Zwiebelfisch Von Autokorsen, Torwärtern und Wischmöppen

Groß sind die Bedärfe an Erläuterungen zur Mehrzahl. In dieser Kolumne begegnen wir Torwärtern, Autokorsen und Bundeslanden. Außerdem geht es um die Mehrzahl von ganz alltäglichen Dingen wie Wischmopp und Auspuff. Ich verspreche Ihnen ein ordentliches Chaos, wenn nicht gar mehrere Chaoti!

Auspüffe in Autokorsen? Der richtige Plural wird hier eingenebelt
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Auspüffe in Autokorsen? Der richtige Plural wird hier eingenebelt


Wenn Sie denken, diese Kolumne handele von der Fußball-WM, muss ich Sie enttäuschen. Obwohl sie sich mit einem bisschen guten Willen sportlich hinbiegen ließe. Es geht um die Mehrzahl, und die spielt schließlich auch beim Fußball eine Rolle. Ein Mann, ein Wort. Ein Tor - ein Wart. Aber jedes Spielfeld hat zwei Tore, folglich auch zwei Torw... - nein, Torwärter sind es freilich nicht, auch wenn die Versuchung naheliegt. Die Mehrzahl lautet Torwarte. Das Wort "Torwärter" gibt es gleichwohl, es bedeutet dasselbe wie Torwächter. Ein Torwächter ist wiederum nicht das Gleiche wie ein Torhüter, denn der ist bereits dasselbe wie der Torwart. Wie schon die alte Binsenweisheit besagt: Es hüte sich vor Toresschluss der Torhüter vorm Toresschuss!

Und ist das Spiel erst gewonnen, dann ist der Jubel groß! Dann gibt's einen Autokorso oder mehr, ja, am besten ganz viele Autokorsos bis tief in die Nacht. "Wenn schon, dann Autokorsi", mag vielleicht der eine oder andere im Vertrauen auf seine gesunde Halbbildung denken, "schließlich kommt das aus dem Italienischen, so wie Espresso und Cappuccino! Und die werden in der Mehrzahl doch auch zu Espressi und Cappuccini!" Das stimmt vielleicht, zumindest für die Italiener; im Deutschen wird die Mehrzahl gerne anders gebildet. Da werden Espressi zu Espressos (was erlaubt ist) und Scampi zu Scampis (was falsch ist, da Scampi bereits die Mehrzahlform ist). Ich weiß nicht, ob das italienische "corso" zu "corsi" wird, unser eingedeutschter "Korso" bekommt jedenfalls nur ein ganz schnödes "-s" angehängt: Korsos - das war's. Nicht Autokorsi und auch nicht Autokorsa. Eher ließe ich mir noch die deutsche Pluralendung auf "-en" gefallen: Autokorsen. Das klingt doch schön! Allerdings könnte der Gebrauch dieser Form zu Missverständnissen führen und xenophobe Propaganda schüren. Vor meinem geistigen Ohr höre ich bereits das Gegröle irgendwelcher Hooligans: "Autokorsen runter von unseren Straßen! Zurück mit euch nach Korsika!" Und die Bewohner der Nachbarinsel Sardinien könnten sich zurecht beschweren: Warum werden die einen Autokorsen genannt und die anderen nur Büchsensardinen? (Wer mal ein italienisches Auto gefahren hat, hätte hierauf freilich eine Antwort parat ...)

Nach dem schönen Auftaktspiel gegen Australien warten wir Deutschen jetzt erst mal ganz entspannt ab, wie sich die anderen großen Fußballnationen so schlagen, die noch mit am Start sind, zum Beispiel die Holländer. Oder auch die Niederländer. Über die kann man denken, was man will, eines werden sie uns immer voraushaben: den Glamour-Faktor an der Staatsspitze. Sie haben eine Königin Beatrix! Wir womöglich bald einen Christian Wulff!

Mein Freund Edgar ist Niederländer; er kann sich nur schwer daran gewöhnen, dass wir Deutschen von seinem Land stets im Plural sprechen. Viele seiner Sätze begannen mit "Bei uns in Niederland ...". Ich verbesserte ihn: "Bei euch in den Niederlanden!". Irgendwann hatte er es dann halbwegs begriffen, denn nun sagte er: "Bei uns in die Niederlande".

Man spricht von "den Niederlanden", weil es mehrere Lande (= Landstriche, Provinzen) sind. Holland ist übrigens eines davon. Holland ist ein Niederland. Maximal zwei Niederlande, wenn man die Provinzunterteilung in Nordholland und Südholland berücksichtigt. Aber die anderen Niederlande (wie Limburg, Friesland oder Gelderland) sind nicht Holland. Das wird uns Deutsche nicht davon abhalten, weiterhin Holland mit den gesamten Niederlanden gleichzusetzen, so wie wir für die Franzosen immer die Allemannen sein werden und für die Finnen die Sachsen. Pars pro toto, sagt man wohl dazu, oder, wie meine Freundin Sybille sagen würde: Pizza proschuto.

