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Zum Tode Oswalt Kolles: Scout im Sex-Dschungel

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Zum Tode Oswalt Kolles Mehr Sexualität wagen

Für Millionen Deutsche war er der Scout im Dschungel der Sexualität - sein Einfluss auf die Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre war entsprechend gewaltig. Bis zuletzt kämpfte Oswalt Kolle für Liberalität und gegen verlogene Dogmen. Ein Nachruf.

Es war das Jahr, in dem Neil Armstrong auf dem Mond landete, Willy Brandt zum Kanzler gewählt wurde - und dann war da auch noch Woodstock. Es war ein Jahr, in dem so mancher Satz fiel, der Geschichte machte; doch als Oswalt Kolle gefragt wurde, was für ihn der wichtigste Satz des Jahres 1969 gewesen sei, antwortete er: "Der Schwanz bleibt drin."

Gehört hatte er ihn im Kinosaal des Wiesbadener Fürstenschlosses, dem damaligen Tagungsort der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK). Elf Männer und eine Frau hatten Kolles Film "Dein Mann, das unbekannte Wesen" zu begutachten. "Und auf einmal", berichtete Kolle, "war da dieser Penis." Auf der Leinwand wurde gezeigt, wie eine Erektion entsteht. Elf der Gutachter knipsten ihre Leselampen an: Äußerste Empörung! Sie verlangten, den Film zu schneiden. Die einzige Frau im Gremium aber widersprach. So knapp wie salopp. Und da blieb der Schwanz drin.

"Dein Mann, das unbekannte Wesen" war nur einer von insgesamt acht Aufklärungsfilmen, mit denen Oswalt Kolle ab 1968 beinahe eine gesamte Nation an die Sexualität heranführte - als ob es das Thema zuvor gar nicht gegeben hätte.

Aber wie schrieb der englische Lyriker Philip Larkin in seinem berühmten Gedicht? "Intercourse began in 1963, with the end of the Chatterley ban and the Beatles' first LP." Es waren die Beatles-Fans, die Hippies und Achtundsechziger, die sich nicht nur für lange indizierte, offenkundig sexuell geladene Romane wie "Lady Chatterley's Lover" interessierten, sondern, wenn sie nicht sogar Sex hatten, zumindest darüber sprachen und sangen. "Let's spend the night together" forderten die Stones, "Somebody to love" wollte Grace Slick von Jefferson Airplane - und die Fans raunten, dass sie auf der Bühne kein Höschen trage ... uuh!

Die Pille war schließlich gerade erfunden, die Röcke wurden kürzer. Nach der Fresswelle der Fünfziger rollte die Sexwelle an. "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment", reimten die Studenten. Da wollten auch diejenigen Bundesdeutschen, die nicht in einer Kommune lebten, wo man die vielbeschworene freie Liebe genoss (also der allergrößte Teil), ein wenig mehr Amusement.

"Volker, lass uns erst mal eine Zigarette rauchen!"

Kolle fungierte nicht nur mit Filmen, sondern auch mit Zeitungsartikeln, Serien und Büchern für Millionen von Deutschen als Scout im vermeintlichen Dschungel der Sexualität. Allzu abenteuerlich ging es dabei allerdings nicht zu. Man musste das Publikum wohl erst an die Materie heranführen.

Als eine Art Telekolleg-Mann, der mit betont sachlicher Stimme aus dem Off referierte, war Kolle in "Dein Mann, das unbekannte Wesen" zu hören: "Je offener zwei Partner ihre sexuellen Probleme miteinander besprechen, desto befriedigender wird die Partnerschaft auch in anderen Bereichen." Dazu kamen mit sanfter Easy-Listening-Musik unterlegte Spielszenen, die heute eher an den Schulmädchenreport erinnern: "Volker, lass uns erst mal eine Zigarette rauchen!" mahnt eine Nackte und hüpft davon, denn: "Muss es bei dir immer so schnell gehen?"

Sein Thema gefunden hatte Oswalt Kolle, der 1928 in Kiel geboren wurde, als er mit Zwanzig für seinen Vater, einen anerkannten Psychiater, Teile des ersten Kinsey-Reports "Sexualität des Mannes" übersetzte. Kinsey hatte über Jahre das Intimleben der Amerikaner studiert - für die Westdeutschen sollte Kolle, wenn auch nicht als Wissenschaftler, so doch als Medienmann, eine ähnliche Bedeutung erlangen.

Seinen eigenen Durchbruch zum "Aufklärer der Nation" schrieb er dabei einem Zufall zu: Die Frau des Chefredakteurs der Illustrierten "Quick" erwartete ein Kind und beklagte sich, dass die vorhandenen Bücher über Schwangerschaft und Kinderentwicklung mehr vernebelten als erklärten. So verfasste Kolle 1960 "Dein Kind, das unbekannte Wesen" - eine Serie über die Entwicklung von Kindern. Dabei beschäftigte er sich auch mit Kindersexualität.

"Der Chefredakteur war begeistert, es wurde gedruckt, er bekam aber daraufhin von Adenauers langjährigem Familienminister Franz-Josef Wuermeling einen Brief mit folgender sinngemäßer Aussage: 'Wenn solche schweinischen Sachen noch einmal in der 'Quick' erscheinen, wird die Zeitschrift verboten'", berichtete Kolle später.

Ein beinahe unverhofftes Comeback erlebte die These, der freie Sex der Sechziger habe die Sitten verdorben, kurz vor Kolles Tod. Der Augsburger Bischof Walter Mixa behauptete im April 2010, die sexuelle Revolution sei mit Schuld an den zuvor enthüllten Missbrauchsfällen. "Das ist grotesk", sagte Kolle der "Welt am Sonntag". Die sexuelle Revolution habe vielmehr dazu beigetragen, dass die Opfer endlich an die Öffentlichkeit gehen. "Die Kirche konnte ja vorher machen, was sie wollte."

Er selbst, der sich immer offen zu seiner Bisexualität und Promiskuität bekannt hatte, lebte nach dem Tod seiner Frau Marlies mit einer neuen Partnerin in Amsterdam. Dort ist Oswalt Kolle, wie erst jetzt bekannt wurde, bereits am 24. September gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.

Sein Einfluss auf die Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre dürfte ähnlich prägend gewesen sein wie der von Willy Brandt - auch, wenn ein Satz wie "Der Schwanz bleibt drin" in keinem Lexikon steht. Womöglich lässt sich das Werk Oswalt Kolles sogar am besten mit einem abgewandelten Brandt-Wort zusammenfassen: Mehr Sexualität wagen.

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