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Literatur Gier nach Blut und Tod

aus DER SPIEGEL 12/1996

Morsbach, 39, promovierte über Babels Werk und lebt jetzt als freie Autorin in Pöcking; 1995 veröffentlichte sie den von der Kritik viel beachteten, aber auch umstrittenen Roman »Plötzlich ist es Abend« (Eichborn Verlag).

Mit 30 Jahren schon war er ein berühmter Mann. Sein Erzählzyklus »Die Reiterarmee« (1926) hatte ihn über die Grenzen der Sowjetunion hinaus bekanntgemacht. Isaak Babel, 1894 in Odessa geboren, galt als Wunderkind der jungen Sowjetliteratur.

Als 1924 sein Vater starb, übernahm der junge Autor wie selbstverständlich die Rolle des Familienoberhauptes. Er löste den Haushalt in seiner Heimatstadt Odessa auf und holte Mutter, Schwester und Ehefrau nach Moskau.

Doch das Familienleben mißglückte. Die Frauen litten unter der Wohnungsnot. Es gab Probleme mit der Versorgung ** Isaak Babel: »Briefe 1925-1939«. Herausge- _(geben und aus dem Russischen ) _(übersetzt von Gerhard Hacker. Johannes ) _(Lang Verlag, Münster; 440 Seiten; 58 ) _(Mark. ) _(* 1928 im belgischen Seebad St. ) _(Idesbald. )

und in der Ehe - der junge Ehemann ging fremd. Mutter Fenja und Schwester Marija wanderten nach Belgien aus, seine Frau Jewgenija ging nach Paris. Babel selbst blieb in Rußland.

An Mutter und Schwester schrieb er zwischen 1925 und 1939 Hunderte von Briefen und Karten. Die erhaltenen - immerhin 427 - liegen jetzt in einer gut übersetzten und solide kommentierten Ausgabe auf deutsch vor**.

Es sind muntere Familienbriefe. Sie bieten allerdings vieles nicht, was man sich von einer Künstlerkorrespondenz erhoffen mag. Intimes wird in ihnen nicht enthüllt (Babel betrieb hier eine konsequente Verschleierungspolitik). Zeitgeschichtliches wird nur in Standardwendungen referiert (der Geheimdienst las mit). Werkstattgeheimnisse waren nicht gefragt (die Empfängerinnen haben den Autor in dieser Hinsicht nicht gefordert).

Aufschlußreich sind die Briefe auch durch das, was sie verschweigen. Der zurückhaltende Kommentar der vorliegenden Ausgabe offenbart das stille Drama eines Menschen, der den Ernst seiner Lage - absichtlich? - verkennt, der die Seinen mit zunehmend verkrampfter Heiterkeit bei Laune hält, während sich die Schlinge um seinen Hals zusammenzieht. Das Buch ist ein Lehrstück über den Tanz mit dem Drachen.

»Meine Schätzchen!« und »Meine Süßen!« - so redet Babel die Seinen an. Auch: »Liebwerte Fedossejuschka«, »Teures Mütterchen!« Oder: »Närrische Marija«, »Liebreizende Kurtisanen!« Oder es heißt: »Ich grüße Euch alle, drücke Euch die Pfötchen und küsse Euch fest.«

Der Ton ist lebhaft und zärtlich. Babel unterstützt »seine drei Frauen« - auch die Ehefrau in Paris - finanziell, kümmert sich um Paß- und Visaangelegenheiten, sorgt sich um ihre Gesundheit. Das Leiden an der Trennung ist Dauerthema: »Ich würde hier wie im Paradies leben, müßte ich nicht unablässig an Euch denken. Nachts wache ich auf, in kalten Angstschweiß gebadet.«

Der Mutter Fenja schreibt er im Oktober 1931, ein guter jüdischer Sohn: »Wenn ich die vergangenen Jahre vor mir aufrolle, sehe ich, daß es in meinem Leben eine einzige wahre, stete, unauslöschliche Liebe gibt: die Liebe zu Fenja . . .«

