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Schallplatten Gezirpter Gänsemarsch

Claudio Monteverdi: »Il Ritorno d'Ulisse in Patria. Concentus Musicus. Musikalische Einrichtung und Gesamtleitung: Nikolaus Harnoncourt. Telefunken SKBT 23/1-4; 79 Mark.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Aus dem Lautsprecher kommen sanfte Flöten- und Lautentöne, Gamben- und Violenklänge, hin und wieder auch das Schnarren eines Regals (der barocken Zungenorgel). Selbst Trompeten und Posaunen produzieren höchst dezente Töne. Es ist eine Musik der leisen Effekte. Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) schrieb sie vor 331 Jahren.

Seinen Zeitgenossen erschien diese, ausdrücklich als »neu« angekündigte Musik zumindest als ebenso revolutionär wie den Hörern des 20. Jahrhunderts die Kompositionen eines Kagel, Stockhausen oder Ligeti. Was heute an Monteverdis Musik als intim, zart, zurückhaltend wirkt, galt zu seiner Zeit, in der diese Mittel noch unverbraucht waren, als schockierend-dramatisch.

Monteverdi ist die Schlüsselfigur zur musikalischen Neuzeit. 1607 schrieb er in Mantua die erste Oper der Musikgeschichte, die diesen Namen verdient, den »Orfeo«. Nur zwei weitere seiner Opern sind komplett erhalten. »Ulisse-Odysseus« ist die bedeutendste.

Strenger als im Frühwerk konzentriert sich hier die Musik auf Text und Handlung. In großartiger Ökonomie der Mittel dienen alle musikalischen Elemente (wie Melodik, Harmonik, Tempo, Instrumentation) einzig der optimalen Wirkung des Wortes. Selbständige Formtypen, wie die schon wenig später in Mode gekommenen Dacapo-Arien und Ensemblesätze der typischen Oper des Hochbarocks, kennt diese dem stetigen Fluß des Dramas folgende Musik noch nicht. In der Regel tritt jeweils nur ein Sänger auf, und erst nach Abschluß seiner Phrase kommt der Gegenspieler zum Zuge.

Richard Wagner hat diesen der Textverständlichkeit dienenden Sprechgesang bei seiner Opernreform über zwei Jahrhunderte später, vor allem in seinen »Ring«-Dramen, wieder aufgegriffen. Der Kritiker Eduard Hanslick nannte dieses Verfahren einen »musikalischen Gänsemarsch«. An dieses Bonmot fühlt man sich beim Anhören der Monteverdi-Oper erinnert und an die trotz ihrer stilistischen Unvergleichbarkeit innere Verwandtschaft der beiden großen Musikdramatiker.

Freilich sind in dieser auch technisch vorzüglichen Aufnahme nicht die nordischen, sondern die mediterranen Götter und Helden der Antike zu hören: Neptun, Minerva, Juno, der von seinen Irrfahrten heimkehrende Odysseus und sein von den Freiem belagertes treues Weib Penelope.

Das Sänger-Ensemble ist glänzend eingeübt und vom üblichen opernhaften Vortrag weit entfernt. Es wird vom Wiener »Concentus Musicus«, einem Spezialisten-Orchester ersten Ranges, begleitet, das auf Originalinstrumenten des 17. und 18. Jahrhunderts oder stilgetreuen Nachbauten mit erstaunlich selbstverständlicher Virtuosität musiziert. Der Concentus-Chef, Nikolaus Harnoncourt, Cellist. Gambist und Fachmann für die Aufführungspraxis alter Musik, hat, da von Monteverdis Werk nur Unter- und Oberstimme überliefert sind und der Komponist keine Angaben über die zu verwendenden Instrumente macht, mit instinktsicherer Musikalität die Partitur rekonstruiert.

Feinkost für Kenner? Gewiß. Doch darüber hinaus ein Beweis dafür, daß sich große Musik einer frühen Vergangenheit in unserer lärmenden Gegenwart mit relativ bescheidenen Mitteln adäquat, das heißt historisch wie musikalisch zutreffend, realisieren läßt.

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