Samira El Ouassil

Gil-Ofarim-Skandal Ich bitte um Entschuldigung

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Als Gil Ofarim erklärte, er sei antisemitisch angegangen worden, glaubte auch ich ihm. Heute weiß ich es besser. Das bedeutet aber nicht, dass Menschen, die Diskriminierung beklagen, nicht geglaubt werden sollte – im Gegenteil.
Musiker Ofarim vor dem Westin-Hotel in Leipzig

Musiker Ofarim vor dem Westin-Hotel in Leipzig

Foto: DER SPIEGEL

Liebe Leser:innen! Ich habe einen Fehler begangen. Und zwar im Oktober mit meiner Kolumne »Im Westin nichts Neues«. Ich habe nicht nur das Instagram-Video von Gil Ofarim geteilt, sondern einen ganzen Text darüber geschrieben, was für ein Skandal dieser Vorfall sei – heute kann davon ausgegangen werden, dass er nicht so stattgefunden hat wie von Ofarim behauptet.

Nach einem Ermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft Leipzig und Recherchen durch Medien wie u.a. den SPIEGEL  kommen Ermittler wie Journalisten zum Ergebnis, dass Ofarim nicht aufgrund seines Davidsterns, den er nach eigener Aussage an einer Kette um den Hals getragen habe, an der Rezeption am Einchecken gehindert wurde. Das Verfahren gegen den beschuldigten Hotelmitarbeiter wurde eingestellt und eine Anklage wegen Verleumdung und falscher Verdächtigung gegen Ofarim eröffnet.

In der SPIEGEL-Recherche dazu heißt es: »Der SPIEGEL konnte die Ergebnisse dieser akribischen Nachforschungen einsehen, darunter mehr als zwei Dutzend Protokolle von Zeugenbefragungen und Mitarbeitergesprächen, Videogutachten und polizeiliche Auswertungen. All das führt zu einer Schlussfolgerung: Gil Ofarim wurde am Abend jenes 4. Oktober offenbar nicht antisemitisch angefeindet.«

Meine Einschätzung hinsichtlich der strukturellen Probleme in Deutschland vertrete ich weiterhin: Es besteht eine ernüchternde Alltäglichkeit antisemitischer Übergriffe. Den überheblichen Spott gegen die Hotelmitarbeiter und meine darin enthaltene Empörung über eine angebliche Diskriminierung, die es offenbar nicht gab, würde ich selbstredend nicht mehr so formulieren. Ich bitte Sie hiermit um Entschuldigung.

Hier muss ich scharfe Selbstkritik leisten, denn ich habe die Form der Kolumne zum Nachteil aller zerdehnt; weil ich mit dem Text zu einer Vorverurteilung beigetragen habe.

Als Begründung für mein Vorpreschen erklärten mir manche, dass ich mich von der Dynamik in den sozialen Medien hätte mitreißen lassen; dass es problematisch sei, dass dort jeder immer sofort eine Einschätzung abgeben müsse und nicht einfach erst mal schweigen könne, da dies aufgrund der ständigen Sichtbarmachung eigener Positionen sofort bemerkt werden würde. Das würde den Druck erhöhen, sofort Solidarität bekunden und Position beziehen zu müssen.

Ohne mich davon auszunehmen, dass auch ich mich von aufgeheizten Diskussionen antreiben lasse, war das »zu spät dran sein« mit der Solidarität nicht mein Impuls. Ich teilte das Instagram-Video und schrieb die Kolumne, weil ich Ofarim glaubte.

Sie können das für unfassbar naiv halten, aber es gab für mich keinen plausiblen Grund, seiner Aussage über eine antisemitische Diskriminierung präventiv mit Misstrauen zu begegnen. Und Sie haben jedes recht, mit mir darüber zu streiten, aber der publizistische Luxus einer Meinungskolumne ist, dass ich hier nicht als eine Journalistin mit den Standards eines Berichts arbeiten muss, sondern meine sehr persönlich gefärbte Meinung mit zarten Ausflügen in unvollendete Überlegungen zum Ausdruck bringen darf. Dafür bin ich sehr dankbar, aber das führt früher oder später natürlich zu Fehleinschätzungen. Selbstredend darf ich dabei keine Unwahrheiten und Desinformation verbreiten. Aber meine Gesellschaftskritik übte ich damals auf Grundlage meiner Annahme, dass Ofarims Schilderungen zutreffen.

Hier muss ich scharfe Selbstkritik üben, denn ich habe die Form der Kolumne zum Nachteil aller zerdehnt, weil ich mit dem Text zu einer Vorverurteilung beigetragen habe.

Und das führt mich zu einer grundsätzlichen Problemstellung, die durch soziale Medien verstärkt, aber nicht bedingt wird. Die Schwierigkeit, wenn es um die Glaubwürdigkeit von Betroffenen geht sowie um die öffentliche Verhandlung von Taten, wenn ein öffentlicher Vorwurf erhoben wird: der vermeintliche Widerspruch aus »Schutz des Opfers« und »Schutz der Unschuldsvermutung«. Wie balancieren wir diese beiden wichtigen Grundsätze aus? »Glaube den Opfern« und »Unschuldig – bis die Schuld bewiesen ist«?

