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MEMOIREN Gesprenkelte Prosa

Die amerikanische Millionenerbin Gloria Vanderbilt beschreibt ihr Leben - einen vergoldeten Angsttraum. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

In den dreißiger Jahren war sie Amerikas berühmtestes Kind: Gloria Vanderbilt, Enkelin des Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt, Halbwaise und Millionenerbin. Bilder zeigen ein rundliches, scheues kleines Mädchen mit Pagenkopf und Lackschuhen, immer artig an einer Erwachsenenhand.

Die Dollarmillionen sieht man ihr nicht an, wohl aber ihren Begleitern. Denn die Hände, an denen Klein Gloria teils geführt und teils gezogen wird, sind immer kostbar behandschuht. Die Damen, die die kleine Gloria eskortieren, tragen Brillianten am Busen und Perlen bis zum Knie, schimmernde Pelze und sündig-dunklen Lippenstift. Die Herren-Begleiter des Kindes kneifen dünne Lippen zusammen und riechen nach Geld und Geschäft.

Die Kinder-Story der Gloria Vanderbilt, von ihr selbst in affektierter Baby-Prosa unter dem Titel »Once Upon a Time« erzählt, ist ein echter Herzensbrecher. _(Gloria Vanderbilt: »Once Upon a Time«. ) _(Alfred A. Knopf, New York; 304 Seiten; ) _(16.95 Dollar. )

Denn Intrigen und Millionen verschmelzen hier auf so triste Weise mit Glorias Sehnsucht nach Mutterliebe und Geborgenheit, daß wieder einmal Bestätigung findet, was der Volksmund schon

lange weiß: Geld macht nicht glücklich.

Die Mär von der armen reichen, kleinen Gloria, die sich im Alter von zehn Jahren in einem dramatischen Gerichtsurteil gegen ein weiteres Leben mit ihrer Mutter entschied und dabei von ganz Amerika begafft wurde, ist ein vergoldeter Angsttraum.

Daß sie ihn erzählt, macht die Autorin nicht sympathischer, aber besser verständlich: Das Pop-Märchen von der kleinen Eisenbahn-Millionärin erläutert deren heute noch eisern festgefrorenes »Cheese«-Lächeln - Gloria hat nie rebelliert, sich immer arrangiert und sich schließlich hinter dem Gitter ihres Lächelns verschanzt.

Den Vater, Reginald Claypoole Vanderbilt, verliert die kleine Gloria schon mit 18 Monaten. Als er stirbt, ist die lebenslustige Mutter, ebenfalls Gloria genannt und mit 20 selbst noch ein halbes Kind, mit einem anderen Mann im Theater. »Ich fragte mich oft«, schreibt rückblickend die Autobiographin, »was für ein Stück meine Mutter und Mr. March wohl gesehen haben, während mein Vater starb.«

Für die Mutterrolle bringt die schöne Gloria Morgan Vanderbilt nicht viel mehr Begeisterung auf als für die der Gattin: Gloria wächst in einer kuriosen Entourage von Großmüttern, Nannies, Freunden und Liebhabern der Mutter auf, einem amüsanten, schnellebigen Völkchen, das die Hotels von Biarritz und Monte Carlo, Newport und Paris bevölkert und so illustre Dandys wie den Prince of Wales und den deutschen Prinzen Gottfried »Frieder« zu Hohenlohe-Langenburg einbezieht.

In ihrer atemlosen, mit Bindestrichen und vielsagenden Auslassungspünktchen gesprenkelten Prosa beschreibt Gloria Vanderbilt lange Nachmittage auf Europas Luxus-Terrassen, wo die gerade erst aufgestandenen Damen, hingestreckt auf Chaiselongues, die Cocktailgläser klingen lassen: »Oh, so gorgeous!« Dabei ist nicht immer Platz für Gloria, das scheue Kind. »Einen Sommer mietete meine Mutter ein Haus in den Hügeln über Biarritz, und dort wohnten außer ihr der Prinz, Onkel Harry, der Freund Augustias und Tante Consuelo. Damit waren alle Zimmer besetzt, so daß (wir) unten im Hotel wohnten.«

Wozu, so fragt sich der Leser, muß das Kind bei diesem Zigeunerleben immer mitgeschleppt werden? Die Antwort ist so simpel wie deprimierend: Die Eskapaden der Mutter wurden aus Glorias (treuhänderisch verwaltetem) Vermögen finanziert. Und das funktionierte nur, wenn das Kind auch tatsächlich dabei war.

