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BÜCHER / NEU IN DEUTSCHLAND Getöse von Panzern

Pavel Kohout: »Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs«. Bucher; 296 Seiten; 25 Mark.
aus DER SPIEGEL 46/1969

Der Prager Schriftsteller, der einst Hymnen auf Stalin dichtete, heute zu den intellektuellen Schrittmachern des »Prager Frühlings« gezählt wird, will in seinem neuen, nur im Westen erscheinenden Buch den »ein wenig komplizierten« politischen Lebensweg seiner Generation erklären.

Kohaut, 41, wort- und phantasiereicher Film- und Bühnenautor ("So eine Liebe"), bedient sich dabei mehr dramaturgischer als erzählerischer Mittel. Er hat Auszüge aus drei Tagebüchern zu einer zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin- und herspringenden Szenenfolge verschachtelt: Befreiung der Tschechoslowakei durch Sowjet-Truppen 1945 -- Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten 1968; Italienurlaub 1968 -- alliierte Bomber über Prag 1945; Rededuell Novotný-Dubcek 1967 -- Invasion Hitlers 1938.

Dieses Verfahren soll suggerieren: Sozialismus und Freiheit sind vereinbar, sie waren es jedenfalls in der CSSR; denn freiwillig habe das Land den Kommunismus hingenommen und freiwillig halte es am sozialistischen Aufbau fest. Erst das »pradoxe ... Getöse von Panzern«, so Kohout, habe die Chance einer »fast grenzenlosen Demokratie« zerstört.

Doch der Autor scheint von der Triftigkeit seiner Argumente nicht eben fest überzeugt zu sein. Resignierend bespöttelt er sich selbst: »Offenbar werde ich naiv bleiben, bis an die Schwelle des Massengrabes ... Grau, Genosse, ist alle Theorie.« Letzten Mittwoch, wenige Stunden vor seinem geplanten Abflug zu einer Buchmesse in Helsinki, wurde Kohout von den CSSR-Behörden der Paß entzogen.

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