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Literatur Gespenst des Jahrhunderts

aus DER SPIEGEL 17/1995

Duve, 58, ist Bundestagsabgeordneter der SPD und veröffentlichte zuletzt den autobiographischen Essay »Vom Krieg in der Seele« (1994).

Am Anfang war ein Buch, und seine Autoren sahen ein Gespenst. Sie vermuteten, es ginge um in ganz Europa, sie nannten es Kommunismus. Es dauerte über ein halbes Jahrhundert, bis es aus den Buchdeckeln und theatralischen Beschwörungen heraustrat in die Wirklichkeit.

1848 war das Kommunistische Manifest erschienen. Zu Beginn unseres Jahrhunderts begeisterten sich junge Moskauer und St. Petersburger Intellektuelle für die Idee der Revolution - noch ein Gespenst. Die Literaten und Philosophieadepten, die damals durch Europa eilten, Bücher in den Taschen und Koffern, die schwieligen Hände der Fabrikarbeiter allenfalls vor Augen, sie alle trieb ein gedanklicher Spreng-Stoff um, der tödlich wurde für sie und für das Jahrhundert: Denn die Revolution erlaubte keinen Zweifel. Sie, nicht die soziale Gerechtigkeit oder die konkrete Freiheit der Bürger, wurde der Schlüsselbegriff der Neuesten Testamente. Gestritten wurde, ob sie - messiasgleich - auf einmal käme und überall, oder nur in einem Land, und welches Land schon für sie reif war.

Wer sich ihr entgegenstellte, war entweder ein Dummkopf oder Verräter. Aber auch die Revolution hallte zunächst weit eher zwischen Buchdeckeln als aus Gewehrläufen. Der Erste Weltkrieg brachte den Durchbruch. Woran die deutsche Reichsführung fast ebenso beteiligt war wie die Revolutionsintellektuellen aus dem Schweizer Exil.

Einer von denen hieß Karl Radek. Der polnische Sozialist, der unbedingt Mitglied werden wollte in der deutschen SPD, der Journalist in Bremen und Göppingen, der Zeitungsmacher in Sachsen, der Revolutionär im Schweizer Exil, der Begleiter Lenins im deutschen ** Stefan Heym: »Radek«. C. Ber- _(telsmann Verlag, München; 572 Seiten; ) _(49,80 Mark. * 1937 mit Ankläger Andrej ) _(Wyschinski (M.). ) Eisenbahnwaggon, der glänzende Revolutionsredner deutscher und russischer Parteitage, der Mitverhandler Trotzkis am Frieden von Brest-Litowsk, der Gegner und Bewunderer Rosa Luxemburgs - dieser gebildete Berufsmarxist geriet schon in den zwanziger Jahren nach Sibirien und später in die - auch für ihn - tödliche Dramaturgie der Stalin-Prozesse.

Und seither immer wieder zwischen die Buchdeckel der Radek-Fans. Vor bald 20 Jahren hat sich der Sozialdemokrat Jochen Steffen, damals vom Politiker zum Schriftsteller gewandelt, an Radek versucht. Jetzt offenbart Stefan Heym, 82, Alterspräsident im Deutschen Bundestag, seine Radek-Zuneigung, in der Form eines umfangreichen Romans**.

Auch am Anfang dieses Revolutionslebens steht übrigens ein Buch: Es heißt »Die Arbeit des Sisyphus«. Es mag im Jahr 1900 oder 1901 gewesen sein, da las der Sohn des jüdischen Postangestellten Sobelsohn aus Lemberg den Roman von Stefan Zeromski. Einer der Romanhelden heißt Andrzej Radek. Und fortan wollte sich der Schüler Karl Sobelsohn nur noch Radek nennen. Literarische Helden der Jugend können das Leben ganz schön durcheinanderbringen.

In acht Abschnitten - vom schwierigen Leben in der deutschen Sozialdemokratie, über das Exil in der Schweiz, über Stockholm und Moskau zurück nach Berlin, dort ins Gefängnis, wo ihn die Großen von Walther Rathenau bis Maximilian Harden in der Zelle besuchen - wird das aufregende und traurige Leben noch einmal nachgezeichnet, die Verbannung nach Sibirien, der Schauprozeß in Moskau.

Aber Stefan Heym weiß noch mehr, und das sagt er uns auch ganz deutlich: »Nur ich, der ich ihn besser kennengelernt habe als die meisten, kann berichten, daß er im Moment seines Todes die Stimme seiner Mutter hörte. ,Lolek, Lieber'', rief sie, ,komm zu mir. Bei mir bist du geborgen.'' Oder es war die Stimme Larissas gewesen. Oder auch die seiner Frau Rosa. Und er ging zu ihr.« So outet Heym seine ganz eigene Nähe zu seinem Helden am Ende dieser langen Begleitung eines Revolutionslebens, dem auch er sich nahe weiß und vielleicht auch nahe wünscht. Mir scheint, vielleicht näher als allen seinen Romangestalten zuvor.

