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ELVIS PRESLEY Glatt umblasen

Die Memoiren von Elvis Presleys Leibwächtern, schon jetzt Top-Seller im Buchgeschäft, beleuchten die psychischen Macken des Rock'n'Roll-Stars.
aus DER SPIEGEL 37/1977

Vier Wochen lang sprachen Elvis Presleys letzten Sommer gefeuerte Leibwächter im Hollywood-Hotel Hyatt House dem Reporter Steve Dunleavy ihre Erinnerungen auf Tonband. Die 38er »Smith & Wesson«-Colts waren dabei in den Schulterhalftern immer griffbereit: Dave Hebler, Red und Sonny West hatten Angst.

Zu deutlich noch war ihnen jene Horror-Nacht des 19. Februar 1973 in Las Vegas im Gedächtnis, in der ihnen der Rock-König den blutig ernstgemeinten Auftrag gegeben hatte, den Karate-Trainer Mike Stone zu töten. mit dem Presleys Frau Priscilla durchgebrannt war: »Dieser Hurensohn hat mir zu viel Leid zugefügt. Er muß sterben, legt ihn um.«

Nur ihrem guten Zureden und mehreren Beruhigungsspritzen, so die Muskelmänner, sei es zu verdanken gewesen, daß Presley -- Tage später, als angeblich bereits ein professioneller Killer angeheuert war -- den Mordbefehl zurücknahm. Nach ihrem Bericht fühlte sich der Star, zumal in seinen späten Jahren, als ein Erwählter Gottes, der nur seinem eigenen Gesetz zu folgen hatte, und der Selbstjustiz üben durfte, wenn ihm jemand ins Gehege kam.

Er wollte nicht, daß das FBI den Täter fasse, wenn er, Elvis, einmal durch ein Attentat umkäme. Presley zu seinen Gorillas: »Schnappt ihn, bevor ihn die Polizisten fangen. Drückt ihm die Augen mit den Daumen ein, reißt ihm die Zunge heraus, fetzt ihn in Stücke. Ich will nicht, daß dieser Hurensohn vor Gericht grinsen kann, er habe Elvis Presley umgebracht.«

Nun aber hatten Hebler und die beiden Vettern West, die seit den fünfziger Jahren Presleys engstem Zirkel, der sogenannten Memphis-Mafia, angehörten, allen Grund, die Rache des Meisters zu fürchten. Elvis, so mutmaßten sie, habe gewiß schon einen Revolvermann auf sie angesetzt. In ihren Memoiren, die Anfang August bei Ballantine Books in New York erschienen sind, beschreiben sie nämlich vor allem »die dunkle Seite des strahlendsten Stars dieser Welt« (Verlagswerbung)*.

Das Buch, vor dem Presley-Tod am 16. August mit 400 000 Exemplaren angedruckt, ist schon jetzt ein spektakulärer Bestseller. Kaum hatte der Verlag sechs Stunden nach der Exitus-Meldung 250 000 zusätzliche Exemplare geordert, bestellte die K-Mart-Ladenkette für ihre 1260 Geschäfte zwei Millionen Stück. Bislang wurden mehr als 3,5 Millionen Bücher an US-Shops ausRed west, Sonny west, Dave Hebier as told to Steve Dunleavy: »Elvis: what Happened? Ballantine Books, New York: 332 Seiten; 1,95 Dollar.

geliefert -- weit mehr als von den Top-Sellern »Trinity« (Leon Uns) und »Shanna« (Kathleen Woodiwiss) mit US-Startauflagen von je 1,8 Millionen.

Was der »New York Post«-Reporter Dunleavy und seine drei Gewährsmänner offerieren, ist aber auch starker Tobak. Sie zeichnen das Bild eines monomanischen, gewalttätigen Multimillionärs, der -- »isoliert wie der Kaiser von Japan oder die englische Königin« -- am Ende »jeglichen Bezug zur Realität verloren« hatte und nur noch von seinen Besitztumern sprach.

In den Jahren 1974 und 1975 kaufte Presley gleich fünf Privatflugzeuge: einen Commander, einen Falcon, einen JetStar, einen Gulfstream und eine Convair 880, die zumeist ungenutzt auf irgendwelchen Rollfeldern standen -- allenfalls noch Howard Hughes und Aristoteles Onassis verfügten über eine solche Flotte. Als er hörte, Sänger John Denver habe dessen Manager einen Rolls-Royce für 40 000 Dollar geschenkt, wollte er es »dem Hurensohn zeigen« und seinem Manager Tom Parker ein Flugzeug für eine Million Dollar zuschanzen. Parker lehnte ab.

