Zur Ausgabe
Artikel 60 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KUNST Gewaltig allein

Das Werk des Romantikers Runge, Entwurf einer visionären »Landschafts«-Malerei, wird neu beleuchtet.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Ich kann Ihnen«, schrieb der Maler Philipp Otto Runge an seine Mutter, »es nicht so deutlich sagen, wie ich es wohl weiß, daß eine schöne und wohl bessere Kunst vor uns liegt, die wir finden werden, und worauf hin alle meine Kräfte steuern.«

Wenig später, Ende 1802, legte Runge erste Hand an ein Programmwerk solcher Zukunftskunst. Zunächst mit Bleistift und Feder auf Papier umriß er sein bislang »Größtes von Komposition": Blütenmotive und Gestirne, Madonnen- und Amorettenfiguren fügten sich ihm »wie eine Symphonie« zu einem allegorienreichen Bilderzyklus der (Tages-) »Zeiten' zusammen.

Sodann klärte der Künstler seine Ideen in geometrischen

Konstruklionszeichnungen, Zwischenstufen rür eine weitere Fassung, die 1805 in Kupferstichen gedruckt erschien. Indessen blieb die »Sehnsucht, die vier Bilder doch zu malen, wenn auch nur zuerst als Skizzen«.

Runge folgte diesem Drang. Er führte eine Mutter-und-Kind-Gruppe der »Tag«-Darstellung vor Goldgrund aus sowie, Jahre später in gewandeltem Stil, den »Morgen« als eine Art Altargemälde, bei dem ein figürlich gemalter Rahmen den Bedeutungsanspruch des Hauptbildes noch hervorhebt.

Und als der Maler 1810, nur 33jährig, in Hamburg starb, hinterließ er ein unvollendetes größeres »Morgen -- Bild, auch dieses nur Vorarbeit für eine wändefüllende Ausführung der »Zeiten«, die so einen geschlossenen romantischen Kultraum bilden sollten. Eine Anweisung, den »Großen Morgen« zu vernichten (er empfand, er hätte ihn »noch wieder ganz umbauen müssen"), nahm der Sterbende zwar zurück, aber ein später Erbe schnitt das Werk dann doch in Stücke.

Derart fragmentarisch und skizzenhaft-vorläufig, eher Zielprojektion als verwirklichtes OEuvre, bietet sich Runges Malerei der Nachwelt dar. Aus dem Bewußtsein einer Krisenzeit ("am Rande aller Religionen") und dem Wunsch, »die Menschen von der Angst, wohin alle die unselige Kunst und Wissenschaft sie jetzt hinjagt«, zu erlösen, ließ er ein Kunst-Konzept zurück, das er auch bei langem Leben kaum hätte ausführen können.

Doch eben so, als Zeugnis einer großen Geste, subjektiv verschlüsselt und in zumindest gleichem Grade gedacht wie bildnerisch geformt, haben Runge-Bilder eigentümlich moderne Züge. Sich jetzt, 200 Jahre nach seiner Geburt, mit diesem Künstler zu befassen, ist mehr als Jubiläumskrampf.

Es hat demnach auch guten Sinn, Runge dort, wo er ohnehin präsent ist, gleichsam aufs Podest zu stellen: Die Hamburger Kunsthalle, die dank Ankäufen, Dauerleihgaben und Schenkungen (Zuwachs 1977: ein jüngst entdecktes Bildnis als Gabe des lokalen Rotary Club) über die weitaus meisten Runge-Arbeiten verfügt, stockt ihre ständige Runge-Schausammlung von 26 Gemälden nun kräftig auf.

Mit zusätzlich etwa 170 Runge-Blättern aus den Graphikbeständen des Hauses, 50 anderswo ausgeborgten Werken des Jubilars und reichlich 120 Vergleichsbeispielen wird am Donnerstag dieser Woche die Ausstellung »Runge in seiner Zeit« eröffnet. Zugute kommt ihr die systematische Forschung, die der Regensburger Kunsthistoriker Jörg Traeger in einer Monographie mit kritischem Katalog (555 Werknummern) vorgelegt hat*.

* Ausstellung bis 8. Januar 1978; Katalog 360 Seiten; ca. 25 Mark. Jörg Traeger: »Philipp Otto Runge und sein Werk«. Prestel-Verlag, München; 556 Seiten; 200 Mark.

Anschauung und Lektüre, beides ist unerläßlich, um den »mutmaßlich weitgreifendsten Kunstentwurf des 19. Jahrhunderts« (Traeger) zu erschließen; denn Maler Runge, der nebenbei das Butt-Märchen vom Fischer und seiner Frau plattdeutsch aufschrieb, war auch ein literarisches Talent, ein Gesprächs- und Korrespondenzpartner für Dichter wie Brentano, Tieck und sogar Goethe, dem er mit einer eigenständigen Farbentheorie imponierte. Der »denkende Künstler« allerdings ("Kurios! Ob es auch wohl nicht denkende dergleichen gibt?") wurde »erst ruhig, wenn ich die Gestalt meiner Ahnung äußerlich sehe«.

Diese Bildgestalt, wenngleich immer nur Station auf dem Weg zu unerreichbaren Zielen, konnte in vielen Varianten hohen Rang erreichen. Während Runge seine »Zeiten« Schritt für Schritt aus bescheidenen Strichzeichnungen in eine wie gläsern durchscheinende Farbigkeit übertrug, verstand er sich auch -und stets im Zusammenhang mit seinen Kunst-Visionen -- auf arabeskenhafte »Zimmerverzierungen« oder gefällige Scherenschnitte. Er war zudem ein realistischer Porträtist, der beispielsweise kindlichere Kinder malte als irgendein Zeitgenosse.