So fremd waren sich Mutter und Tochter, so wenig Körpernähe und Berührung gab es in diesem frostigen Klima der Upper Tens, daß die Tochter ihre Mutter nur an der Kleidung von deren Zwillingsschwester Toto unterscheiden kann. Und auch das ist nicht immer einfach, denn die beiden Schwestern, bildschön und symbiotisch verbunden, verbringen viel Zeit damit, gegenseitig ihre schwanenweißen, zarten Hände zu bewundern und in schwarzen Kleidern mit weißen Schleiern auf dem Kopf wie ein edles Elsternpaar auf dem Sofa zu hocken.

Gloria ist hin und her gerissen. Mal haßt sie die Mutter und macht sich in hysterischen Ausbrüchen Luft, mal schwärmt sie von ihr wie eine Verliebte: »Wie ich mich danach sehnte, eins mit ihr zu werden! Ich würde in ihr Sonnenlicht rücken ... in das Sonnenlicht-Gelb, das sie immer umgab ... ganz nah.«

1934 fand die Scharade ein jähes Ende, als eine New Yorker Gerichtsentscheidung das Zigeunerleben der kleinen Millionenerbin für »unpassend, unschicklich und ungehörig« erklärte und Gertrude Vanderbilt Whitney, der Schwester ihres Vaters, das Sorgerecht für das Kind zusprach.

Die kleine Gloria, so scheint es, vertauschte nur den Regen mit der Traufe, denn »Tante Ger« war alles andere als eine Mutter: Die ehrfurchtgebietende Salzsäule von einer Dame, mit 78 Millionen Dollar damals eine der reichsten Frauen Amerikas, sorgte zwar für das leibliche Wohl des Kindes, zog es aber vor, mit Gloria schriftlich zu verkehren - die Botschaften der Tante wurden dem Kind per Rechtsanwalt überbracht.

Den Groll, die ohnmächtige Wut und Trauer, die sich über die Jahre in dem

Millionärskind angestaut haben müssen, verrät das Buch mit keiner Silbe. Ebenso verhuscht und vordergründig wie das strahlende Vanderbiltsche Cheese-Smile, läßt das Buch nur zwischen den Zeilen die Vermutung zu, daß sich hier eine Kinder-Tragödie abgespielt hat.

Kein Hinweis auch auf das, was nach Glorias 21. Geburtstag geschah: Endlich in den Genuß ihres Erbes gekommen, entzog die Tochter der Mutter jede finanzielle Unterstützung. »Meine Mutter«, so gaben die New Yorker Blätter am 20. Februar 1945 ein angebliches Zitat der Millionenerbin wieder, »kann arbeiten gehen oder verhungern.«

Das wird wohl kaum in einem der weiteren sechs Memoirenbände stehen, die Mrs. Vanderbilt, inzwischen 61 und durch den Handel mit Jeans und Diät-Desserts weiterhin bereichert, noch in petto hat.

»Es gibt da einen Unterschied zwischen diesem Mitglied der Millionärs-Kaste und uns«, schimpfte das Stadtmagazin »New York«, das den Memoiren-Leviathan als Eigentherapie und »neurotisches Verhalten« abtat. »Wenn wir uns in Therapie begeben, werden wir dafür nicht noch bezahlt.«

Gloria Vanderbilt: »Once Upon a Time«. Alfred A. Knopf, New York;304 Seiten; 16.95 Dollar.

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