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KLAGES Gewalten des Untergangs

aus DER SPIEGEL 37/1966

Das Werk eines der unheimlichsten Denker deutscher Sprache kehrt - nach Jahrzehnten fast völliger Vergessenheit - auf die Bühne der deutschen Öffentlichkeit zurück: das Werk des gleichermaßen anti-christlichen wie anti-jüdischen Mystikers, des bedeutenden Anregers neuer Wissenschaften Ludwig Klages, geboren am 10. Dezember 1872 in der Warmbüchener Straße in Hannover - bei, wie sein erster Biograph respektvoll vermerkt, sechs Grad Mittagstemperatur«,leichtem Westwind« und »etwas Regen«.

Kurz bevor Klages am 29. Juli 1956 in Kilchberg bei Zürich starb, bekannte er: »Meine Lehre ist verschüttet.«

In diesem Sommer, dem zehnten nach seinem Tode, erschien im Bonner Bouvier-Verlag:

- der erste Band einer auf zwei Bände angelegter Klages-Biographie;

- der zweite Band der Hauptwerks von Kläger »Der Geist als-Widersacher der Seele« (Erstauflage 1929 und 1932), der zugleich ein Teilstück der vom Bouvier-Verlag begonnenen monumentalen Gesamtausgabe der Klages-Werke darstellt**.

Autor der Klages-Biographie ist der Betreuer der dem Schiller-Nationalmuseum in Marbach angeschlossenen Klages-Archivs Hans Eggert Schröder. Der Text weist ihn als unkritischen Verehrer seines Helden aus.

Peinliches, wie den Antisemitismus von Klages, umgeht Schröder am liebsten. Die Niederschrift des 30jährigen Klages (1903), wonach »der Jude ... überhaupt kein Mensch« ist und das »Scheinleben einer Larve« lebt, »die Moloch-Jahwe sich vorband, um auf dem Wege der Täuschung die Menschheit zu vernichten«, kommt bei Schröder nicht vor.

Gleichwohl vermittelt der Schröder -Text einen Eindruck von dem Menschen und Denker Klages: von dessen somnambulen Erlebnissen, von der Faszination, die er, der Hasser Jahwes und des jüdischen »Molochismus«, auch auf Juden ausübte, und von jener wodanisch-deutschen Untergangs-Hysterie, die sich um die Jahrhundertwende, als Klages nach München kam, unter den literarischen Edel-Gammlern Schwabings zum erstenmal manifestierte.

Die somnambule Veranlagung zeigte sich schon früh. Als hannoverscher

Gymnasiast hatte Klages makabre Träume und ließ sich visionär in die »finstersten Schlünde vergangener Jahrtausende« entrücken.

Seiner Mutter und seiner Schwester Helene zärtlich zugetan, dem Vater frühzeitig entfremdet, lebten - nach eigener späterer Darstellung - damals in ihm »fast unverbunden zwei Naturen: die seelisch-rauschhafte, in magischem, mystischem und dichterischem Denken webend, und die dem dialektischen, mathematischen und physikalischen Denken zugeneigte geistige«.

Achtzehn Jahre alt, legte er am Grabe seiner Mutter den »feierlichen Schwur« ab, den »Geist« - worunter er später jegliches auf eine materiell oder sittlich bessere Zukunft gerichtete religiöse oder wissenschaftliche Denken verstand - zu »entmächtigen«.

Fast fünfzig Jahre später löste er den Schwur ein, indem er den »Geist« - als dessen abstoßendste Personifikation er jahrelang den Gott des Alten Testaments Jahwe begriff - zum »Widersacher der Seele« stempelte.

Von 1893 bis 1919 lebte Klages in München - bis er nach Kilchberg zog. Sein wechselnder Freundes - und Feindeskreis umfaßte den klein-schreibenden Lyriker und Knaben-Verehrer Stefan George, den Zionisten und Liebhaber altdeutscher Lyrik Karl Wolfskehl, Friedrich und Ricarda Huch und viele andere Literaten.

Drei Menschen erlangten für den Münchner Klages jedoch tiefer reichende Bedeutung:

- die Tochter seiner Zimmerwirtin »Putti« Bernhard, die, als er sie kennenlernte, eine zwölfjährige Lolita ("weit über ihre Jahre wissend") war;

- die Schwabinger Hetäre und Schriftstellerin aus altem schleswig-holsteinischem Grafengeschlecht, Franziska zu Reventlow, genannt »Fanny«;

- der aus Mainz gebürtige Mystagoge Alfred Schüler, ein homosexueller Literat - Antisemit und gleichwohl mit Juden befreundet -, der keine einzige Buchzeile drucken ließ, sondern sich nur in Gesprächen mitteilte.

Putti erlöste Klages, der den Typ der »hetärischen wissenden« Frau bevorzugte, aus »qualvollem Verlangen nach dem Weib und Liebe«.