Niemand weiß, wie viele Luxuslimousinen Presley im Laufe der Jahre in Augenblickslaunen an Freunde und Fremde verschenkte -- einmal einen schwarzen Cadillac an ein schwarzes Ehepaar in einem Autosalon, wo er an einem Tag sieben Autos erwarb. Der Ansager einer Radiostation in Colorado, der die Nachricht meldete, bekam kurz darauf gleichfalls einen Cadillac geschenkt; er durfte sich sogar die Farbe aussuchen.

Elvis, kommentiert Dunleavy, war »ein Bündel von Komplexen und Widersprüchen«, ein Mann, »der nie erwachsen geworden ist«. Dafür spricht auch der manische Umgang mit seinen wohl mehr als 300 Feuerwaffen. Der schießwütige Star kaufte in einem einzigen Monat 1970 in Los Angeles 32 Pistolen, ein Gewehr und eine Schrotflinte, mit denen er in Hotelsuiten und zu Hause wahllos herumballerte. Erschien etwa, was immer wieder vorkam, beim Frühstück um fünf Uhr nachmittags ein lästiger Konkurrent auf dem Bildschirm, so zerschoß Elvis kurzerhand das Gerät.

Sonny West ("Manchmal ging es in seinem Apartment wie auf einem Schießstand zu") will dafür gesorgt haben, daß die erste Kammer von Presleys Kanone, die der Sänger auch auf der Bühne im Stiefel trug, stets ungeladen war: »Sein Jähzorn und sein stürmisches Temperament hätten sonst oft fatale Folgen gehabt.«

Dennoch blieben Unfälle nicht aus. Seine Geliebte Linda Thompson hätte Presley, durch die Wand zwischen Wohnraum und Badezimmer der Imperial-Suite im Las-Vegas-Hilton, 1974 um ein Haar erschossen. In einem Hotel in Asheville, North Carolina, wo er wieder einmal ins TV-Gerät knallte, prallte die Kugel zurück und traf seinen Arzt George Nichopoulos in der Herzgegend. Sie hatte nur nicht mehr genügend Wucht, ihn zu töten.

Laut West, West und Hebler wurden Vorfälle dieser Art mit Geld und guten Worten an Hotelmanager, Zeugen und Betroffene unter den Teppich gekehrt. Jedenfalls wurden sie infolge des ausgeklügelten Abschirmungssystems um Presley, der in 15 Jahren nur einmal eine Pressekonferenz von 17 Minuten gab, kaum einem Reporter bekannt.

Das gilt beispielsweise für jene Affäre im Las-Vegas-Hilton 1974, wo der Karate-Fanatiker Presley, übereifrig, einer verheirateten Frau in seinem Schlafzimmer das Fußgelenk brach: Der Star zahlte alle Arzt- und Hospitalkosten sowie den Hotelaufenthalt für sie, ihren Mann, ihre Freunde und lud alle zu seiner Show ein -- gegen eine schriftliche Schweigeverpflichtung.

Ähnlich wurde ein junges Mädchen abgefunden, das nach der Überdosis eines gefährlichen Narkotikums in Presleys Haus in Palm Springs beinahe kollabierte. Jane, die nach Sonny Wests Eindruck »zuvor nicht mal ein Glas Champagner angerührt hatte«, mußte mit Blaulicht ins Krankenhaus transportiert werden, wo sie nur mühsam ins Leben zurückgeholt werden konnte. Von den psychischen Schäden hat sie sich nie erholt.

Zwar erklärte Presleys langjähriger Arzt und Vertrauter Nichopoulos noch vorletzte Woche, der Sänger habe regelmäßig nur harmlose Vitamine, Zuckerpillen oder Schlaftabletten zu sich genommen; im Buch »Elvis: What Happened?« aber steht: Er war »eine wandelnde Apotheke«. Täglich große Mengen von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln hätten seine Persönlichkeit über die Jahre verändert. Sonny West: »Er hatte Dutzende Flaschen mit Pillen, und er wußte genau, mit welcher Wirkung man sie mixt.«

Trotz all ihrer Schauergeschichten jedoch behaupten die abgehalfterten Gorillas, daß Elvis Presley ein liebenswerter Mensch gewesen sei. Nach einer der jeweils zehnstündigen Tonband-Sitzungen mit Dunleavy brach Red West in Tränen aus, fingerte an seinem Colt und schluchzte: »Ich hab' mit dem Hurensohn Streit gehabt, aber ich hab« ihn auch geliebt. Wenn Elvis jetzt hier wäre und jemand ihn anfaßte, würde ich den Kerl glatt umblasen.«

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