Mit Talent zu Scherenschnitten hatte sich der pommersche Kaufmanns- und Reederssohn schon in der heimischen Großfamilie (elf Geschwister> hervorgetan; sonst war er, häufig kränkelnd, ein rechter Spätentwickler.

Auch lag dem schöngeistigen Hamburger Freundeskreis des älteren Runge-Bruders Daniel, zu dem Philipp Otto, mit seinem Eintritt in das Handeishaus Hülsenbeck, Runge & Co., 18jährig stieß, Literatur bei weitem näher als Malerei. Daß Runge seit 1799 doch noch zu Kunststudien geschickt wurde (erst nach Kopenhagen, dann nach Dresden), hatte unter anderem mit dem Plan zu tun, der Firma einen Bilderhandel anzugliedern.

Anregung zur Malerei empfing Runge indes aus protestantischer Frömmigkeit, zeitgenössischem Lesestoff wie Ludwig Tiecks Künstlerroman »Franz Sternbalds Wanderungen« und privatem Gefühlserleben. Als er 1801 die 15jährige Dresdnerin Pauline Bassenge, später seine Frau, kennenlernte, ging ihm (so Daniel Runge) »mit der Liebessehnsucht zugleich die höchste Ahnung von dem Wesen und der Bestimmung der Kunst auf«.

Seine Ahnung brachte er auf einen zeitgemäßen Begriff: »Es drängt sich alles zur Landschaft.« Doch die »Landschafterei, wenn man so will«, nahm er weniger wörtlich als sein Landsmann Caspar David Friedrich, dem er mehrmals begegnet ist.

Um »das Bild Gottes in sich« darzustellen, versuchte Runge, Natur und menschliche Figur in Symbolbeziehung zu setzen und auch den Medien der Darstellung einen Sinngehalt abzugewinnen,

So bekamen bei Runges »Farbenkugel«, mit der er Kontraste und Mischungen optisch-physikalisch untersuchte, nicht nur die Pole Licht und Dunkelheit religiösen Sinn: Die Grundfarben Blau ("hält uns in einer gewissen Ehrfurcht, das ist der Vater"), Rot ("der Mittler zwischen Erde und Himmel") und Gelb ("der Tröster, der uns gesandt wird") galten ihm als Ausdruck göttlicher Trinität. Im gemalten Rahmen des »Kleinen Morgen« bilden sie eine Motivkette.

Wie die Farben setzte Runge die geometrische Form als geheimen Bedeutungsträger ein. Seine »Aurora"' auch »Venus« oder »Maria«, die als Hauptgestalt der »Morgen«-Gemälde auftritt, ist mit dem Kopf genau auf das Bildzentrum fixiert. Ferner ist als Schnittpunkt von Konstruktionslinien (so Kunsthallendirektor Werner Hofmann im Hamburger Ausstellungskatalog) »die Vagina als empfangende und gebärende Mitte« hervorgehoben.

Dabei gebrauchte Runge seine Sinnzeichen beziehungsreich auf vielen Ebenen: Die triumphierende Geste der »Morgen«-Aurora vollführt auch ein peitschenschwingender Knabe in idyllischer Gartenszenerie ("Die Hülsenbeckschen Kinder"). Der Stirb-undwerde-Kreislauf, den die »Zeiten« kosmisch deuten sollten, bekam politischen Inhalt, wenn Runge ihn auf den Fall des Vaterlandes« (durch Napoleon) übertrug. Diese Zeichnung, als Zeitschriftenumschlag vorgesehen, aber als »gar zu schneidend deutlich« (Daniel Runge) dann verworfen, ähnelt auch einem »alchimistischen Sämann« des 17. Jahrhunderts.

Bei solcher Gedankenkunst lag die Gefahr, esoterisch zu bleiben, nur allzu nahe -- mochte Runge auch aus dilettantischen Anfängen zu einer gleichsam magischen Wirklichkeitsmalerei von beispiellosen Lichtwirkungen vorstoßen, und mochte er eingängige Dekorationen als »Leimruten« fürs Publikum auslegen. »Ich stehe jetzt gewaltig allein«, vermerkte er und fand »individuelles Verständnis das einzige, was zu erlangen steht«.

Verständnis stellte sich, wenn auch sporadisch, immer wieder ein. Runge-Forscher Traeger, der bei Würdigung seines Helden »einige Superlative kaum vermeiden« kann ("stärkste schöpferische Kraft der deutschen Romantik«, »größter deutscher Künstlertheoretiker seit Dürer"), präpariert in seinem ausholenden Monumentalwerk nicht nur geistesgeschichtliche Bezugspunkte in Runges eigener Zeit heraus. Er sieht auch mannigfache Auswirkungen auf spätere Kunst, vom Rankenwerk des Jugendstils bis zur Farbenmystik des »Blauen Reiters«.

Ein großes Publikum für Runge anzulocken -. das Jubiläumsjahr spült viele Runge-Publikationen, darunter eine volkstümlichere Version des Traeger-Opus (68 Mark) in die Buchläden -- könnte ohne die Leimruten-Funktion etwa der gemütvollen Kinderbilder kaum gelingen. Die Hamburger Kunsthalle kann überdies lokalen Runge-Stolz einkalkulieren. Nach Caspar David Friedrich 1974 (220 000 Besucher) rüstet sie sich wieder für großen Zulauf.

Anders nur als vor drei Jahren spielt diesmal die DDR als Leihgeber nicht mit. Weil in Hamburg auch ein Runge-Gemälde aus West-Berlin gezeigt werden soll, annullierten die Behörden zehn Tage vor Eröffnung längst perfekte Zusagen. Macht minus 14 Runge-Zeichnungen.

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.