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MALEREI / MONDRIAN Gestörte Ehe

aus DER SPIEGEL 39/1968

Zur Weihe des Museums ließ der Hausherr Sekt, Beat-Musiker, hohe Gäste (Benda. Schütz) und eine Gala-Bilderschau kommen, die zum neuen Bauwerk paßt.

Die West-Berliner Neue Nationalgalerie, eine kantige Konstruktion des Architekten Ludwig Mies van der Rohe (SPIEGEL 37/1968), wurde mit einer Ausstellung ebenso rechtwinkliger Malerei eröffnet -- Arbeiten des niederländischen Abstrakten Piet Mondrian (1872 bis 1944). Denn Mondrian, meinte Galerie-Chef Werner Haftmann, »verheiratet sich gut mit Mies«

Doch sehr harmonisch ist die Ehe nicht: Die 72 Bilder des Mal-Geometrikers« an variablen Hänge-Flächen befestigt, verlieren sich im 50 mal 50 Meter großen, acht Meter hohen verglasten Überbau des Mies-Museums wie Fahrplan-Tafeln in einem Großstadt-Bahnhof. Die Aufteilung des riesigen Ausstellungs-Gehäuses (die ständigen Sammlungen sind im konventionelleren Sockelgeschoß untergebracht) ist vorerst mißlungen.

Von Bild zu Bild betrachtet, offenbart die Retrospektive jedoch bedeutendes Format: Noch nie zuvor ist das Werk des radikalen Kunst-Neuerers Mondrian in Deutschland so umfassend präsentiert worden. Haftmann zeigt rund 30 der klassischen Mondrian-Kompositionen nach 1920 und spürt der Entwicklung des Revolutionärs bis zu den untypischen Anfängen nach.

Der Lehrerssohn aus Amersfoort hatte zunächst tonige Heimatkunst-Werke mit Bauernmädchen und Windmühlen, dann Bilder in Jugendstil- und Fauves-Manier gemalt. Erst nachdem er 1912 nach Paris gezogen und dort zum Kubisten geworden war, fand er sein eigenes Prinzip: »Schrittweise« sah er ein. »daß der Kubismus die logische Folgerung aus seinen eigenen Entdeckungen nicht annahm«.

Schrittweise abstrahierte Mondrian seine Entwürfe zu kargen, ausgewogenen Strichgefügen, doch volle Bildharmonie wurde stets von einem Rest an Gegenständlichkeit verhindert. Endlich beseitigte Mondrian auch dieses Hemmnis und entwickelte einen rein geometrischen Malstil. Dazu erfand er -- unter dem Einfluß des Theosophen Schoenmaekers -- eine anspruchsvolle Theorie und publizierte sie in der Zeitschrift »De Stijl«, die er 1917 mit gleichgesinnten Holländern gegründet hatte.

Die Kunst, lehrte der Maler, habe im Zeitalter der Technik nicht länger subjektive Emotionen, sondern ein universales »geistiges Gefühl« auszudrücken. Als Stilmittel dieser überpersönlichen, bald »Neoplastizismus« genannten Malerei erkannte Mondrian nur schwarzgerahmte Rechteckflächen in den primären Farben an. Die Farbe sollte, anstelle der verschmähten Perspektive, den Bildern Tiefenwirkung geben.

Getreu seiner Theorie fixierte Mondrian (die Berliner Ausstellung belegt es an Exempeln von 1920 bis 1942) seine Empfindung für Flächen- und Farbengleichgewicht auf immer neuen Leinwänden. die Aussteller Haftmann als »Ikonen des mathematischen und technischen Geistes« deutet.

Vom verbindlichen Rezept für harmonische Sinn-Bilder ließ Mondrian erst kurz vor seinem Tode ab. In New York, wohin er im Zweiten Weltkrieg über London entkommen war, entschloß er sich zu rhythmisch reicheren, mosaikhaften Kompositionen, die er »Boogie-Woogie«-Bilder nannte. Doch diese Entwicklung bleibt -- als einzige Mondrian-Epoche -- in der Nationalgalerie unbelegt:

Der New Yorker Kunsthändler Sidney Janis, der eins der wenigen Spät-Beispiele verwahrt, nahm kurz vor Ausstellungsbeginn sein Leib-Versprechen zurück. Nach dem sowjetischen Einmarsch in Prag schien ihm sein Mondrian in Berlin nicht mehr sicher.

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