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SESSIONS Getrommelt und gepfiffen

aus DER SPIEGEL 18/1964

Sie kriechen auf halbdunkler Bühne, von den Priestern wie Schlachtvieh angetrieben, die Stufen eines pyramidenförmigen Opferstuhls hinauf, und während ihre ersten Todesschreie widerhallen, erdröhnt eine Batterie von Trommeln - große Trommeln, Tenor-Trommeln, chinesische Trommeln und lateinamerikanische Trommeln, Hühütl und Teponaxtli genannt. Dann wird es dunkel.

Augenblicke später fällt Licht auf eine neue Szene, auf den Felsenpalast des Aztekenkaisers. Dort enthüllen die spanischen Konquistadoren des Feldherrn Fernando Cortez, als weiße Götter respektiert und gefürchtet, vor den Rothäuten zum Zeichen ihrer weltlichen Macht ein Porträt Karls V und - Symbol ihres christlichen Glaubenseifers - ein Gemälde der Madonna. Menschenopfer und Freiheit des Aztekenvolks haben ihr Ende gefunden.

Diese Szenen sind Höhepunkte eines historisch-musikalischen Anschauungsunterrichts von drei Stunden, Dauer: der Oper »Montezuma«. Sie wurde vor 23 Jahren von dem amerikanischen Komponisten Roger Sessions begonnen, im letzten Oktober vollendet und nun, dirigiert von Heinrich Hollreisex, in der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt. Hausherr Gustav Rudolf Sellner inszenierte.

Sessions, 67jähriger Direktor der Musikabteilung an der Universität von Princeton und seit Wochen Gast der Ford Foundation in einer Berliner Westend-Villa, ist nicht der erste Komponist, den die Azteken zu Klangfolgen gereiit haben.

Mit einer Oper vom unglücklichen Indianer Montezuma hatte schon 1755 der preußische Hofkapellmeister Carl Heinrich Graun sein Glück versucht: Librettist: Friedrich II., der Große. Und auch die Oper »Ferdinand Cortez« von Gasparo Spontini, dem Hofkomponisten Napoleons I. Und Ludwigs XVIII., wurde nach kurzem Sang und Klang wieder vergessen.

Doch Sessions ließ sich die unguten Vorbilder nicht zur Warnung dienen. Er beschloß, das Libretto des sizilianischen Schriftstellers, Journalisten und Thomas-Mann-Schwiegersohns Giuseppe Antonio Borgese (1882 bis 1952), das ihm offeriert worden war, zu veropern, denn er fühlte, daß »der Stoff« - er behandelt den ersten Zusammenstoß zwischen Europa und Amerika, zwischen Weißen und Indianern - »uns Amerikanern besonders naheliegt«. Mit Hilfe von Frau Elisabeth Mann-Borgese brachte er den Mammut-Text auf ein für geduldige Zuhörer eben noch zumutbares Maß.

Kurzweilig aber ist das Werk auch nach rigorosem Kleinschnitt nicht geworden. Was die Berliner Premierenbesucher in der Form - richtiger: der Formlosigkeit - des epischen Musiktheaters zu hören und zu sehen bekamen, glich weniger einer Oper als einer in Musik gesetzten, nicht sehr dramatischen, aber immerhin lehrreichen Schulfunk-Sendung für den Geschichtsunterricht - oder hätte ihr doch geglichen, wäre ein Gutteil der wortreichen Monologe und Dialoge nicht vom Sog des Orchesters geschluckt worden.

So blieben nur Rudimente der Handlung verständlich. Sie beschreibt vor dem farbenprächtigen Rundhorizont des Bühnenbildners Michel Raffaelli, angereichert mit Feld- und Siegeszeichen, Räucherpfannen, Vasen, Kanonen und

- schönstes Requisit - einem Schlachtroß aus Eisen, Holz, Draht, Leim, Leder und Seidenpapier, die Landung der spanischen Konquistadoren an Mexikos Küste (1519).

Dargeboten werden europäische Goldgier, religiöser Hader und christliches Gemetzel unter den Eingeborenen sowie die Geschichte der indianischen Prinzessin Malinche, die als getaufte Dona Marina die Geliebte des weißen Heerführers Cortez wird, und das Geschick des friedfertigen Montezuma, den seine eigenen Volksgenossen steinigen. Ein alter Soldat, Veteran der Cortez-Invasion in Mexiko, kommentiert rückblickend den filmisch-musikalischen Bilderbogen.

Sessions, Komponist von fünf Symphonien, Kammermusikwerken und

- noch vor Paul Dessau - Vertoner

von Bert Brechts »Verhör des Lukullus«, hat in seinem »Montezuma« keine historisch-folkloristischen Motive, sondern Zwölf ton-Komplexe verwendet, wie sie seit ihren Wiener Erfindern Arnold Schönberg und Joseph Matthias Hauer in der modernen Opernmusik üblich geworden sind. In den Vokalpartien überwiegen kaum singbare Intervalle. Das konventionelle Operninstrumentarium ist mit exotischem Schlagzeug, mit Xylophonen, Marimbaphon, Vibraphon und Klavier für dynamische Kraftakte denkbar vollständig ausgerüstet.

Doch alles Getrommel nützte nichts: Das »ganz böse Epos der Weltgeschichte« (Generalintendant Sellner) rief bald Gähnen und schließlich einiges Gelächter hervor. Und als alles zu Ende war, wurde auch noch kräftig gebuht und gepfiffen - vornehmlich dann, wenn Roger Sessions auf die Bühne kam, um sich für die Weltpremiere seines »Montezuma« zu bedanken.

»Montezuma«-Premiere in Berlin: Indianer mit Zwölfton-Komplex

Komponist Sessions

Lauter Schulfunk

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