Zum Tode Günter Behnischs Der Mann, der Deutschland ein junges Gesicht schenkte

Vom spektakulären Münchner Olympiagelände bis zum Bonner Bundestag: Günter Behnisch prägte das Bild Westdeutschlands in der ganzen Welt. Wie kaum einem anderen gelang es dem großen Baumeister der alten Bundesrepublik, Demokratie und Freiheit in eindrucksvolle Bauten zu übersetzen.

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Hat nicht jedes Land, hat nicht jeder Staat auch eine Art Gesicht, mit all seinen typischen, ganz und gar individuellen Merkmalen? Und ist das Gesicht jedes Landes, jedes Staates nicht auch geprägt worden vom Geist, von der Schaffenskraft seiner Einwohner, seiner Bürger - und seiner Baumeister?

Wer an das Gesicht Frankreichs denkt, dem mag die atemberaubende Natur des Landes einfallen, die Atlantikküste etwa oder der Mont Blanc - aber eben auch der Eiffelturm oder das Centre Pompidou in Paris. Wer an das Gesicht Großbritanniens denkt, der wird die weißen Klippen von Dover vor sich sehen, die schottischen Highlands - aber eben auch den Big Ben, den Tower oder The Gherkin. Und wer als Nicht-Deutscher an die junge Bundesrepublik denkt, also an das gute, alte West Germany, dem wird sich ein gigantischer Bau von Günter Behnisch aufdrängen.

Spätestens als am 26. August 1972 die Olympischen Sommerspiele eröffneten, sah die Welt auf Günter Behnischs Werk. Mit dem Münchner Olympiastadion war dem damals 50-Jährigen etwas gelungen, was nur sehr wenigen Architekten vergönnt ist: Er hatte eine Ikone geschaffen. Dort auf dem Oberwiesenfeld stand er nun, dieser elegante Bau. Ein durch und durch moderner Sporttempel, aber vor allem: ein perfektes Symbol für das neue, das demokratische Deutschland.

Das offene, geschwungene Zeltdach, das so leicht wirkt, fast schwerelos, reicht mit seinen 75.000 Quadratmetern Fläche weit über das eigentliche Stadiongelände hinaus. Der magisch gewobene, transparente Teppich, der sich sanft über den Olympiapark legt, sandte ein Signal: Hier empfängt ein demokratisches, offenes Land die Völker der Welt. So grenzte sich die junge Republik symbolisch ab von den monumentalen Gewaltbauten der nationalsozialistischen Diktatur, die ja zu den Olympischen Spielen in Berlin 1936 kolossale Kampfbahnen in die Hauptstadt gewuchtet hatte.

"Demokratisches Bauen"

Behnisch, der das Münchner Ensemble gemeinsam mit dem Konstrukteur Frei Otto und dem Landschaftsplaner Günther Grzimek entworfen hatte, ließ sich diese schmeichelhafte Interpretation seiner wichtigsten Arbeit gerne gefallen. Er hob, etwas kokett, gerne mal die Mühsal der rund vierjährigen Bauzeit hervor: "Das war ja die Kunst: unter großen Zwängen etwas Ungezwungenes zu bauen."

Vorgezeichnet war ihm der Weg zum international bekannten Star-Architekten nicht - der er war, lange bevor der Begriff in den Neunzigern so populär wurde. Behnisch, 1922 in Lockwitz bei Dresden geboren und später in Chemnitz aufgewachsen, zog zunächst als U-Boot-Kommandant für Hitler in den Krieg. Dieses "Zur-See-Fahren" sei für "einen jungen Kerl auch eine dolle Sache" gewesen, erinnerte er sich in einem Interview mit dem Wochenblatt "Die Zeit"; von den Verbrechen der Nazis habe er erst im Nachhinein erfahren.

Der Militärzeit verdankte Behnisch indirekt seinen Beruf: Während des Krieges habe er in einem Hotel im italienischen La Spezia ein Buch gefunden; es "handelte davon, wie man Häuser konstruiert. Der Krieg war zu Ende, und irgendetwas musste ich ja machen." Nachdem er 1947 aus britischer Gefangenschaft zurückkehrte, konnte er also an der TH Stuttgart endlich "irgendetwas machen"; er studierte Architektur. 1952 eröffnete er sein Büro in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, Renommee erwarb er schnell mit einer Vielzahl von (Hoch-)Schulbauten und Sporthallen in dem Bundesland.

