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Kunst Glasauge, sei wachsam

aus DER SPIEGEL 21/1996

Aus hundert Ecken sieht der Ausstellungsbesucher sich angestarrt - Augen, Augen, Augen, soweit das seine reicht. Lange genug hat der Künstler Raimund Kummer spröde Denkübungen über Durchblick und Verblendung angestellt, neuerdings erhebt er das Sehorgan zum faßlichen, farbigen, dabei vieldeutigen Schauobjekt. Beim Kunstverein Hannover führt Kummer, 42, das Publikum derzeit auf eine wahre Augenweide (bis 30. Juni): »Mehr Licht«, eine Ansammlung durchsichtiger Glashalbkugeln und mit Diagrammen einer Sehstörung verzierter Glasplatten, spielt noch den Reiz des Körperlosen aus. Doch dann umringen 15 übergroße Augäpfel mit blutroten Muskelsträngen den Betrachter, als wären es Riesenkraken; der homerische Titel »Byssodomein« bezeichnet die Phantasieleistung, mit der Odysseus den Unhold Polyphem blendet. Kummers neuestes Werk, »Saal der toten Blicke«, ist eine Organ-Plantage aus 84 Glasaugen mit jeweils anders gefärbter Iris. »Wie beim Durchwandern eines Gemüsebeetes«, fühle er sich zwischen den Werken, die er - nach lebenden Modellen - in Murano fertigen ließ, sagt Kummer: »Man schaut, ob die Pflanzen aufgegangen sind.«

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