Die Familienzusammenführung wird ständig erwogen. Aber die Frauen wollen nicht nach Rußland zurück, und Babel will nicht im Ausland leben. »Hier ist es ärmlich, in vieler Hinsicht traurig, aber das ist mein Material, meine Sprache, das sind meine Interessen . . . Ich kann mich wohl darauf verstehen, mich im Ausland zu amüsieren, doch arbeiten muß ich hier.«

Dreimal besucht Babel den Westen. Das erste Mal 1927/28. Er lebt in Paris wieder für kurze Zeit mit seiner Frau zusammen und zeugt mit ihr die Tochter Nathalie, die 1929 geboren wird. Von Rußland aus erkundigt er sich schmachtend nach »Natascha«.

Erst 1932 kann er sie sehen. Während in Moskau eine neue Freundin auf ihn wartet, die junge Ingenieurin Antonina Piroschkowa, begeistert er sich in Paris an der Schlagfertigkeit seiner dreijährigen Tochter: »Ich habe einen Tiger in die Welt gesetzt. Ohne Ansehen von Alter und Stand überschüttet sie alle ringsum mit französischen Kraftausdrücken; mich hat sie heute ,cochon'' genannt . . . Und gestern kam sie uns morgens wecken und sagte ganz trocken: ,Eh bien, levez-vouz, mes enfants . . .''«

Kaum ist er wieder in Moskau, diskutiert er aufs neue den Umzug der Seinen dorthin, freilich ohne die neue Geliebte zu erwähnen: »Warum muß Natascha in Lyzeen erzogen werden, unter einem fremden Volk, im von Krise und Armut gebeutelten Westen, wo sie doch Bürgerin eines aufblühenden jungen Landes voller Saft und Kraft und Zukunft ist! Habe ich das Recht, mir das zu wünschen, oder nicht?«

Nicht die ungeordneten Verhältnisse sind hier bemerkenswert, sondern der fast betuliche Familienjargon, mit dem sie verbrämt werden - von einem der luzidesten Schriftsteller seiner Zeit.

Über den Alltag wird selten deutlich gesprochen. Natürlich weiß Babel, daß seine Briefe vom NKWD gelesen werden. Nachrichten über das politische Schicksal von Freunden und Verwandten sind verschlüsselt: »Iossif hat sich einen neuen Streich geleistet, ist heimlich abgehauen und hat sich unversehens in ein Sanatorium einweisen lassen.«

Das bedeutet: Onkel Iossif ist verhaftet worden. Viele werden verhaftet: Babels Kollegen und Freund Nikolai Erdman holt man gerade ab, als Babel zu Besuch kommt. Kein Wort davon nach Brüssel: »Ich habe eine wundervolle Reise hinter mir . . . Wie es aussieht, gibt es Material im Überfluß.«

Babel reist unermüdlich durchs Land. Die Epoche liefert die Themen. »Bei uns wird doch jetzt das gesamte landwirtsch. und dörfliche Leben von Grund auf umgestaltet. Es würde mich mein Leben lang quälen, wäre es mir nicht gelungen, diesen Prozeß, der interessanter und bedeutender ist als alles, was wir bisher gesehen haben, mit eigenen Augen zu beobachten«, schreibt er 1930 vor einer Forschungsreise ins ukrainische Kollektivierungsgebiet.

Die sogenannte Kollektivierung der Landwirtschaft in den Jahren 1930 bis 1933 wird zum Krieg gegen die Bauern. Babel bricht die Besichtigung nach zwei Wochen ab und kehrt krank und verstört nach Kiew zurück. Die Kollektivierung vernichtet die ukrainische Landwirtschaft und hat entsetzliche Hungersnöte zur Folge - mit mehr als fünf Millionen Toten.