Seine Zeit in Hitlers U-Booten verleitete später viele Architektur-Kritiker dazu, seinen Baustil - offene Gebäude, meist mit viel Glas, oft als "demokratisches Bauen" auf den Punkt gebracht - als Kontrapunkt zur klaustrophobischen Kriegserfahrung unter Wasser zu deuten. Pah, Unsinn, beschied der Meister. Der "Zeit" sagte er: "Meine Liebe fürs Licht kommt von 'Brüder, zur Sonne, zur Freiheit'", dem berühmten Arbeiterlied. Behnisch, selbst kein Parteimitglied, bewunderte den mehr Demokratie wagenden SPD-Kanzler Willy Brandt, er verehrte den sozialdemokratischen Intellektuellen und Staatsrechtler Carlo Schmid, er fühlte sich dem Verfassungspatriotismus von Jürgen Habermas verpflichtet.

Wer als Architekt Männer zu Brüdern im Geiste erklärt, die wie wenige andere an der Formung eines bundesrepublikanischen Bewusstseins mitgewirkt hatten, musste fast zwangsläufig auch diesen hoch symbolischen Auftrag bekommen: Neubau des Bonner Bundestags. Behnisch hatte bereits 1973 den Architekturwettbewerb gewonnen. Doch die Sache zog sich - wie bei politisch hypersensiblen Projekten üblich - eine halbe Ewigkeit hin. Erst 1987 bekam er endlich grünes Licht, für eine eingedampfte Version, natürlich. 1992 schließlich konnte sein Plenarsaal eröffnet werden - aber da hatte die Geschichte Behnisch und seinen Bau schon de facto überholt.

Behnisch contra Berlin

Als das wiedervereinigte Deutschland Ende der Neunziger seine politische Schaltzentrale nach Berlin verlegte, reagierte Behnisch vergrätzt. Allerdings nicht, weil er beleidigt war, dass sein Werk nun nicht mehr adäquat genutzt wurde. Erstens, bekannte Behnisch freimütig, werde er mit Berlin nie so recht warm, allein aus landsmannschaftlicher Tradition heraus: "Ich bin ein Sachse, und wir haben immer zusammen gegen die Preußen gekämpft - und haben immer verloren." Das mag ein mauer Scherz gewesen sein, eine andere Sorge aber trieb ihn ernsthaft um: Ihm missfiel der neue Stil der Berliner Republik zutiefst, auch in architektonischen Fragen.

Ihm selbst stieg die muffige Berliner Luft der doch eigentlich so neuen, frischen Republik in die Nase, als er eine seiner letzten spektakulären, später wegen konstruktiver Mängel (Lärm, zu geringe Fläche) zu Recht kritisierten Arbeiten anging: den Neubau der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz.

Behnisch blieb auch in Berlin konsequent Behnisch: Sein Entwurf sah eine Hightech-Glasfassade vor, die Berliner Beamten reagierten entsetzt. So ein Glaskasten? Inmitten dieser wuchtigen, historischen Steinbauten, direkt neben dem prächtigen Hotel Adlon? Aber ja! Behnisch, durch und durch Modernist, sagte damals: "Ich bin gar nicht erst auf die Idee gekommen, da eine Steinfassade zu machen." Und stichelte weiter: "Wir wollten schon gar keine Assoziationen an die Großkotzigkeit der Hitler-Architektur und der wilhelminischen Architektur wecken."

Die gigantomanischen Macht-Klötze der NS- und Kaiserzeit, so fürchtete er, feierten ein schleichendes Comeback in der neuen Hauptstadt. Das besagte Hotel Adlon? Doch auch nur ein wiederaufgebauter Kulissenbau aus der Kaiserzeit. Und dann diskutieren die Leute sogar über die Rekonstruktion des Stadtschlosses! Für Behnisch waren diese historisierenden Bauten reine Sicherheitsarchitektur, die eine spießig-konservative Sehnsucht nach Gemütlichkeit bediente, wo doch eigentlich Wagnisse gefragt waren. Ein Sentiment, das er nur mit lakonischer Bissigkeit kommentieren konnte: "Wenn es jemand nach Gemütlichkeit verlangt, soll er sich eine Katze anschaffen."