Ein Bruderroman ist entstanden, oft spannend. Denn das hat keiner der Radek-Biographen so eindrucksvoll in Szene gesetzt: wie der geschundene Held sich vor dem Ankläger Andrej Wyschinski aller Verbrechen für schuldig erklärt und zugleich mit seinem Verfolger Katz und Maus spielt. Wie aus dem Kampf um Leben und Tod ein Theaterstück wird, einstudiert in nächtlichen Verhören und aufgeführt im Gerichtssaal vor der Weltöffentlichkeit. Ernst Fischer, der österreichische Kommunist - er saß auf der Zuschauerbank neben dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger -, hat sich später bitter selbst angeklagt, diesem Schauspiel aufgesessen zu sein, das da im Auftrag Stalins inszeniert wurde.

Stalins Leute hatten es verstanden, die doppelbödige verzweifelte Intelligenz Karl Radeks einzuspannen, der selbst in der gemeinsam erarbeiteten Lüge noch versucht, die Revolutionstreue seiner gewundenen und geschundenen Existenz zu beweisen. Selten ist objektiver Verrat an engen Freunden so zelebriert worden, und selten war die intellektuelle Dramaturgie einer Diktatur ein so ekelhafter Komplize des Terrors.

Stefan Heym läßt erkennen, warum damals (1937) der amerikanische Botschafter, warum Lion Feuchtwanger und Ernst Fischer überzeugt wurden von der angeblichen »verbrecherischen Verschwörung der Trotzki-Gruppe«. Diese Prozesse dienten ja weit mehr der Verhüllung des Gulag-Terrors und der Massenmorde als der Vernichtung der unmittelbaren Stalin-Gegner.

Und wo der Lenin-Biograph Louis Fischer den Radek kurz und bündig abtut ("Am Anfang war er ein revolutionärer Enthusiast, zum Schluß ein Zyniker, der an nichts und niemand glaubte"), da bleibt Heym seinem Helden treu bis zu den traurigsten Kapriolen des späteren Stalin-Opfers.

Spannend erzählt: die Schweizer Aufgeregtheiten vor Abfahrt des Eisenbahnwagens mit Lenin. Oder die Szenen mit den verunglückten Helfern in Stockholm, etwa Helphand-Parvus, dessen sich Lenin zynisch bediente, um ihn dann fallenzulassen. Die tiefe Verwicklung der deutschen Reichsführung in die hochfliegenden Weltpläne der russischen Revolutionäre. Spannend, aber leider manchmal spannend wie eine schier endlose Telenovela. Wir kennen oder ahnen die nächste Szene. Die Helden stehen unbeweglich, oft glänzend überzeichnet, vor uns - aber wir lernen sie kaum kennen. Auch Heym überspringt nur selten die Hürde aller zeitgeschichtlichen Belletristik. Auch bei ihm bleiben die Figuren allzuoft die Gipsgestalten der Weltrevolution.

Da hat bisweilen die Biographie der Historiker mehr Dichte als die Fiktion des Romanautors. Bei Radek erreicht der große Erzähler Stefan Heym nicht, was ihm bei seinem »Nachruf« mit der Geschichte des Helmut Flieg so meisterlich gelungen war: die kritische Distanz zu einem vom Jahrhundert gezeichneten Leben, seinem eigenen.

Bei Radek geraten ihm viele der wirklichen Näherungsversuche, wenn die überlieferten Historikerszenen durchbrochen werden sollen, eher bemüht. Etwa das berühmte Telefongespräch im November 1918 mit Hugo Haase in Berlin, als Radek, freudig erregt, der jungen deutschen Revolution aus dem ausgezehrten Moskau Nahrungsmittel schicken will und Haase berichtet, man habe bereits Nahrungsmittel von Woodrow Wilson angeboten bekommen. Bei Lenins Biographen Louis Fischer ist diese Szene und Radeks Empörung über solchen Verrat knapp geschildert. Schriftsteller Heym dagegen weiß sogar, was Radek nach solcher Abfuhr denkt: _____« In Haases hochmütigen Worten war der große Plan » _____« erkennbar geworden, den sie da im Westen jetzt » _____« ausheckten: Sie würden das Reich, das geschlagene, knapp, » _____« aber doch bei Menage halten und zugleich die deutsche » _____« Revolution an die Kandare nehmen, viel brauchte es » _____« sowieso nicht dazu, und versuchen, des Kaisers altes Heer » _____« . . . wieder gen Osten marschieren zu lassen wie anno » _____« vierzehn - jetzt aber im Bund mit dem Westen und um den » _____« Sozialismus . . . zu zertreten unter ihren genagelten » _____« Stiefeln. »

Hugo Haase hatte nur wissen lassen, daß man aus dem hungernden Moskau kein Getreide wegnehmen wolle, wenn Wilson es aus dem reichen Amerika anbiete. Im O-Ton Heym-Radek wird daraus die Verschwörung linker Sozialdemokraten mit dem Westen.