Was hat Babel davon gewußt? Worauf bezieht sich sein Bescheid vom Januar 1932: »Die ausländischen Artikelchen kennen wir hier . . . Ich bin traurig und empört.« Im Winter 1933, im Kaukasus, beschwichtigt er: »Der Übergang zur Kolchoswirtschaft ging hier nicht reibungslos vor sich, es herrschte Not, aber jetzt entwickelt sich alles außergewöhnlich glänzend . . . Fühle mich wohl. Zu Mittag essen wir gebratene Fasane und trinken neuen Wein, den die deutschen Kolchosen liefern.«

Seine Mutter macht sich trotzdem Sorgen. Immer wieder beruhigt er sie. »Ich lebe im höchsten Maße glücklich und zufrieden. Das Paradox . . . besteht darin, daß ich in unserem bislang noch armen Land mit mehr Komfort und Freiheit lebe als Ihr«, schreibt er 1934.

Babel ist privilegiert. In Peredelkino wird eine »riesige Datscha« für ihn gebaut. Er hat Hauspersonal und kauft 1935 zusammen mit einem Freund »einen neuen achtzylindrigen Ford, der vor einem Monat aus Amerika hier eingetroffen ist. Wir . . . halten einen Chauffeur, und das verschönert und erleichtert unser Leben gewaltig.«

Während in der Ukraine Millionen Menschen verhungern, besucht der Schriftsteller Rom und Florenz. »Etwas Schöneres habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Von all diesen Michelangelos, Raffaels, Tizians fühle mich wie im Rausch.«

Natürlich wird er, trotz oder wegen seines Prestiges, politisch bedrängt. Er wagt kaum mehr zu publizieren. NKWD-Spitzel melden seine kritischen Worte in die Lubjanka.

Aber er genießt auch Protektion. Als junger Mann hat er für die Tscheka, den Geheimdienst, gearbeitet. Die Kontakte aus der Militärzeit hat er gepflegt. Er verkehrt im Haus des NKWD-Chefs Jeschow, eines Massenmörders, der als »der blutige Zwerg« in die Geschichte der Sowjetunion eingehen wird.

Warum bleibt Babel in Rußland? Schwer vorstellbar, daß er sich über die Verhältnisse täuscht. Er ist weder ruhmsüchtig noch geldgierig. Er kann genügsam leben. An Macht liegt ihm nichts. Auch die Politik ist für ihn nur »Material«. Rußland ist Babels Thema und künstlerische Aufgabe. Doch: Was nützt das Thema einem Autor, der schweigen muß?

Im Briefwechsel wird diese Frage angetippt. »Manchmal überkommt einen die Verzweiflung - Wie sollte man es künstlerisch bewältigen, dieses unermeßliche, dahinrasende Land . . .«

So lässig Babel in privaten Dingen ist, so unerbittlich ist er in seiner Kunst. Er sucht eine stilistische Antwort auf die Epoche. Aber Fragen des Stils und der Form sind in dieser Epoche Politik.

Babel hat sich seinen Platz in der Weltliteratur mit Erzählungen über den Russisch-Polnischen Krieg erobert. Der Zyklus »Die Reiterarmee« ist eine Komposition voller Grausamkeit und Poesie, gefaßt in eine exaltierte, messerscharfe Prosa. Der Gegenstand (Krieg, Greuel, Anarchie) wird grell ausgeleuchtet und effektvoll konfrontiert mit der Hilflosigkeit eines intellektuellen Berichterstatters.

Die Themen sind nicht nur für Babels Zeit von Belang: Die Zwiespältigkeit des Intellektuellen, der eine blutige Revolution befürwortet. Die Faszination durch Gewalt. Hierzu die Distanzierungsmittel des Feingeistes: Ironie, Ästhetisierung, wissenschaftliche Neugier. Romantische Emphase - Trauer, Hoffnung - mit paradoxen Implikationen: die Schwäche des Siegers, der mit den Besiegten fühlt; die Stärke des Inkriminierten, der es wagt, eine fragwürdige Bilanz vorzuweisen, weil er an seine Sache glaubt.