Wenn man aus den Niederlanden - und nicht etwa aus den "Niederländern" stammt, ist es schwer einzusehen, warum andere Menschen aus den Ostländern und nicht aus den Ostlanden kommen. Und warum die Mehrzahl von "Bundesland" nicht "Bundeslande" heißt, sondern "Bundesländer". Tatsächlich haben sich zu dem Wort "Land" zwei Mehrzahlformen entwickelt, "Lande" ist die ältere, "Länder" die jüngere. "Lande" findet sich daher nur noch in historisch geprägten Begriffen wie "in teutschen Landen". Neuere Zusammensetzungen wie "Bundesländer" oder "Südländer" werden mit Ländern und nicht mit Landen gebildet.

Ein schönes altes Wort für "Insel" ist "Eiland". Die Mehrzahl lautet "Eilande". Kolumbus hat demzufolge keine Eiländer entdeckt, auch wenn er das Ei erfunden und viele Länder entdeckt haben mag.Die Wörterbücher haben "Eiland" mit dem Zusatz "poetisch" (Wahrig), "literarisch" (Pons) oder "gehoben" (Duden) versehen. In Analogie zu "Niederlande/Niederländer" müssten die Bewohner eines Eilandes eigentlich "Eiländer" genannt werden. Doch bei Eiländern stößt die gehobene literarische Poesie offenbar an ihre Grenzen, denn das Wort taucht in keinem Wörterbuch auf. Meine französische Freundin Suzanne schwört allerdings, das Wort "Eiländer" zu kennen: "Kennst du nischt diesen Film mit Christopher Lambert: 'ighlandär - es kann nur einen geben?"

Und dann gibt es da noch ein Land, von dem sich weder die eine noch die andere Mehrzahl bilden lässt, nämlich das Land. Das Land im Gegensatz zur Stadt. Mein Onkel lebt auf dem Land; sein Nachbar übrigens auch, das mögen Sie vielleicht nicht einmal erstaunlich finden. Beide wohnen aber nicht auf demselben Land, auch wenn sie zweifellos in demselben Land leben. Sie leben auf dem Land, aber nicht auf dem demselben, jeder eben auf seinem Land, was aber nicht verschiedenen Lande sind, auch nicht verschiedene Länder, sondern bestenfalls verschiedene Ländereien. Bei der Erklärung dieses Pluralphänomens ist nicht nur Holland in Not, sondern für uns alle sprachlich schnell Land unter!

Bei "Land unter" muss ich an meine polnische Putzfrau denken. Die schreibt mir immer auf kleine Zettel, welches Putzmittel wieder neu zu besorgen sei. Kürzlich stand auf einem ihrer Zettel das Wort "Wischmopp". Ich ahnte noch nicht, in welche Bedrängnis mich das bringen sollte! Wenige Tage später stand ich im Drogeriemarkt und blickte mich hilfesuchend um. Als ich endlich eine Verkäuferin ausmachte, eilte ich auf sie zu und fragte atemlos: "Entschuldigen Sie, wo finde ich ... Haben Sie ... Könnten Sie mir zeigen, wo Ihre Wischmopse... Wischmöpp... äh ..." Die Verkäuferin blickte mich verständnislos an: "Wie bitte?" Ich winkte verlegen ab: "Vergessen Sie's, ich komme später noch mal wieder!" Auf dem Rückweg überlegte ich mir, welche Pluralform wohl die richtige sei: Wischmoppe? Wischmopse? Wischmöppe? Eines konnte ich immerhin ausschließen: Ganz bestimmt hieß es nicht Wischmöpse!

Der Blick ins Wörterbuch brachte Klarheit und zugleich Ernüchterung: der Wischmopp kommt aus dem Englischen ("mop"), und die Mehrzahl lautet ganz einfach "Wischmopps". Mag der Norddeutsche auch Köppe (= Köpfe) und Knöppe (= Knöpfe) zählen, in seinem Putzmittelschrank findet er keine Möppe. Der Nordrhein-Westfale schon eher, denn der kennt den "fiese Möpp" (regionale Bezeichnung für eine "unangenehme Person"). Und er weiß sicherlich auch: Ein "fiese Möpp" kommt selten allein! Dann sind es schon mal zwei ... Möppe? Möppes? Möpper? Auf jeden Fall ganz schön fies, das alles!

