Gleichberechtigung "Das Bild vom neuen Mann ist ein medialer Topos"

Noch immer herrscht ein Ungleichgewicht bei der Verteilung der sogenannten Care-Arbeit zwischen Mann und Frau - und die Wirtschaft profitiert. Die Coronakrise hat die Schieflage verstärkt, sagt ein Autorenpaar.
Ein Interview von Britta Schmeis
Frau mit Kind im Homeoffice: "Es gibt da die anekdotische und die statistische Realität"

Frau mit Kind im Homeoffice: "Es gibt da die anekdotische und die statistische Realität"

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MoMo Productions/ Getty Images

SPIEGEL: Frau Schnerring, Herr Verlan, Sie haben drei Kinder. Wie teilen Sie die Fürsorge-Aufgaben in Ihrer Familie auf?

Sascha Verlan: Wir versuchen, paritätisch aufzuteilen. Das heißt, dass wir sowohl die ErnährerInnen-Rolle als auch die Kümmer-Rolle gleichberechtigt einnehmen. "Versuchen" sage ich, weil wir beide freiberuflich arbeiten und sich das nicht immer so genau planen lässt. Sagen wir so: Wir arbeiten daran, dass es gleichberechtigt ist und auch bleibt.

SPIEGEL: Sie widerlegen damit eine der Thesen in Ihrem Buch: Nämlich, dass die sogenannte Care-Arbeit immer noch überproportional viel von Frauen geleistet wird.

Almut Schnerring: Wie gesagt: Wir arbeiten dran. Und ob wir oder andere Paare das persönlich gut oder schlecht hinbekommen, ändert leider nichts an den statistischen Verhältnissen, und die sind sehr eindeutig in allen Bereichen, beruflich oder privat, Elterngeld, Teilzeitregelungen, aber auch die vermeintlichen Vorbilder in Werbung und Filmen: Frauen tragen die Hauptlast der Care-Arbeit und die Verantwortung.

Foto: Oliver Kepka/ Verbrecher Verlag

Almut Schnerring, Jahrgang 1970, arbeitet als Journalistin und Sprecherzieherin. Gemeinsam mit Sascha Verlan, Jahrgang 1969, schreibt und produziert sie Radiostücke und Hörspiele. In ihrem gemeinsamen Buch "Die Rosa-Hellblau-Falle" setzten sich die beiden 2014 mit Rollenklischees bei der Kindererziehung auseinander. Ihr aktuelles Buch "Equal Care - über Fürsorge und Gesellschaft" ist im Verbrecher Verlag erschienen.

SPIEGEL: Was umfasst Care-Arbeit in Ihrem Verständnis alles?

Schnerring: Care ist ein sehr umfassender Begriff, der sich vielleicht am besten mit "Sorgearbeit" ins Deutsche übertragen lässt. Das beginnt mit Schwangerschaftsbetreuung und Geburtshilfe, dann Betreuung, Erziehung, Haushalt, medizinische Versorgung, Pflege und Unterstützung, Therapie, bis hin zur Altenpflege und Sterbebegleitung, meint aber auch Empathie und Selbstsorge: sich kümmern. All diese Tätigkeiten sind weiblich konnotiert, und sie werden gar nicht oder schlecht bezahlt.

SPIEGEL: War das nicht immer schon so: Die Männer gingen zum Jagen, die Frauen sorgten sich um die Kinder und den Haushalt?

Verlan: Nein, das war nicht immer und nie überall so. In der Archäologie ist da gerade ein spannender Paradigmenwechsel zu beobachten. Später gab es auch etwa in bäuerlichen Gesellschaften diese Trennung nicht. Was wir heute als Hausfrauenrolle kennen, ist erst Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden: Erst seitdem gilt nur noch das, was außer Haus passiert, als Arbeit und wird entlohnt. Was im eigenen Haushalt passiert, zählt selten als richtige Arbeit, sie kommt ja hoffentlich von Herzen und muss deshalb auch nicht bezahlt werden.

Schnerring: Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Lebens- und Arbeitsbereiche aufgeteilt werden. Was allerdings dagegenspricht, ist die Hierarchie, die damit einhergeht. Dass das eine bezahlt wird, das andere unsichtbar bleibt und einfach vorausgesetzt wird. Daraus folgen eine ungleiche Verteilung von Macht, Mitbestimmung und Mitgestaltung der Welt - und knallharte ökonomische Konsequenzen: Der Gender-Care-Gap wird zum Pay-Gap und zum Schluss zum Renten-Gap.

SPIEGEL:  Sie schreiben auch, dass Wirtschaft und Politik vom Gender-Care-Gap profitieren.

