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REKLAME Glasnost Girl

Die erste Sowjetbürgerin auf dem Titel des »Playboy« ist reichlich genervt von ihren Erfahrungen.
aus DER SPIEGEL 15/1989

In ihrer kleinen Moskauer Einzimmerwohnung stapelt sich die Fanpost. Doch Natalja Negoda, 25, der erste und bislang einzige Sex-Star der Sowjet-Union, öffnet die Briefe längst nicht mehr: »Lauter Obszönitäten«, klagt sie.

Einer der Verehrer schreibt, er verabscheue Natalja so sehr, daß er gleich acht Vorstellungen des Films »Kleine Vera« besucht habe, in dem die freizügige Brünette barbusig über die Leinwand huscht; jedesmal sei sein Haß noch weiter angeschwollen.

Rund 50 Millionen Sowjets haben sich mittlerweile an und über Klein-Vera erregt. Natalja spielt in dem Film eine ukrainische Proleten-Göre, die nicht nur viel Haut zeigt, sondern dem prüden russischen Kino zu einer voyeuristischen Sensation verhilft: Erstmals gibt es, ungeniert und nur knapp verhüllt, einen Geschlechtsverkehr vor der Kamera zu sehen.

Die Geschichte um Sex und Glasnost war viel zu schön, als daß sie nicht eilends das Hollywood-Land erreicht hätte. In einem russischen Restaurant unweit der Porno-Kinos am New Yorker Times Square hielt Natalja Negoda vor zwei Wochen hof und warb für ihren neuesten Körper-Coup: Als erste Sowjetbürgerin schmückt sie das Titelblatt des amerikanischen »Playboy« und füllt zehn enthüllende Photoseiten. Reporter überhäuften sie mit Fragen ("Wollen Sie überlaufen?« - »Nein."), Fernsehanstalten baten sie zu Talk-Shows. Den Ausbruch akuter »Veramania« registrierte die »New York Times«.

Der Medienrummel geht auf das Konto jener Film-Verleihfirma, die »Kleine Vera« auch in den Vereinigten Staaten zum Kassenschlager hochjubeln will: Natalja als »rotes Playgirl«, ein geeigneterer Marketing-Dreh ließ sich kaum finden. Die Verleih-Manager machten dem Männermagazin die Idee schmackhaft und stellten den Kontakt zu der staatlichen »Sowexportfilm« her.

Auch der »Playboy«, der in den letzten Jahren mehr und mehr Käufer verloren hat, versprach sich von dem blanken Sowjet-Busen einen spektakulären Scoop im Konkurrenzkampf der Männermagazine. Doch anfänglich zierte sich die russische Sexprinzessin.

»Es wäre leichter gewesen, einen sowjetisch-amerikanischen Weltraumspaziergang zu organisieren«, erinnert sich »Playboy«-Bildredakteurin Marilyn Grabowski. Im November vergangenen Jahres besuchte Natalja Los Angeles, wirkte griesgrämig und mißtrauisch, und sagte »auf alle unsere Vorschläge immer nur njet« (Grabowski).

Erst nach zwei Wochen war das Eis gebrochen. Natalja hatte New York und Disneyland besucht und ausführlich mit »Playboy«-Gründer Hugh Hefner, dem König der Pyjama-Partys, geplaudert. »Ich habe darauf bestanden, daß die Aufnahmen künstlerisch wertvoll sind«, erklärte sie, nachdem sie Hemd und Höschen zum ersten russisch-amerikanischen Körperkulturaustausch hatte fallen lassen. Gemessen am üblichen »Playboy«-Standard sind die Photos »geradezu keusch« ("Newsday"): Natalja räkelt sich mal im Bett, mal im Ohrenstuhl und studiert mit kesser Miene die »Literaturnaja gaseta«. »Ohne offizielle Genehmigung«, erläuterte die offenherzige Patriotin, »hätte ich es nie getan.«

Nach ihrem Erotik-Triumph war die Tochter aus einer Moskauer Regie-Familie jedoch von der US-Resonanz enttäuscht: »Als Schauspielerin habe ich Schaden genommen.« Schließlich habe sie nicht vier Jahre an der Schauspiel-Akademie studiert, um nun nur als Nacktmodell gefeiert zu werden. »Sie hat offensichtlich die soziokulturellen Implikationen nicht richtig verstanden«, resümierte die »Washington Post«.

Nicht ganz zu Unrecht befürchtet Natalja Negoda, daß »Kleine Vera« (US-Premiere im New Yorker »Museum of Modern Art") in Amerika das falsche Publikum anlocken könnte: »Wer den Film nur wegen der Sex-Szenen sieht, tut mir leid.« Denn die sowjetische Proleten-Saga ist keineswegs ein Softporno, wie die Werbung suggeriert. Vielmehr schildert der Film lebensnah den trostlosen Alltag in einer grauen Provinzstadt: Drogen, Suff, Gewalt, schrille Familienkräche und betäubendes Rock-Gedröhn, zynischen Fatalismus und Teenager-Frust. »Es sind nicht allein die Sex-Szenen, die schockierend sind«, beteuert die Hauptdarstellerin.

Am Ende ihrer Amerika-Tournee wirkte Natalja müde, entnervt und ausgelaugt und schluckte unentwegt Kopfschmerztabletten aus einer Packung »Extra Strength Tylenol«. »Ich hatte ja keine Ahnung von den Konsequenzen«, meinte sie; noch einmal würde sie sich bestimmt nicht mehr für den Sex-Wirbel hergeben.

Als sie wieder heim nach Moskau flog, trug sie ein Souvenir an die »Playboy«-Photoredaktion am Handgelenk: eine Mickymaus-Uhr. #

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