Fies und fälschlich ist auch die Vermutung, dass die Mehrzahl von "Auspuff" - genau wie beim Wischmopp - durch Anhängen eines "s" gebildet würde: Wenn man irgendwo liest, "zwei Auspuffs kaputt", dann ist meistens auch die Grammatik defekt. Da muss ein Kerl ran, ein waschechter Schrauber, der wird's richten! Der macht aus einem "Auspuff" zwei voll korrekte "Auspuffe". Die Form "Auspuffs" gibt es trotzdem, und zwar im Wesfall (nicht zu verwechseln mit Westfalen). Wie auch immer, man sollte sich hüten, am Ende des Auspuffs zu schnuppern, sonst kommt man womöglich noch auf die berauschende Idee, es könnte "Auspüffe" heißen.

Es gibt Wörter, die keine Pluralform haben, weil sie unzählbar sind. Das gilt zum Beispiel für "Wasser", "Honig" und "Milch". So lernt man es jedenfalls in der Schule. Wer später in die Wirtschaft oder in die Werbung geht, stellt fest, dass Wasser, Honig und Milch durchaus zählbar sind. So entwickelt die Kosmetikindustrie immer neue "Körpermilchen", und die Lebensmittelindustrie produziert am laufenden Band verschiedene "Honige" und füllt alle möglichen "Mineralwässer" ab. Der Wirtschaftsjargon schafft sich - je nach Bedarf - seine eigenen Mehrzahlformen. Und der Bedarf ist offenbar groß, weshalb Manager auch gerne von "Bedarfen" sprechen und selbst den Zuwachs noch in die Mehrzahl setzen und zu "Zuwächsen" wachsen lassen. Darüber mag man denken, wie man will. Immerhin zeigt es, dass die deutsche Sprache alles andere als starr und anpassungsunfähig ist. Deutschland ist zwar nicht das gepriesene Land, in dem Milch und Honig fließen. Aber dafür ist Deutsch die Sprache, in der Milchen und Honige fließen können!

© Bastian Sick

Zweifelhafte Mehrzahlformen

Einzahl korrekte Mehrzahl (von Wörterbüchern wie Duden und Wahrig empfohlen oder als zulässig angegeben) unkorrekte Mehrzahl
Ananas Ananas, Ananasse Ananassen, Ananässer
Auspuff Auspuffe Auspuffs, Auspüffe
Autokorso Autokorsos Autokorsi, Autokorsen, Autokorsa
Bedarf keine Pluralform existent/im Wirtschaftsjargon wird jedoch die Form "Bedarfe" gebraucht
Chaos es existiert keine Pluralform Chaosse/Chaoti
Couch Couchs, Couchen/schweiz. auch Couches Couche
Denkmal Denkmale, Denkmäler Denkmäle
Eiland Eilande Eiländer
Flaschenpost es existiert keine Pluralform Flaschenposte, Flaschenposten, Flaschenposter, Flaschenpöster, Flaschenposts
Flussbett Flussbetten Flussbette
Kaktus Kakteen Kaktusse (in Österreich aber gebräuchlich)
Krokus Krokus, Krokusse Kroken, Krokeen, Kroki
Lapsus Lapsus Lapsusse, Lapsi
Lauch es existiert keine Pluralform Läuche
Liegestütz Liegestütze Liegestützen, Liegestützer, Liegestühle :-)
Magier Magier Magiere
Milch kein Plural Milche, Milchen
Morgen Morgen Morgende
Naturpark Naturparks, seltener: -parke Naturparken
Nikolaus Nikolausmänner Nikoläuse
Nut Nuten Nute, Nuts
Pilger Pilger Pilgerer
Quiz Quiz Quizze, Quizzes
Sopran Soprane Sopräne
Strohhalm Strohhalme Strohhälme
Strommast Strommaste, Strommasten Strommäste
Sucht Suchten, Süchte Suchte
Teelicht Teelichte, Teelichter Teelichten
Wasser Wasser ("mit allen Wassern gewaschen sein")/fachspr. auch Wässer (verschiedene Mineralwässer/Abwässer)
Weltkulturerbe kein Plural (das sächliche Wort "Erbe" im Sinne von "Hinterlassenschaft" ist ohne Plural, das männliche Wort "Erbe" im Sinne von Begünstigter hat den Plural "Erben") Weltkulturerben
Wischmopp Wischmopps Wischmoppe, Wischmöppe, Wischmöpper, Wischmopse, Wischmöpse
Zirkus Zirkusse Zirkeen, Zirki
Zuwachs es existiert kein Plural/im Wirtschaftsjargon wird jedoch die Form "Zuwächse" gebraucht



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