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BÜCHER Gewisse Dämonen

Guido Ceronetti: »Das Schweigen des Körpers. Materialien und Gedanken zu einem Studium der Medizin«. Aus dem Italienischen von Christel Galliani. Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 264 Seiten; 16,80 Mark. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Das Schweigen des Körpers« ist die erste Arbeit des italienischen Lyrikers und Journalisten Guido Ceronetti, 56, die ins Deutsche übertragen wurde. Es ist dies ein seltsames Buch: ein mit zum Teil schönen Aphorismen verwirrendes Labyrinth, in dem sich so etwas wie ein Thema hinter immer wieder von ihm ablenkenden Gedankenscherben versteckt hält.

Das Thema aber ist eine so verspielte wie verzweifelte, so aggressive wie verträumte Abrechnung mit der Schulmedizin, in deren Laboratorien eine nimmersatte ärztliche Prestigegier die Leiden der Patienten für monströse Operationen ausschlachtet.

Die Invektiven gegen die Metzger des OP aber sind nur ein Posten in Ceronettis galliger Bilanz des (nicht nur) medizinischen Fortschritts. Dem Autor schwebt eine völlig andere Kultur vor. Seinem Empfinden nach haben die Triumphe der Technik über Krankheit und frühen Tod den Menschen suggeriert, daß Leid und Schmerz nichts weiter als auszumerzende Perfidien der Natur seien. Ceronetti dagegen glaubt, in ihnen die authentische Sprache des Körpers zu entdecken, und zitiert Alessandro Manzoni, den Klassiker der italienischen Romantik: »... daß der wahre Schmerz für den Menschen nicht der ist, den er erleidet, sondern der, den er zufügt.«

Diese Entdeckungsreise macht den Leser mit Anekdoten aus verschwiegenen Kulturen bekannt, die der Italiener zu einem esoterischen Historien-Buch der Medizin zusammensetzt: zu einem Mosaik wollüstiger und morbider Sehnsüchte des Leibes. Makabre Geschichten erzählt er dabei nach, wie die einer schönen Frau auf der Insel Samos, die sich in einen leprakranken Mann verliebt, ihn ehelicht und Jahre über vergebens versucht, sich selber mit der Krankheit zu infizieren: der Liebesakt mit dem Ziel des gemeinsamen Todes.

Ceronettis Pandämonium des Masochismus überzeugt keineswegs auf allen Seiten. Doch für manchen gebildet klingenden Unsinn entschädigen assoziationsreiche Miniaturen, die noch in ihrer Absurdität unterhaltsam sind: wie etwa die zur Mythologie des Aborts, in dem, wie die Talmudisten lehren, »gewisse Dämonen hausen«, die allein von der Aufsichtsperson in Schach gehalten werden:

»Die Aufsichtsperson ist nämlich ein lebendiger Exorzismus, ein neutrales, feuerfestes, für Dämonen unangreifbares Wesen. Das Geldstück, das wir der Toilettenfrau in Bedürfnisanstalten geben, ist ein Lohn für ihre apotropäische (die Teufel bändigende) Tätigkeit, eine Gabe an ihre schützenden Hände, die das gemeine Volk nur für Verteiler von Klopapier hält.«

Mit dem oft beängstigenden Fanatismus des Moralisten tritt Ceronetti für eine neue ärztliche Ethik ein: zu deren Selbstverständnis nicht Unterdrückung und Reparatur, sondern die bewußte Annahme des Schmerzes gehörte - um auf diese Weise die Leiden der von den Menschen gemarterten Natur erlebbar zu machen. Ein Buch in humaner Absicht, aber auch eine alttestamentliche Idealisierung der Krankheit aus dem Munde eines misanthropisch gesinnten Ökologen, der sich eine friedfertig-heitere Welt im Grunde nur ohne Menschen vorzustellen vermag.

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