Den Spagat, dass beides gleichzeitig zutrifft, kriegen wir in der Theorie noch hin. Die Unschuldsvermutung ist ein Wert unserer Demokratie, aber auch die Methodologie unseres Rechtssystems. Eine Person ist rechtlich so lange unschuldig, bis sie verurteilt wurde und kann dennoch in der Wirklichkeit für eine Person zugleich schon Täter gewesen sein, weshalb die Aussagen der Opfer nicht erst mit einer Verurteilung des Täters zur Wahrheit werden.

Unser demokratischer Grundsatz, dass jemand als unschuldig gilt, bis das Gegenteil bewiesen wurde, kollidiert für eine Zeit mit der demokratischen Prämisse, dass, wenn eine Person Leid erfahren hat, ihr die Würdigung dieses Leids zusteht und nicht erst mal davon ausgegangen wird, dass sie eine Falschbehauptung tätigt – auch weil man ihr eine Unschuld bis zum Beleg des Gegenteils zugesteht.

In der Praxis habe ich mich nun offensichtlich entschieden, einer Person Glauben zu schenken, die davon berichtet, menschenfeindlich angegangen worden zu sein. Und verletzte damit – nicht rechtlich, aber im Grundsatz – das Prinzip, von der Unschuld des Hotelmitarbeiters auszugehen. Genauso könnte ich erwidern: Ja, aber für Ofarim gilt dieser Grundsatz ja auch. Ich gehe erst mal davon aus, dass es stimmt, was er sagt, bis das Gegenteil bewiesen worden ist. So könnten wir ewig hin- und herspringen.

Nun kommt ein anekdotisches Argument, ich will es trotzdem anführen, weil es mein Handeln begründet: Wenn eine Person hilfesuchend an Sie herantritt und erklärt, ihr sei Gewalt widerfahren, sie sei beleidigt, betatscht, belästigt worden, würden Sie vermutlich nicht antworten: »Ich kann mich erst dazu verhalten, wenn ein Gericht das bestätigt« oder »Ja, aber ich muss vorerst auch davon ausgehen, dass es anders gewesen sein könnte«. (Würden Sie so antworten, dann würden Sie damit das, was der Person widerfahren sein könnte, in Zweifel stellen und das ihr widerfahrene Leid verstärken.)

Und auch das ist auf demokratischer Ebene ein Problem: Es gibt eine lange Tradition von Betroffenen, denen nicht geglaubt wird, weil Personen sich etwas nicht vorstellen können oder schlicht nicht glauben wollen; weil sie es aus ihrer eigenen Erfahrungswelt nicht kennen. Wir erinnern uns an das große Staunen von Männern während #MeToo, die Sexismus für ein Po-Klaps-Problem der Fünfzigerjahre hielten, oder an die Betroffenheit nicht-schwarzer Menschen nach dem Mord an George Floyd.

Aber wenn Betroffenen nicht zugestanden wird, dass ihren Aussagen vertraut wird, bevor es ein Gericht bestätigt hat, um auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen, die real existieren – wie hätten gesellschaftliche Veränderungen in Gang gebracht werden können?

Man könnte hier auch sehr nüchtern und mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren. Ein Prinzip des Rationalismus: Wenn Sie in Deutschland Hufschläge hören, suchen Sie eher nach Pferden als nach Zebras. Gil Ofarim erfuhr in der Vergangenheit Antisemitismus – und noch viel mehr nach diesem Vorfall. Antisemitismus ist ein wachsendes Problem in Deutschland. Im vorauseilenden Argwohn einem jüdischen Menschen nicht zu glauben, wenn er sagt, er sei in Deutschland antisemitisch beeidigt worden, wäre für mich die irrationalere Position gewesen. Hier widersprechen Skepsis und Rationalität also gar nicht der Idee, Betroffenen zu glauben, zumal auch statistisch Falschbeschuldigungen die Ausnahme sind.

Seien Sie klüger als ich

Unsere Demokratie ist aufgrund von medialen Dynamiken nicht kaputt, weil jemand zu schnell zu früh zu viel Solidarität erfahren hat, nur weil dessen Aussagen sich im Nachhinein als nicht zutreffend erwiesen. Für die Hotelmitarbeiter ist ein Schaden entstanden. Und ebenso für die Glaubwürdigkeiten von Betroffenheitsdiskursen.

Aber die sichtbar gewordenen, gebündelten, humanistischen Reflexe einer Gesellschaft waren nicht die Ursache für diesen Schaden, sondern im Gegenteil Ausdruck einer Funktionalität unserer Demokratie. Sie sollten also nicht verteufelt werden, nur weil eine Person diese Reflexe offenbar anlasslos aktiviert hat.

Und ebenfalls Ausdruck dieser Funktionalität ist nun der Vorgang, dass sich Gil Ofarim gegen den Vorwurf der Verleumdung verantworten muss. Ich bitte darum, insbesondere in den Kommentaren respektvoll mit ihm umzugehen. Seien Sie klüger als ich und wiederholen Sie nicht meinen Fehler einer Vorverurteilung.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.