakuSarrazin?
Es wurden Provokation, Intellekt/Scharfsinn und Fantasie gefordert. Wo wäre bei Sarrazin Letzteres versteckt?
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