Günter Behnisch starb am Montag in seiner Wahlheimat Stuttgart.



insgesamt 31 Beiträge
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stoic 13.07.2010
1. vielen dank…
vielen dank, herr behnisch, für das olympiazentrum, dass sie so mutig waren an ihre idee zu glauben, auch wenn im entwurf noch nicht sicher war, ob das dach überhaupt gebaut werden kann, vielen dank, dass sie sich entschieden gegen die drohende verunstaltung zur WM06 gestellt haben. ein gutes beispiel dafür, wie moderne architektur auch noch 40 jahre später frisch und gut wirken kann… allerdings ging einem ihr "glas=transparenz=demokratie" fetisch irgendwann schon auf die nerven, denn seien wir ehrlich, ihre akademie ist letztlich nur das von ihnen so gefürchtete mittelmass geworden, und anstatt ein ausrufezeichen für die demokratische moderne zu sein, vermag sie nur den mediokren neohistorismus der kollegen patschke und partner zu spiegeln und verdoppeln…
Fliegendes Nashorn 13.07.2010
2. Der Mann, der Deutschland ein häßliches Gesicht gab
Zitat von sysopVom spektakulären Münchner Olympiagelände bis zum Bonner Bundestag: Günter Behnisch prägte das Bild Westdeutschlands in der ganzen Welt. Wie kaum ein anderer gelang es dem großen Baumeister der alten Bundesrepublik, Demokratie und Freiheit in eindrucksvolle Bauten zu übersetzen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,706145,00.html
Ach, der war es also unter anderem, der die potthässliche Nachkriegsarchitektur verbrochen hat... Und "Demokratie und Freiheit" in der "alten Bundesrepublik" ist Blödsinn: Die war offiziell besetzt (!), also (aufgrund der alliierten Oberhhoheit) weder vollkommen demokratisch noch frei! Und wenn er sagte "Wir wollten schon gar keine Assoziationen an die Großkotzigkeit der Hitler-Architektur und der wilhelminischen Architektur." http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-57066-7.html - dannn wollte er sich architektonisch mithin nicht nur von den Jahren 1933 - 1945 distanzieren, sondern von der deutschen Geschichte insgesamt: Seine Architektur ist damit ahistorisch und der deutschen Kultur als solcher gegensätzlich eingestellt. Man stelle sich das einmal in einem anderen Land vor: Etwa ein französischer Architekt, der betont "unfranzösische" Bauten abliefert, um sich von Frankreich und seiner Geschichte zu distanzieren... Das bedeutet nicht, daß alle Architektur rückwärtsgewandt und zwingend bloße Rekonstruktion sein muß: Aber sie sollte die traditionelle Kultur eines Landes wiederspiegeln und, wo möglich/erforderlich, perfektionieren. Bei den Bauten von Behnisch dürften Renovierung oder Umbau nur wenig helfen, zu radikal sind sie in ihrer "Modernität". Da hilft letzten Endes nur: Abreißen.
kekediz 13.07.2010
3. so ein unsinn
"als am 26. August 1972 die Olympischen Sommerspiele eröffneten, sah die Welt auf Günter Behnischs Werk. Mit dem Münchner Olympiastadion war dem damals 50-Jährigen etwas gelungen, was nur sehr wenigen Architekten vergönnt ist: Er hatte eine Ikone geschaffen." Das war nicht Behnisch, sondern Fitz Auer und Carlo Weber. Beim Herrn Auer liegen auch noch die Urheberrechte, bis heute. Der Behnisch war da zufällig dabei, federführend waren dabei noch Jörg Schlaich und natürlich Frei Otto. Die Verdienste des Hr. Behnisch liegen eher im Schulbau der 70er Jahre, wo er Masstäbe gesetzt hat...
Tropby 13.07.2010
4. Anschaffung einer Katze
Als Argument gegen die spießig-konservative Sehnsucht argumentierte Behnisch, dass, wem es nach Gemütlichlichkeit verlangt, sich ja eine Katze anschaffen könne. Nun im Gegenzug könne man argumentieren, wem es nach Wagnis verlange, könne ja z.B. steile Berge besteigen. Und jemand der so argumentiert fühlte sich Jürgen Habermas verpflichtet. Nun, da muss wohl mal jemand von der 4.Gewalt draufschauen und was zu sagen.
takeo_ischi 13.07.2010
5. .
Zitat von sysopVom spektakulären Münchner Olympiagelände bis zum Bonner Bundestag: Günter Behnisch prägte das Bild Westdeutschlands in der ganzen Welt. Wie kaum ein anderer gelang es dem großen Baumeister der alten Bundesrepublik, Demokratie und Freiheit in eindrucksvolle Bauten zu übersetzen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,706145,00.html
Danke, für die neue Sicht auf das Bauen, die er mithalf zu prägen. Durchaus unter Kollegen auch nicht unumstritten, scherzhaft als 'Herr der 1000 Kältebrücken' tituliert, aber immer respektiert, seiner weit überdurchschnittlichen Leistungen wegen. Da ist nun nach längerer Krankheit einer der letzten ganz Großen der Branche heimgegangen.
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