Zwiebelfisch Muss eine Reihe von Ministern müssen?

Wer hat mehr Macht, wenn eine Menge Politiker im Spiel sind: die Politiker oder die Menge? Wer wird sich durchsetzen, wenn es um die Mehrheit der Arbeiter geht: die Arbeiter oder die Mehrheit? Hier wird eine Reihe Fragen gestellt. Und es wird eine Menge Antworten gesucht.

Eine Reihe von Ministern nimmt den Hut
Katharina M. Baumann

Eine Reihe von Ministern nimmt den Hut


Manchmal ist es ein großer Haufen Fragen, manchmal nur eine kleine Zahl von Ungereimtheiten, die uns in die Bredouille bringt. Oder bringen. Schon stecken wir wieder drin und fragen uns: Was ist denn nun richtig? Wer oder was bestimmt bei einer "Reihe von Ministern", ob das Tätigkeitswort in der Einzahl oder in der Mehrzahl steht: die Minister oder die Reihe?

Anders, aber nicht unbedingt klarer ausgedrückt: Richtet sich der Numerus des finiten Verbs nach dem Gezählten oder nach der Mengenangabe? "Mengenangaben" sind zum Beispiel

Anzahl, Batzen, Dutzend, Gruppe, Hälfte, Handvoll, Haufen, Herde, Masse, Mehrheit, Menge, Reihe, Schar, Unmenge, Unzahl, Vielzahl, Zahl

Das "Gezählte" ist das, was hinter der Mengenangabe steht. Bei "einer Handvoll Schüler" sind die Schüler das Gezählte, und die Handvoll ist die Mengenangabe. (Früher kannte man neben der Handvoll auch noch das "Fellvoll". Dabei handelte es sich allerdings eher um eine fragwürdige Erziehungsmethode als um eine Mengenangabe. Auch wenn manche Kinder zweifellos eine Menge Fellvoll bekommen haben.)

Bleiben wir bei der Handvoll Schüler. Will die lernen, oder wollen die nur spielen?

Für Grammatik-Puristen steht außer Frage, dass sich das Verb nach der Mengenangabe zu richten hat. Das Gezählte sei der Mengenangabe schließlich untergeordnet. Eine Bauernregel bestätigt dies: Viele Blätter machen einen Haufen, aber ein Haufen Blätter macht noch keinen Herbst.

Ein Ratgeber aus dem Hause Duden meint, feststellen zu können, dass sich meistens nach der Mengenangabe gerichtet werde: Steht die Mengenangabe in der Einzahl, werde meistens auch das Verb in die Einzahl gesetzt, auch wenn das Gezählte in der Mehrzahl steht. Demnach heiße es üblicherweise:

Eine Reihe von Ministern musste zurücktreten.

Eine Handvoll Schüler kommt immer zu spät.

Eine Vielzahl neuer Anmeldungen war hinzugekommen.

"Meistens" und "üblicherweise" heißt aber nicht "immer" und "ausnahmslos", und nicht nur der Duden räumt ein, dass es ebenso möglich (und zulässig) sei, das Verb nach dem Gezählten zu bilden:

Eine Reihe von Ministern mussten zurücktreten.

Eine Handvoll Schüler kommen immer zu spät.

Eine Vielzahl neuer Anmeldungen waren hinzugekommen.

Die Regeln sind in dieser Frage nicht eindeutig und lassen den Anwendern einigen Ermessensspielraum: Wenn man dem Gezählten eine größere Bedeutung beimisst als der Mengenangabe, kann man sich dafür entscheiden, das Verb nach dem Gezählten zu bilden.

Im Folgenden ist das Verb jeweils in einen Nebensatz gekleidet. Entscheiden Sie selbst, was in Ihren Ohren besser klingt:

Die Presse berichtete von einer Reihe von Ministern, die zurücktreten musste/mussten.

Der Lehrer beklagte sich über eine Handvoll Schüler, die immer zu spät kommt/kommen.

Die Schule verzeichnete eine Vielzahl neuer Anmeldungen, die während der Ferien hinzugekommen war/waren.

Bei einigen Mengenangaben bestehen keine Zweifel, dass sie über das Gezählte regieren und somit das Verb bestimmen. Dies ist bei den Wörtern "Gruppe", "Herde" und "Schar" der Fall:

Eine Gruppe Gefangener hatte (nicht: hatten) sich unbemerkt abgesetzt.

Eine Herde Schafe stand (nicht: standen) auf den Gleisen.

Eine Schar Kinder lief (nicht: liefen) den Zirkuswagen hinterher.

Bei anderen Mengenangaben fällt das Gezählte stärker ins Gewicht:

"Er hat eine Masse Probleme, mit der er nicht fertig wird." Würden Sie diesen Satz so stehenlassen? Vermutlich käme Ihnen diese Form vertrauter vor: "Er hat eine Masse Probleme, mit denen er nicht fertig wird."

