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BEAUMONT Gesteuertes Publikum

aus DER SPIEGEL 44/1965

Es ist ein Stein«, sagte der Direktor,

»der von Direktoren behauen sein will.«

Der Stein ist ein Haus. Es kostet 9,6 Millionen Dollar (40 Millionen Mark) und steht im New Yorker »Lincoln Center for the Performing Arts": Am vorigen Donnerstag hatte das neu gebaute »Vivian Beaumont Theater« seine Weltpremiere. Die Direktoren Herbert Blau und Jules Irving eröffneten ihr Stein- und Glashaus mit dem deutschen Dramatiker Georg Büchner. Irving inszenierte das Revolutionsstück« Dantons Tod«.

Ein Stück Revolution ist das »Vivian Beaumont Theater« selber - als Gebäude und als Unternehmen.

Das »Beaumont« verdankt Namen und Entstehung der kunstliebenden 01-Witwe Vivian Beaumont Allen. Sie starb 1962. Die Form verdankt es den amerikanischen Architekten Eero Saarinen und Jo Mielziner. »Wir gingen«, sagt Mielziner, »zurück zu den Ideen der Griechen und verbanden sie mit den Wundern des elektronischen Zeitalters.«

Das so konzipierte 1083-Plätze-Haus ist eine Kombination aus Zirkus-Arena und gewohntem Guckkastentheater. Kein Zuschauer sitzt weiter als 20 Meter von der Bühne entfernt - denn jeder, so Mielziner, »muß in der Lage sein, den Ausdruck der Augen in einem so kleinen Gesicht wie dem von Julie Harris zu erkennen«.

Er muß auch alles hören. Ein Vier-Kanal-Stereo-System schickt Musik und Geräusch und Geräusch-Musik über Lautsprecher auf der Bühne, hinter der Bühne, an der Decke, über den Balkons und unter dem Zuschauerraum.

Die vollmotorisierte Bühne, die sich drehen, heben und senken läßt, wird vollautomatisch beleuchtet: Ein Computer steuert die Beleuchtungs-Einstellungen (132 in »Dantons Tod").

Gesteuert werden zudem die Publikums-Sitten. Die Architekten ließen-im Foyer 500 verschließbare Kleiderkästen aufstellen: Die Zuschauer brauchen ihre Mäntel nicht mehr - wie in New York üblich - unter den Sitz zu schieben. Sie brauchen auch keine Park -Platzangst zu haben - unter dem Theater ist eine Garage.

Den so verwöhnten Zuschauer erwartet allerdings Ungewohntes.

Anders als in Deutschland engagieren Amerikas Theater die Schauspieler für ein Stück und spielen es en suite: Die meist original-amerikanischen Dramen werden aufgeführt, solange Publikum kommt. Anders als die US-Bühnen wird das »Beaumont« ein festes Ensemble und einen terminierten Repertoire-Spielplan haben - sogar mit ausländischen Stücken.

Nach dem pessimistischen Büchner kommt eine klassische englische Komödie auf die Bühne ("The Country Wife« von William Wycherley). Darauf folgen »Die Eingeschlossenen von Altona« von Sartre und im Frühjahr »Der Kaukasische Kreidekreis« von Brecht. Jedes Stück wird erst sechs Wochen lang allabendlich gegeben, in der Nachsaison wechseln die Stücke dann ab.

»Es ist«, bangt Direktor Irving, »als hätte uns Amerika alle Murmeln des Landes gegeben und gesagt: Nun spielt mal schön.«

New Yorker »Beaumont-Theater": »Nun spielt mal schön«

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