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Gipfelsturm im Stadttheater

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Bernhard Minettis »Lear« an der Schaubühne *
aus DER SPIEGEL 29/1985

Es ist gut zwanzig Jahre her, seit der Pole Jan Kott seine wegweisende Shakespeare-Deutung mit dem Herzstück des »Lear«-Essays schrieb: die Tragödie als groteskes Drama, als nihilistische Parabel - so wie sie dann Peter Brook in seiner epochemachenden Inszenierung verwirklichte; ein Fall, wo die Kritik einem Theater-Ereignis vorauslief.

Sicher, Kotts Deutung des »Lear« hat inzwischen selbst Patina angesetzt, vor allem da, wo sie Shakespeares Größe, die Radikalität seiner Welt-Sicht mit Parallelen aus Sartres, Ionescos, Becketts und Dürrenmatts Stücken stützen zu müssen glaubte. Diese Stützbalken sind inzwischen morscher als das Gebäude, das sie tragen sollten: der existenzialistische Nihilismus hat gerade keine Hauptsaison.

Trotzdem hat Kott (vielleicht endgültig?) den Donner und Blitz und Sturm und Regen, die den von seinen Töchtern verstoßenen, unbehausten Lear auf der Heide umtoben, von der Bühne verbannt, ins Innere des greisen Helden verlegt. Er hat die »romantische« Tragödie »Lear« mit den entfesselten Naturelementen als Holzweg des 19. Jahrhunderts beschrieben, indem er den Lesern und Regisseuren klarmachte, daß der erblindete Gloster nicht auf einer imitierten Felsenklippe steht, sondern auf kahler Bühne.

Sein sehender Sohn appelliert (zu seiner Rettung) an sein »inneres Auge«, die Imaginationskraft - so wie das der Autor den Zuschauern seines Theaters gegenüber tut.

Auch jetzt, an der Schaubühne, in Klaus Michael Grübers »Lear«-Inszenierung, war der Kottsche Kahlschlag von Wald und Heide noch zu sehen.

Ganz fern und leise grollte zwar noch so etwas wie ein schwaches Echo auf den guten, alten Theaterdonner, aber weder blitzte es, noch wurde die Windmaschine oder gar die Regendusche bemüht.

Im Gegenteil: Lear und sein Narr standen auf wohlig ausgeleuchteter Heide, auf der ein paar Felsbrocken herumlagen. Der König trug ein dünnes, weißes Mäntelchen über einer Art Nachthemd.

Sein Begleiter Kent, der beklagte, daß die getretene, verlassene Majestät schutzlos der Kälte und den Unbilden des Wetters ausgesetzt sei, dagegen war, als sei er auf Eskimo-Expedition, in dickes Pelzwerk gehüllt - und ein »naturalistisch« oder »romantisch« gestimmter Betrachter hätte sich fragen müssen, warum denn dieser einzig treue Diener nicht Fellmütze und Fellmantel um seinen armen Herren legte.

Nur: Sosehr der Schaubühnen-Aufführung auch anzusehen und abzulesen war, worauf sie verzichtete, also neben der Natur auch weitgehend auf die Psychologie der Figuren (die ja in der archaischen Gestaltenzeichnung dieser Tragödie auch kaum etwas zu suchen hat), so wenig gab Grübers »Lear« Auskunft darüber, was er an die Stelle des Verbannten setzen wollte.

Natürlich sagt man in solchen Fällen: Der Regisseur »setzte ganz aufs Wort«, in diesem Falle auf das durch Graf Baudissin (also doch: romantisch) vermittelte Shakespeare-Wort. In der Praxis aber hieß das: Gut vier Stunden lang standen Schauspielerinnen und Schauspieler in mehr oder minder geometrischen Arrangements auf der Berliner Breitwandbühne und sagten mit artigem Timbre ihre Texte über die Nichtigkeit der Welt und ihre eigene Narrheit auf.

Grübers Regie als Gießkannen-Prinzip: Er hatte alle Schauspieler wie edle Gefäße mit Shakespeare angefüllt und stellte sie auf den spärlich gedeckten Tisch der Bühne. Da ergossen sie sich nun, wenn sie dran waren, in spezifischem Wohllaut oder Mißklang, je nachdem, ob sie edel oder böse waren.

Also schrill und gallig-giftig die böse Goneril (Libgart Schwarz), kraftvoll explodierend und vor schnöder Sinnlichkeit schnaubend ihre Schwester Regan (Corinna Kirchhoff), mit leidvollem Klang der mißhandelte Gloster (Peter Roggisch), mit Schmerz in der Stimme sein guter Sohn (Branko Samorowski), mit schneidender Wut sein böser Bastard (Roland Schäfer).

Es entstand der unabweisbare Eindruck von »Stadttheater«. Jener Welt also, die so erhaben das Pappschwert zückt oder so gekonnt sich in die Arme _(Mit Bernhard Minetti und David Bennent. )

sinkt, daß man sich gegen ein derartiges Übermaß an Kunst nur mit Gelächter wehren kann. Als am Schluß en masse gestorben wurde, kam unfreiwillige Komik auf; der Stiefel war vergiftet.

Dabei war bei diesem »Ereignis« Ergriffenheit durchaus programmiert. Bernhard Minetti, der Achtzigjährige, wagte (noch einmal) den Gipfelsturm auf die größte Rolle des abendländischen Theaters. Und natürlich ist Minetti, wenn er den Lear spielt, in jedem Augenblick so aufregend, so spannend, so interessant, daß er einen Abend über alle Arrangements hinwegträgt.

Aber auch hier, bei der Titelrolle, fiel auf, wie wenig Grüber auf Sturz und Wandlung gesetzt, wieviel mehr ihn die Emblematik von statuarischer Trauer und Narrheit interessiert hatte. Fast war man verstört, als der herrische Greis anfangs mal barsch nach dem Essen verlangte - so als würde das Stück hier mit einem Realismus behelligt, der sonst wegsublimiert war. Minetti als Lear, das waren (zugegeben: wunderbare) Tautologien zwischen Mensch und Rolle; Alter und Einsamkeit, ein Bettler als König, ein Narr als Weiser, ein unvergängliches Zeichen der Vergänglichkeit.

Wir haben uns angewöhnt, die Achtung vor dem Alter von den Geachteten als Hochleistungssport einzufordern. »Rüstig« ist das Wort, das wir ihnen zulegen, damit unser Abstand vom Tod noch größer wird. Auch insofern war der »Lear« ein Ereignis, eine Theater-Feier; eine Erkundungsfahrt in altes Neuland war er aber gewiß nicht. Das ist schmerzlich, weil das Theater gerade in solchen Expeditionen Grüber und Minetti unendlich viel verdankt. _(Mit Corinna Kirchhoff, Greger Hansen ) _((liegend), Peter Roggisch, Mathias ) _(Gnädinger. )

Mit Bernhard Minetti und David Bennent.Mit Corinna Kirchhoff, Greger Hansen (liegend), Peter Roggisch,Mathias Gnädinger.

Hellmuth Karasek
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