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Kino Girlie in der Sonne

Nostalgische Unterhaltung aus Europa prägte den Wettbewerb von Cannes - der amerikanische Film hielt sich zurück.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Bloß »eine einfache Liebesgeschichte« wollte der dänische Regisseur Lars von Trier erzählen. Aber sein Film »Breaking the Waves«, in der vergangenen Woche der Favorit im Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes, ist weit mehr geworden: ein Seelengemälde mit der Handkamera, eine Tragödie in sieben Kapiteln, zuletzt auch eine theologische Etüde.

Bess liebt und heiratet Jan, den Kraftkerl von der Ölplattform im Norden Schottlands. Doch als Jan vorzeitig vom nächsten Arbeitseinsatz heimgebracht wird, hat ein Unfall ihn vom Nacken abwärts gelähmt und zum Pflegefall gemacht. Der fassungslosen Bess erklärt er mühsam: Nur wenn er von Liebe hört, kann er überhaupt weiterleben. Ganz wörtlich ist das gemeint: Sie soll sich Liebhaber suchen und später am Bett des Invaliden von ihren Abenteuern berichten. Bess, ein strenggläubiges Unschuldslamm, fügt sich Jans scheinbar perversen Bitten. Gegen alle Regeln und Verbote opfert sie sich auf, bis sogar Gott hoch über aller verstockten Christenheit für sie die Glocken läuten läßt.

Daß dieses seltsame Exerzitium über eine Güte, die höher ist als alle Vernunft und Sittsamkeit, in Cannes soviel Beachtung fand, liegt nicht nur an seinem provozierenden Bekenntnis. Von Triers frisches und zugleich präzis komponiertes Opus, bei Kinohändlern nüchtern als »erotisches Melodram« eingereiht, stand quer zu den meisten Trends, die das Festival an der Croisette bestimmten.

Programmchef Gilles Jacob hatte seine Auswahl in diesem Jahr möglichst nervenschonend und übersichtlich gestaltet. Was die Jury unter der Leitung von Regie-Altmeister Francis Ford Coppola ("Der Pate") zu sehen bekam, wirkte wie der Blumenstrauß auf dem offiziellen Plakat: Neben obligaten Alibi-Problemstücken aus Afrika oder Rumänien geben sich vor allem Unterhaltungsstücke ein Stelldichein, von gemütlich-frecher Historienmalerei über Bildungsschinken bis zum sanften Sozialdrama.

So zeigte der Brite Mike Leigh, der 1993 mit seinem harschen Underdog-Porträt »Naked« nur knapp die Palme verfehlt hatte, jetzt eine sensible, breite Familienstory, die als Mehrteiler jeder Fernsehanstalt Ehre machen würde. Aki Kaurismäki, sonst Markenfabrikant für schrägen finnischen Witz, packte zum zweitenmal das Dauerthema Arbeitslosigkeit an - harmoniewillig wie Stephen Frears, der nach dem Erfolgsfilm »The Snapper« nun in »The Van« mit komödiantischer Routine erzählt, wie zwei irische Pub-Kameraden eine rollende Frittenbude aufmöbeln, um zu überleben.

»Irgendwann hat man einfach das Schreien satt«, verteidigt der einst engagierte Frears die deutlichen Zugeständnisse an den Unterhaltungsmarkt. Sozialkritik geht derzeit schlecht.

Frears'' Kollege Bernardo Bertolucci, einer der zahlreichen Oldtimer im Wettbewerb, hatte sich mit seiner Geschichte über die sanfte Erweckung eines US-Girlies unter toskanischer Sonne ohnehin für Nostalgie und Kitsch entschieden. Und Traditionsplünderer Peter Greenaway, der seit langem nur noch den eigenen Obsessionen folgt, zeigte in »The Pillow Book« bloß die asiatisch inspirierte Neuauflage seiner leblos gewordenen Bilderpuzzlewelt.

Auch die Franzosen, unter den 22 offiziellen Bewerbern gleich mit 5 Beiträgen vertreten, ließen Ausnahmequalität vermissen. Werke wie der Eröffnungsfilm »Ridicule«, ein Kostümstück aus dem Ancien régime ohne Risiken und Nebenwirkungen, sind im einstigen Rebellen-Land von Jacques Rivette und Jean-Luc Godard längst artige Normalität.

In Patrice Lecontes Epochen-Porträt treten bekannte französische Fernsehgrößen in opulenter, historischer Gala auf, genauso wie sie jetzt auf der Palais-Treppe von Cannes paradierten - ein Show-Ereignis für die Nation. Aber mehr als die Botschaft, daß das Hofleben um 1780 eine Hölle der Lächerlichkeit war, hat der Film nicht zu bieten.

Kein Wunder bei so schlichtem Umfeld, daß US-Marktstrategen dieses Jahr nur widerwillig die teure Reise an die Côte d''Azur wagten. Der Festival-Zirkus schlucke die Dollars »wie ein schwarzes Loch«, warnte beizeiten das Branchenblatt Hollywood Reporter. Die Amerikaner zeigten in Cannes fast ausschließlich Werke, die ihrem heimischen Publikum zu vertrackt oder zu billig erscheinen könnten.

Unter diesen Produktionen, die Europas Publikum brauchen, um die Gewinnzone zu erreichen, war Robert Altmans zähes Ausstattungsstück »Kansas City«, eine Momentaufnahme des frühen Jazz-Zeitalters. Aber auch Spike Lee, Vorkämpfer des unabhängigen schwarzen US-Kinos, scheint für seine Telefonsex-Komödie »Girl Six« die Rettung in Europa zu erhoffen.

Daß solide Kino-Qualität auf Star-Rummel verzichten kann, haben immerhin die Brüder Joel und Ethan Coen bewiesen. Der neue Film der Amerikaner, »Fargo«, schildert mit grimmiger Präzision und lakonischem Stilgefühl einen authentischen Fall aus der Ödnis von Minnesota.

Was wie eine kleine, schmutzige Erpressungsstory anfängt - ein verschuldeter Autoverkäufer läßt, um beim reichen Schwiegervater zu kassieren, die eigene Ehefrau entführen -, entwickelt sich zu einer Apokalypse aus Blut und Schnee. Virtuos spielen die Coen-Brüder mit dem Genre und entwickeln nebenbei viel schwarzen Humor.

Am meisten trägt dazu Frances McDormand, Joel Coens Ehefrau, bei. Ihr Part als hochschwangere Inspektorin Marge Gunderson, die zwischen langen Essenspausen den gräßlichen Fall löst, als sei er ein Kreuzworträtsel, gehörte zu den originellsten Figuren, die dieses Jahr in Cannes zu sehen waren.

Ob allerdings die guten Kritiken für »Fargo« - eine Palme hatten die Coens schon 1991 für ihre Hollywood-Groteske »Barton Fink« bekommen - viele zusätzliche Filmfreunde in die amerikanischen Kinos locken kann, ist fraglich. Emir Kusturicas überbordende Balkangroteske »Underground«, 1995 sogar Gewinner der Goldenen Palme, wartet bis heute auf einen US-Verleiher.

* Mit Dermot Mulroney, Harry Belafonte.

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