Oder nehmen wir den Satz: "Dafür müssen eine Menge Bäume gefällt werden." Würde - von ein paar Waldschützern abgesehen - irgendjemand diese Aussage für falsch halten und stattdessen fordern "Dafür muss eine Menge Bäume gefällt werden"?

Bruchrechnung hat mich schon als Schüler ins Schwitzen gebracht. Das hat sich bis heute nicht geändert. So gerate ich jedesmal ins Grübeln, wenn ich eine Überschrift lese wie: "Ein Drittel unserer Kinder ist zu dick." Ich frage mich dann, welches Drittel wohl gemeint ist: der Bauch? Brust und Arme? Oder Schenkel und Gesäß?

Tatsächlich aber kann sich das Verb hinter "ein Drittel", "ein Viertel" und der "Hälfte" sowohl nach dem Bruch als auch nach dem Gebrochenen richten:

Ein Drittel unserer Kinder sind/ist zu dick.

Mehr als ein Viertel der Importe kommt/kommen aus China.

Die Hälfte der Arbeiter muss/müssen entlassen werden.

Stellen Sie sich vor, Sie leiten eine krisengeschüttelte Firma und müssen die Belegschaft um die Hälfte reduzieren. Würden Sie dem Betriebsrat lieber erklären, "die Hälfte der Arbeiter muss entlassen werden" oder "die Hälfte der Arbeiter müssen entlassen werden"?

Wenn Sie sich für die zweite Möglichkeit entscheiden, lassen Sie erkennen, dass Ihnen die Arbeiter wichtiger sind als die Mengenangabe. Manchmal wird Grammatik auch von Ethik bestimmt.

Im Zweifelsfall sollte man sich immer für die Klarheit entscheiden. Denn wichtiger als die Einhaltung irgendwelcher Regeln ist es, verständlich zu bleiben und Missverständnisse auszuschließen.

In einer Lokalzeitung las ich einmal folgenden Satz: "Im Neubaugebiet Ost steht noch immer eine ganze Reihe fertiger Reihenhäuser zum Verkauf." Die Wahl der Verbform "steht" machte mich stutzig, und ich fragte mich, ob der Redakteur sie bewusst gewählt hatte, weil er eine komplette Reihe von nebeneinanderstehenden Häusern meinte.

Wenn er aber nicht unbedingt zusammenhängende, vielmehr über das gesamte Neubaugebiet verteilte Reihenhäuser meinte, so hätte er sich besser für "stehen" entschieden.

Wenn Angela Merkel in ihrem Kabinett einmal Kahlschlag betreibt und wir aus der Zeitung erfahren: "Ein Drittel der Minister mussten ihren Hut nehmen", könnte eine hitzige Diskussion darüber entbrennen, ob es nicht besser heißen sollte: "Ein Drittel der Minister musste seinen Hut nehmen." Damit wäre immerhin klargestellt, dass es sich nicht um den Hut von Angela Merkel handelt. Zum Glück gibt es noch die Möglichkeit, die Minister einfach den Hut nehmen zu lassen, also irgendeinen, ganz neutral, völlig egal, Hauptsache Hut und weg.

Zu diesem Thema lässt/lassen sich noch noch eine Menge Gedanken zu Papier bringen, und selbst dann werden/wird immer noch ein Haufen Fragen unbeantwortet bleiben.