Daß der allwissende Erzähler mal im Kopf, mal im Herzen Karl Radeks zugange ist, sich dann auch in Lenins Hirn oder in Rosas Zorn für einige Minuten häuslich niederläßt - das mag ja noch angehen. Aber muß die klassenkämpferische Darstellung der Heym unangenehmen Tippelbrüder der Revolution so peinlich platt sein: Muß der Hausrock der wohlhabenden Frau Fürstenberg »nerzverbrämt« sein, »um die schlanke Figur gehüllt«? Muß die »Zofe getrippelt« kommen? Müssen sich Leute, die über Geld verfügen, unbedingt »zum Five o''clock tea« treffen? Und muß die Zofe ein »Wägelchen mit Champagner und Kognak in den Salon« schieben?

Bei dem Irrleben des Karl Radek, wie es Stefan Heym schildert, treten zum erstenmal die Frauen deutlich hervor: Rosa, die Ärztin und Ehefrau, Larissa Reissner, die Journalistin und Geliebte, Ruth Fischer, die Gegnerin, Rosa Luxemburg, die Bewunderte. Das ist gut.

Aber schlecht ist, wie. Man möchte diese Frauen heute, 1995, vor beiden, vor Karl Radek und vor Stefan Heym, in Schutz nehmen - allzusehr sind sie dienstleistende Kulisse für den revolutionären Mann. Die »Balabanoff« aus der Schweiz taucht in Stockholm auf: »Als er zu ihr gelangt war, erhob sie sich feierlich, trat um den Tisch herum, breitete die Arme und drückte ihn an ihre Brust; ihr Duft, teils körpereigen, teils Eau de toilette, umgab ihn, und er spürte, wie ihre Wange sich weich gegen seinen Backenbart preßte.« Frauen als Staffage der Revolution. Frauenkörper als Duftstoff für den Revolutionär.

Als Heym, der ehemalige amerikanische Offizier, der deutsche Jude, der internationale Kommunist, seine verhaltene Eröffnungsrede als Alterspräsident des neuen Bundestages hielt, blieben die Gesichter vieler meiner Kollegen versteinert, und ihre Hände lagen wie Blei auf den Pulten, als einige von uns klatschten.

Revolutionäre wie Karl Radek hielten nichts von der parlamentarischen Demokratie. Auch diese Verachtung des Parlaments ist ein Kapitel im Drama dieses Jahrhunderts. Ihre Kopfgeburt, die Fälschung, die sie damals Revolution nannten, wird bald verschwinden in den Buchdeckeln. Zu Jubiläumsjahren wird in Moskau, in Berlin nur noch matt gestritten werden, wessen wir uns erinnern sollen, wie der Opfer, wie der Täter, wie all der vielen, die beides waren.

Ich habe ein absurdes Bild im Kopf: Aus den St. Petersburger und Moskauer Wirren wäre eine moderne demokratische russische Republik entstanden. Und irgendwann hätten sich Lenin und Radek, Trotzki und Bucharin von ihrer schrecklichen Idee fixe befreien können. Und Radek wäre als uralter Mann in das demokratische Parlament der russischen Republik eingezogen (sagen wir 1966 - er wäre dann genauso alt gewesen wie sein Bewunderer Stefan Heym 1994), und er hätte die Eröffnungsrede gehalten.

Wie hätte sich das Moskauer oder St. Petersburger Bürgertum wohl verhalten? Und wie der vielleicht aus Prag oder Chicago oder Berlin angereiste Stefan Heym? Hätten sie alle geklatscht, daß dieser Spuk endlich auch aus Radeks klugem Kopf gewichen ist? Dumme Frage, ich weiß. Aber eine dumme Frage muß für jeden frei sein, angesichts der bis heute glühenden Landschaften, die dieses Kopf-Gespenst Revolution hinterlassen hat. Y

** Stefan Heym: »Radek«. C. Bertelsmann Verlag, München; 572 Seiten;49,80 Mark. * 1937 mit Ankläger Andrej Wyschinski (M.).

Freimut Duve
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