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Louise Bourgeois: Spinnen und andere Monster

Foto: AP/ Guggenheim Museum

Zum Tode Louise Bourgeois' Pervers mit einem Lächeln

Verletzte Frauenkörper, riesige Spinnen, drastische Kannibalismusszenen: Im Schatten von Louise Bourgeois' übermächtigen Vater erwuchs Gewaltiges. Mit der schelmischen Verarbeitung kindlicher Traumata hatte die Künstlerin früh ihr Lebensthema gefunden - und kam spät zu Weltruhm.

Als Louise Bourgeois schon weit über 90 war, lud sie sonntags zu Soireen in ihr Haus im New Yorker Stadtteil Chelsea ein. Die kleine, zerbrechlich wirkende Dame saß dann an einer Cola nippend vergnügt am Tisch und debattierte unermüdlich - weder an Begeisterung noch schroffer Ablehnung sparend - mit ihren Gästen über Kunst. Ihre Assistentin meinte damals, das würde so weitergehen "solange Louise am Leben ist - ewig".

Am Montag ist die französisch-amerikanische Künstlerin mit 98 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Es endete damit ein schöpferischer Elan, den man in den letzten Jahren vermutlich vor allem deshalb für unendlich gehalten hatte, weil er sich erst so spät unter den Augen der Öffentlichkeit vollzog hat.

Ihre künstlerische Begabung hatte Bourgeois schon im Paris der dreißiger Jahre im Umkreis der Surrealisten entwickelt. Aber erst als sie bereits 70 Jahre alt war, machte 1982 eine Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art ihr rätselhaftes und anspielungsreiches Werk einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Es folgten eine documenta-Beteiligung und 1999 auf der Venedig-Biennale der Goldene Löwe für das Lebenswerk.

Erst im Kontext der MoMA-Schau hatte Bourgeois damals begonnen, offen über die traumatische Erfahrung ihres Lebens zu sprechen: das ehebrecherische, zehn Jahre andauernde Verhältnis ihres Vaters zu ihrer Erzieherin, dessen Schrecken ihre Kindheit verdunkelt hatte. In ihrem Werk hat sich diese unheimliche Kontur ihrer Jugendjahre aber spätestens seit Mitte der vierziger Jahre ausgedrückt.

Damals zeigten die Gemälde ihrer "Femmes Maisons"-Serie unbekleidete Frauenkörper, deren Köpfe in einem Haus festsitzen - in einer Herkunft, so könnte man sagen, die sie nicht freigeben und nicht schützen, sondern einzwängen und niederdrücken. So hat Bourgeois ihre eigene Biografie, die Rolle der Frau und ihr ambivalentes Verhältnis zum Körper zum Zentrum ihrer Arbeit gemacht - eine ganze Weile bevor die feministischen Künstlerinnen der späten sechziger und siebziger Jahre in Performance- und Videoarbeiten die Verflechtung von eigener Existenz, von Körper und Rolle entfalteten.

Ein kindlicher Traum von Rache am Vater

In Bourgeois' Kosmos aus Stahl-, Marmor-, Latex-, Wachs- oder Stoffarbeiten verkörpern riesige Spinnen-Skulpturen trotz und wegen ihrer zarten Glieder die ersehnte bergende Funktion einer mächtigen Mutterfigur. Ihre Mutter sei, so hat sie einmal in ihrem Interview gesagt, so "klug, geduldig und ordentlich wie eine Spinne" gewesen. Und wie eine solche habe sie sich selbst verteidigen können.

Bourgois' Stoffpuppen zeigen weibliche Körper in ihrer Verletztheit, aber auch in ihrer latenten Wirkmächtigkeit. Und die Skulptur "Zerstörung des Vaters" (1974) ist Ausdruck symbolischer Aggression und weiblicher Wehrhaftigkeit. Das kannibalistische Schlachtfeld aus phallischen und kugelartigen Formen geht auf ihren kindlichen Rachetraum zurück, den untreuen Vater einmal am Esstisch sitzend zu verschlingen.

Besonders prägnant ist ihr Werk dort, wo es ihr gelang, die Formen minimalistischer Reduktion mit Assoziationen an sexuell konnotierte Organe gewissermaßen aufquellen zu lassen. Aber auch dann, wenn sie mit ihren skulpturalen Trieb-Erkundungen direkter und in exorzistischer Absicht an Tabus, an Perversionen und Schmerz rührte, vermochte sie es, ihnen den "als ob"-Gestus eines schelmischen Kinderspiels zu beizumischen. Schmerz, Leid und das Schrundige der eigenen Existenz wurden bei ihr nicht triefend, nicht ohne die Ahnung von Leichtigkeit dargestellt.

Vielleicht sollte man die surreal-feministische Bildhauer-Doyenne so in Erinnerung behalten, wie Robert Mapplethorpe sie 1982 porträtierte: als eine ältere Dame, deren von Lachfalten durchfurchtes Gesicht verschmitzt in die Kamera strahlt. Unter ihrem Arm hält sie - nonchalant wie ein Baguette - die Skulptur "Fillette" von 1968: einen riesigen Phallus, dessen Spitze ihre Finger fest im Griff haben. Herschauen, scheint diese Geste zu sagen: Dieses Symbol patriachalisch-brachialer Potenz ist nicht wirklich kleinzukriegen, Scham und Angst aber sind es sehr wohl.

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