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lis, 28.09.2007
1.
Zitat von sysopSchweinsbraten oder Schweinebraten? Der Butter? Oder gar das Tunell? Deutsch ist eine Sprache voller Zweifelsfälle. Wie kommen Sie damit klar? Braucht die deutsche Sprache mehr Pflege? Der Artikel zum Thema: Bastian Sick im Chat: "Ich sage dazu Klapprechner" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,508427,00.html)
Klar braucht sie mehr Pflege. Aber nicht wegen des (in der Schweiz gebräuchlichen) Tunells oder der/dem süddeutschen Butter. Das Tunell/der Tunnel sind landestypisch wie die Aprikosen und Marillen (in Österreich). "Der Butter" ist Dialekt und eigentlich weiss das jedeR, der/die den (falschen) Artikel verwendet. Hingegen sind die ständig in den Zeitungen und Nachrichten zitierten "warmen Temperaturen" (nein, ich verkneif mir den blöden Spruch dazu) oder "teuren Preise" (wer kauft denn hier Preise?) ein Ausdruck von Pflegebedürftigkeit. Und das hat gar nichts mit sprachlichen Zweifelsfällen zu tun. Weitere Normierungen sind aber unnötig, ein bisschen Chaos gehört zum Leben. Und der Braten wird gegessen - ob als Schweins- (in Bayern) oder Schweinebraten (in allen anderen Regionen).
kahpunkt, 28.09.2007
2. Die deutsche Sprache braucht nicht mehr Pflege, sondern mehr Innovationen
Die deutsche Sprache braucht nicht mehr Pflege, sondern mehr Innovationen und Kreativität. Deutsche Journalisten haben dabei eine ganz besondere Verantwortung, der sie im Gegensatz zu ihren französischen Kollegen oftmals nicht gerecht werden. Die Schwemme an Anglizismen im Deutschen ist ein Spiegelbild der Bedenken- und Einfallslosigkeit, welche Journalisten und Medienvertreter beim Umgang mit englischsprachigen Nachrichten und Inhalten an den Tag legen.
wwwilly, 28.09.2007
3. passt schon
Naja, Generationen haben es doch geschafft richtig Lesen, Schreiben und Sprechen zu lernen. Ich versteh immer noch nicht wieso das auf einmal ein solches Problem sein soll daß wir unbedingt z.B. eine Rechtschreibreform brauchen. Sind wir heute etwas alle soooo doof? Gut, die Jugend hat wohl teilweise ihre eigene Sprache (ey konkreet krasses probläm das phat kummt alda ey) aber den Pisa-Unfällen unter den Kids ist imho eh nicht mehr zu helfen. Dazu tragen Sido, Bushido & Co. erfolgreich ihren Teil bei... cu Willy
o-sarusan 28.09.2007
4.
Zitat von wwwillyNaja, Generationen haben es doch geschafft richtig Lesen, Schreiben und Sprechen zu lernen. Ich versteh immer noch nicht wieso das auf einmal ein solches Problem sein soll daß wir unbedingt z.B. eine Rechtschreibreform brauchen. Sind wir heute etwas alle soooo doof? Gut, die Jugend hat wohl teilweise ihre eigene Sprache (ey konkreet krasses probläm das phat kummt alda ey) aber den Pisa-Unfällen unter den Kids ist imho eh nicht mehr zu helfen. Dazu tragen Sido, Bushido & Co. erfolgreich ihren Teil bei... cu Willy
Hallo, ich hatte vor einigen Tagen die Gelegenheit, während eines Besuches in einer Schule (Haupt- und Realschulzweig), in aktuellen Schulbüchern zu stöbern bzw. zu schmöckern. (Lieber Bastian wie heißt das richtig?) ;-) Dabei viel mir ein dünnes Büchlein aus dem DUDEN-Verlag in die Hände, in dem alle Änderungen zur Rechtschreibreform erklärt wurden - einschließlich Übungen. Vorher war ich auch skeptisch über Sinn und Nutzen der Reform, aber jetzt weiß ich, dass dadurch wirklich sehr einfachere Regeln eingführt wurden. Ich denke, dass dies unseren kindern bzw. Enkeln zugute kommt die trotz Sido, Bushido & Co. meines Erachtens mit viel zuviel Detailwissen in der Schule vollgestopft werden. PS: Mein Schulabschluss: Hauptschule, Disco und was sonst noch alles dazugehörte. ;-))
edjfred 28.09.2007
5. Erschreckend !
Hallo, zusammen, nachdem ich, oder besser gesagt, man, neuzeitlich aufgetauchte Redewendungen schlucken muss, wie etwa: "das macht kein Sinn", eigentlich muss es doch heissen: "es ergibt keinen Sinn", und dergleichen Auswüchse, wie etwa des Weglassen des Buchstaben "n" in Wortendungen wie:"ich war zu Besuch bei die Kinder" - korrekt: "ich war zu Besuch bei den Kindern" usw. usw., ist mir garnichts mehr unheimlich, nur noch erschreckend!! Genau so erschreckend sind diese vielen Quiz-Kandidaten, die sich im deutschen Fernsehen vor die Kamera trauen, und trotzdem noch ein paar Tausender abzustauben vermögen, nur weil ein barmherziger Fragenkatalog ihnen noch einen letzten Strohhalm darbietet. Der Allgemein-Wissensstand ist heute so niedrig, dass sogar über 50-jährige grausam versagen. Keine Volkslieder mehr bekannt, keine Standard-Märchen im Gedächtnis, keine Idee, wo auf der Landkarte ein Land zu finden ist, so leben die Indianer in Indien, ist ja klar, und eine Wüste kann ja nur die Sahara sein. Pisa-Test nur für Kinder und Jugendliche ?? Fragen Sie doch einmal einen Deutschen Politiker, wo die Millionen deutschen Euros verschwinden, die die inländische Ökonomie eigendlich dringender bräuchte: "Zeige auf dem Glubus mal wo Afghanistan liegt !" Ich danke Ihnen !
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