Diese Vieldeutigkeit hat naturgemäß gegensätzlichste Reaktionen hervorgerufen. Babels ehemaliger Armee-Vorgesetzter Budjonny wütete in der Presse gegen die »stinkenden weibisch-babelschen Pikanterien«. Der Redakteur Polonski notierte in seinem Tagebuch: Babels »Gier nach Blut, nach Tod, nach Morden, nach allem Schrecklichen, eine fast sadistische Leidenschaft für das Leiden hat sein Material beschränkt«. Andere Leser wollten den Künstler als Märtyrer sehen.

Ein künstlerisches Wagnis wie die »Reiterarmee« war in der Sowjetunion allerdings nur bis Ende der zwanziger Jahre möglich. Dann kam die Stalin-Epoche. Babel arbeitete unaufhörlich; voller Zweifel, in Angst, aber nach wie vor von der Größe der Aufgabe fasziniert. Er sammelte weiter Stoff.

Leider sind alle Manuskripte bei seiner Verhaftung im Mai 1939 konfisziert worden und nie wieder aufgetaucht. Als Babel abgeholt wurde, sagte er: »Sie haben mich meine Sache nicht zu Ende bringen lassen.« Noch im Gefängnis bat er darum, die beschlagnahmten Manuskripte ordnen zu dürfen. Der Bescheid war negativ. Die Höllenfahrt hatte begonnen. »Unter Zwang« beschuldigte Babel sich selbst und Freunde der Spionage. Die letzten Dokumente von seiner Hand sind Gesuche: _____« In meinen Aussagen sind unrichtige und erfundene » _____« Behauptungen enthalten, die antisowjetische Tätigkeit » _____« Personen zuschreiben, die aufopferungsvoll und ehrlich » _____« für das Wohl der UdSSR arbeiten. Der Gedanke, daß meine » _____« Worte der Untersuchung nicht nur nicht helfen, sondern » _____« meiner Heimat direkten Schaden zufügen könnten, » _____« verursacht mir unsägliche Schmerzen. Ich halte es für » _____« meine Pflicht, diesen entsetzlichen Flecken von meinem » _____« Gewissen zu tilgen. »

Im Januar 1940, nach einer Gerichtsverhandlung von 20 Minuten Dauer, wurde Babel erschossen.

Die Briefausgabe zeigt den Autor - den Beobachter - als Protagonisten eines bürgerlichen Dramas: als Menschen, der sich durch familiäre Verwicklungen mogelt und in einem verbrecherischen Staat laviert. Seinen künstlerischen Rang mindert das nicht. Doch es ergeben sich ein paar Fragen.

Zum Beispiel: Wie ist zu erklären, daß dieser privat offenbar eher vage, zwiespältige Mensch in künstlerischen Fragen so selbstmörderisch stur blieb? Welche Moral vertritt das künstlerische Gewissen? Welche Verantwortung kann man - wer? - verlangen vom Bürger in einer Diktatur? Gelten für Künstler andere Gesetze? Wenn ja, welche?

Babels Fall ist ein Lehrstück: Der Künstler, der die Materie ausbeutet, wird dadurch zu ihrem Opfer. In sich selbst trug Babel die Konflikte seiner Epoche aus, mit virtuoser Schärfe und unerhörter Konzentration. Ein schmales Werk, aber eines der wichtigen des Jahrhunderts, ist ihm - und seinem Scheitern - zu verdanken. Y

»Wir halten einen Chauffeur, das erleichtert unser Leben gewaltig«

»Wie soll man dies dahinrasende Land künstlerisch bewältigen?«

** Isaak Babel: »Briefe 1925-1939«. Herausgegeben und aus demRussischen übersetzt von Gerhard Hacker. Johannes Lang Verlag,Münster; 440 Seiten; 58 Mark.* 1928 im belgischen Seebad St. Idesbald.

Petra Morsbach
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