Verlan: Um erfolgreich sein zu können, brauchen Unternehmen Mitarbeitende, die gut ausgebildet sind, leistungsbereit, ausgeruht, satt und gesund; die Wirtschaftswissenschaften sprechen hier vom "Humankapital". Aber wo sollen sie von allein herkommen, die Menschen die auf die Stellenanzeigen der Firmen passen? Auch dieses Kapital muss im doppelten Wortsinn erst gebildet und dann auch "umsorgt" werden. Darum kümmern sich überwiegend Frauen, sie erziehen und unterstützen, betreuen und versorgen und halten jenen den Rücken frei, die mit frisch gebügeltem Hemd aus dem Haus gehen und Geld verdienen.

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Schnerring, Almut, Verlan, Sascha

Equal Care: Über Fürsorge und Demokratie: Über Fürsorge und Gesellschaft

Verlag: Verbrecher
Seitenzahl: 160
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SPIEGEL:  Ändert sich nicht aber gerade etwas? Männer, die mehr verdienen, sich nicht um Kinder und Haushaltssorgen und am Ende ohne eine Frau aufgeschmissen sind - ist das nicht ein antiquiertes Bild?

Schnerring: Schön wär's. Fakt ist, dass Mädchen auch heute noch häufiger im Haushalt mithelfen müssen, mehr eingespannt werden, wenn es ums Betreuen kleiner Geschwister geht. Und es sind mehr Jungen als Mädchen, die bei der ersten Klassenfahrt mit dem Beziehen eines Bettes völlig überfordert sind. Das setzt sich später fort, wenn Mädchen zu den Dienstleistungsberufen geraten wird, von denen Jungs eher die Finger lassen sollen, weil man damit keine Familie ernähren kann.

"Erwachsene vermitteln und leben vor, ob Fürsorglichkeit und Empathie als weibliche Eigenschaften gelten oder als menschliche."

Almut Schnerring

Verlan: Es gibt da die anekdotische und die statistische Realität. Der neue Mann ist ein medialer Topos. Nur gut ein Drittel der Väter nimmt überhaupt Elternzeit und nur ein Bruchteil davon mehr als die zwei Vätermonate. Sich um die Familie zu kümmern, gesund zu kochen, Verantwortung im Haushalt zu übernehmen, anstatt nur zu helfen, gehört längst nicht zum gängigen Männlichkeitsbild. Das merkt man zum Beispiel bei Trennungen oder wenn Männer im Rentenalter ihre Frau verlieren und plötzlich total aufgeschmissen sind. Sie haben es schlicht nie gelernt.

SPIEGEL:  Verschärft sich die Situation jetzt noch in der Coronakrise?

Schnerring: Absolut. Die Schließung von Kitas und Schulen hat dazu geführt, dass all die fein austarierten Betreuungssysteme für Kinder zusammengebrochen sind. Und weil dadurch zu Hause noch mehr private Care-Arbeit ansteht und weil Frauen auch davor schon zuständig waren und im Durchschnitt weniger verdienen, ziehen sie jetzt beruflich wieder den Kürzeren.

Verlan: Ein großes Manko der aktuellen Debatte, in der übrigens Männerstimmen dominieren, ist, dass zwar viel über Pflege und Care geredet wird, aber nicht über Equal-Care. Viele sind der Meinung, dass die Geschlechterdebatte gerade unwichtig sei, dabei sind es überwiegend Frauen, die die systemrelevante Care-Arbeit leisten.

SPIEGEL:  Was sind mögliche Lösungsansätze?

Verlan: Der sogenannte Social Impact von Unternehmen müsste zur Bedingung werden für finanzielle Förderungen: Übernimmt eine Firma soziale Verantwortung, schafft sie Anreize für eine bessere Vereinbarkeit? Und Care-Arbeit muss endlich in die Wertschöpfung mit eingerechnet werden und nicht als Ressource gratis zur Verfügung stehen.

SPIEGEL:  Klingt nach der großen gesellschaftlichen Umwälzung. Warum nicht im Privaten beginnen – so wie Sie ja auch?

Verlan: Natürlich müssen wir genauso unser eigenes Verhalten ändern – aber solange gesellschaftliche Strukturen an der unfairen Verteilung festhalten, solange die Gesetzgebung eine alte Rollenverteilung unterstützt, bedeutet das für die Einzelnen, ständig anzuecken und sich rechtfertigen zu müssen.

Schnerring: Das Problem ist doch die Reproduktion alter Rollenbilder. Da gilt es, die Weichen früh zu stellen – in Familien, Kitas und Grundschulen, in Bilderbüchern, Aufgabenblättern, in der Werbung. Erwachsene vermitteln und leben vor, ob Fürsorglichkeit und Empathie als weibliche Eigenschaften gelten oder als menschliche. Wir selbst haben Einfluss darauf, was unsere Kinder später einmal für normal halten. Im Kleinen wie im Großen.