Fanny - von Klages eine »heidnische Heilige« genannt ("Die Urseele wühlt in Ihnen empor") - wurde allerdings für Klages eine Enttäuschung: »Sie durfte lieben, welchen Mann und wie viele sie wollte. Eifersuchtsregungen haben nur selten und flüchtig mich angerührt; aber die Elementarseele in ihr, die sollte mit mir sein im selben Feuerkreis.«

Er spürte jedoch nach mehreren Jahren unsinnlicher und sinnlicher Liebe, »daß sie draußen blieb«.

Was mit Fanny mißglückte, gelang mit Schuler. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich ein Einverständnis über mystische Erlebnisse, für das Klages selbst Beispiele aufzeichnete.

Als Knabe hatte Klages einen Traum gehabt, worin er einem Spielkameraden mit einem Schwert den Kopf abschlug

- und zugleich den Geruch von Zichorie, also von Kaffeezusatz, verspürte. Jahre später versicherte Schuler (ohne von dem Traum zu wissen) seinem Freund Klages: »Oh, Zichorien sind etwas Furchtbares; Zichoriengeruch hängt mit Mordblut zusammen.«

Klages schloß: »Dieser Mann weiß um unwahrnehmbare und unableitbare Zusammenhänge.«

Im Mai 1905 - Klages war 32 Jahre alt - spürte er »unter unbeschreiblichen Schauern«, »daß die Essenz (das 'Lebensfeuer') dieses Sterns (des Erdballs) ihn für immer verließ«-für Klages ein Zeichen, daß der Untergang der Menschheit bevorstand.

Wiederum bewährte sich die »Gemeinsamkeit« der »mystischen Schau«. Ein Vierteljahr nach seiner Vision wurde Klages von Schuler gefragt, »ob mir kundgeworden sei, was im Esoterischen vor einigen Monaten sich ereignet habe«. Schuler hatte aus dem »Esoterischen« in der Tat die gleiche traurige Kunde erhalten.

Noch rund 25 Jahre später vertrat Klages (im zweiten Band seines »Widersachers") die Auffassung, daß »sich zwischen 1890 und 1900 das Schicksal der Menschheit innerlich« entschieden habe und von da an »die Vollzugsgewalten des Untergangs« einsetzten.

Damals verflaxte Gottfried Benn den »Widersacher«-Philosophen als eine Mischung -von Teufel und »Daheim«-Autorin: »Außen Mephisto, innen Frida Schanz. Ein Plattfuß ohnegleichen.«

Doch trotz der abstrusen Visionen, die Klages im »Widersacher« niedergeschrieben hatte, hat sich das Werk bis heute auch bei jeglicher Mystik abholden Kennern Respekt bewahrt.

Als Klages vor zehn Jahren starb, mahnte der heutige Frankfurter Jung-Philosoph Jürgen Habermas, die anthropologischen und sprachphilosophischen Erkenntnisse von Klages sollten »nicht für immer hinter dem Schleier einer geistfeindlichen Metaphysik und einer apokalyptischen Geschichtsphilosophie verborgen bleiben«. Sie seien nicht überholt, sondern noch erst »einzuholen«.

So gelten die Untersuchungen von Klages über vor-rationale Bedingungen menschlicher Wahrnehmung - zum Beispiel über die Zusammenhänge von »Bewegungswahrnehmbarkeit« und Pulsschlag - als noch nicht ausgeschöpft.

Seine Vorliebe für das Irreale veranlaßte ihn, die Raum-Vorstellungen des Traums und des Spiegelbildes zu untersuchen. »Nie ist«, so schrieb der vor einem Jahr verstorbene Bonner Philosoph Erich Rothacker, »die spezifisch räumliche Struktur des Traumbewußtseins einer so intensiven erkenntnistheoretischen Untersuchung unterzogen worden« wie im »Widersacher«.

Eine nachhaltige, wenn auch zumeist anonyme Wirkung erzielte Klages ("Ich bin der am meisten ausgeplünderte Autor der Gegenwart") mit seinen Werken »Grundlagen der Charakterkunde« (1910), »Grundlegung der Wissenschaft vom Ausdruck« (1913) und seinem graphologischen Lehrbuch »Handschrift und Charakter«. Es wurde im vorigen Jahr zum 25. Mal aufgelegt.

** Hans Eggert Schröder: »Ludwig Klages -Die Geschichte seines Lebens«. H. Bouvier und Co. Verlag, Bonn; 400 Seiten; Einzelpreis 50 Mark. - »Ludwig Klages - Sämtliche Werke - Band 2 - Der Geist als Widersacher der Seele - Fünftes Buch« H. Bouvier und Co. Verlag, Bonn; 756 Seiten, Einzelpreis 90 Mark.

Klages-Freundin »Fanny« zu Reventlow

»Urseele wühlt empor«

Klages (M.), Freundes: »Oh, Zichorien sind etwas Furchtbares«

Klages-Freundin »Putti« Bernhard

»Über Ihre Jahre wissend«

* von links: Wolfskehl, Schuler, George, Verwey (holländischer Dichter).

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