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Mode Glamour vom Dachstein

Der Österreicher Helmut Lang ist der Star der aktuellen Pariser Pret-a-porter-Schauen.
aus DER SPIEGEL 42/1994

In einem alten Warenhaus im 3. Pariser Arrondissement trafen sich die Wichtigen der Modewelt - zu einer Show, die verteufelt weit entfernt schien vom üblichen Glamour der herbstlichen Designer-Präsentation.

In einer kahlen, weißgekalkten Halle sahen die Gäste einigen der teuersten Models der Welt bei der Arbeitsverweigerung zu. Der Modemacher, für den die Mädchen auftraten, hatte sich alle Laufsteg-Koketterien verbeten: »Geht, als ob ihr eine Straße entlangschlendern würdet«, lautete seine Order.

Der Mann ist ein Ex-Kellner aus Wien, vor allem aber ist er derjenige, den die Modepresse beim alljährlich vor den großen Pariser Pret-a-porter-Schauen anstehenden Wettbewerb zum Star-Designer der Saison kürte.

Helmut Lang, 38, galt bisher als Begabter aus der zweiten Gilde. Nun ruft ihn die New York Times zum »Schöpfer der neuen Eleganz« aus, Harper's Bazaar preist ihn als »Anführer der Glamour-Bewegung«, und Elle erklärt ihn gar zum »Designer der Zukunft«.

In Paris zeigte er wippende Lederjäckchen, deren Oberflächen wie weißer Talkpuder anmuten, knielange Roben aus Khakilame, dann wieder elegante Kaschmiranzüge, schmale Organzajacketts und Kurzmäntel, die zwischen Grau und Silber changierten. War das der Aufstieg oder der Fall des österreichischen Couturiers? Nicht der Absturz jedenfalls, das stand schnell fest.

Der Exot hat es offenbar geschafft. Lang ist aufgewachsen in einem Hochtal des Dachsteingebirges, wo es »nichts gab, keinen Fernseher, kein Weißbrot, nicht einmal ein Dorf«. Weil er etwas werden sollte im Leben, haben sie ihn mit zehn Jahren nach Wien auf die Hauptschule geschickt, später auf die Handelsakademie, die er als »Kaufmann für höhere Aufgaben« verließ. Doch der Jüngling wußte, »daß dieser Beruf nicht der meine war«, und fand zur Mode.

Noch während er im damaligen Wiener Szenelokal »Motto« kellnerte, begann Lang, »an den Frauen herumzuexperimentieren«, wie er sagt. Aus Stoffservietten und Restbeständen einer Textilfirma, die synthetische Arbeitskittel herstellte, entwarf er T-Shirts und Hosen - es dauerte nicht lange, bis ihn die Wiener Boheme zum In-Schneider erwählte.

Vor acht Jahren, bei einer Wien-Ausstellung, durfte er erstmals seine Models im Pariser Centre Pompidou auf den Laufsteg schicken - und führte dort seltsame Dinge vor: hauchdünne Slips über Knickerbocker, T-Shirts mit Hornknöpfen und Kurzmäntel, die als »Hubertusstutzer« Furore machten. »Es gibt eine Invasion von jungen Designern, aber unter ihnen ist nur einer, der es schaffen könnte«, befand die Tageszeitung Liberation. »Er heißt Helmut Lang.«

Selten ist ein Newcomer so schnell aufgestiegen. 1989 eröffnete er Showrooms in Mailand und New York, Anfang 1990 eroberte er Japan, wo es mittlerweile 15 Helmut-Lang-Boutiquen gibt. Nicht nur die Couture, auch der Mann selbst gefiel: »Ein schöner großer Mann mit braunen Augen«, schwärmte etwa das FAZ-Magazin.

Lang perfektionierte seinen Stil, der ihm den Ruf eines »Meisters im Weglassen« eingetragen hat: Klare Schnitte und schlichte Eleganz vereint er mit überraschenden Materialkombinationen etwa aus Kunststoff, der wie Seide, und Seide, die wie Kunststoff aussieht - eben das, was die Branche als »New Glamour« bezeichnet. Nur die ganz große Weihe fehlte noch.

Doch nun schlenderte bei der Pret-aporter die derzeit platinblond gewellte Linda Evangelista mal in hochstulpigen Jerseyhosen, mal in Hot pants durch die Warenhalle in der Rue Commines. Tatjana Patitz trug Nylonkleider mit nur einem einzigen, handbreiten Träger zu lachsfarbenen Stilettos, die Österreicherin Cordula Reyer zierten Federkopfschmuck und zweilagige Kleider aus Tüll und graphisch bedrucktem Plastik.

Das fachkundige Publikum, so scheint es, hat Lang mit seinem Aufgebot an glitzernden Stoffen und Personal vollends betört: »Jetzt«, so tirilierten sie einander abends beim Champagner, »ist der Helmut ganz oben.« »Jetzt« kann allerdings alles mögliche heißen: in dieser Saison. In diesem Monat. Oder: in diesem Moment. Y

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