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FERNSEHEN / Telemann GLEICHE KAPPEN

aus DER SPIEGEL 8/1961

So kam Telemann unter die Rheinfranken. Er forderte viel, weil man Februar schrieb und Brauchtumskundige ihm erzählt hatten, daß dieser Monat den Gemeinwesen Frankfurt und Mainz zum Anlaß diene, ein Fest namens »Fassenacht« zu begehen - was glückhafterweise etwas völlig anderes sei als der »Fastelovend« niederrheinischer Prägung.

Die erste folkloristische Begegnung fand - mit Hilfe des Fernsehens - in Frankfurt am Main statt. Schauplatz: das Zoo-Gesellschaftshaus. Anlaß: die Inthronisation des Karneval-Prinzenpaares. Motto: »Machsde mit, lachsde mit.«

Zunächst erblickte Telemann, was er auch schon zu Köln oder zu Aachen erblickt hatte, nämlich lange, dichtbesetzte Schunkeltische sowie, an des Saales Stirnseite, eine Tribüne voller Mittfünfziger, kappengeschmückt und eines drohenden Schlagflusses nicht achtend. Sogar eine »Bütt« war vorhanden. Und ein Tanz-Mariechen-Ersatz-Korps. Doch - o Unterschied! - gar nirgends nahm das Auge den kölschen Thomas Liessem wahr. Oder auch nur den Ferdi Leisten. Und die »Bütt« wurde, laut rheinfränkischer Fastnachtsgepflogenheit, einzig von Frohsinns-Amateuren aufgesucht.

Zum Beispiel von einem närrischen Protokoller, der im Clownsgewand scherzte: »Ein Wort zum ganzen Deutschland jetzt. Der brave Narr denkt an sich selbst zuletzt. Noch sprechen eine Sprache wir. Noch sind wir Abels, keine Kains...« Oder von einem Häuflein grell geschminkter Harlekine, das den »Iwan« auf die sangesfrohe Frage »Was hast du im Sinn?« antworten läßt: »Ich will die Welt für mich, auf die verzicht' ich nich« und das schließlich a cappella gen Osten schmetterte: »Die Welt wird niemals dein eigen sein! Die Freiheit, ich geb' sie nicht hin. Du kannst unsre Heimat nie haben - ja! - Ich lieb' sie, und deutsch bleibt Berlin!«

Woraufhin Frankfurts Karnevals-Präsident Linker Gelegenheit nahm, »unsere mitteldeutschen Landsleute von allernärrischstem Herzen zu begrüßen«.

Geschehen am 4. Februar.

Vier Tage später, während der Marathon-Sendung »Mainz, wie es singt und lacht«, konnte Telemann einiges über den Hintersinn solcher rheinfränkischen Fröhlichkeit in Erfahrung bringen. »Die ... Fastnacht«, erfuhr er vom Südwestfunk-Kommentator, »war immer politisch und will politisch sein. Als sie entstand, war es ... der Bürger im Narrenkleid, der zuerst die Wahrheit sagte. Und diese Tradition, daß der Narr politisch ist, hat sich erhalten.«

Was Wunder also, daß auch die Mainzer Harlekine anstimmten: »Wir wollen niemals auseinandergehn ... mag zwischen Ost und West auch noch so viel geschehn. Euch ist der Wohlstand beschieden, genießen und leben und lieben... Daß wir einander kennen, an Teilung nie gewöhnen, sollen nicht nur klangvolle Worte, es soll ein Gelöbnis uns sein.«

Was Wunder, daß der »singende Dachdeckermeister« sein oft begehrtes »Heile, heile, Gänsje«-Lied mit der Tröstung anreicherte: »Mainz und Berlin, ihr seid so schön, ihr könnt, ihr dürft nicht untergehn.« Oder daß ein Karnevalsvereinsmitglied die Bauernregel münzte: »Der beste Schutz vor Hammer und Sichel, das ist und bleibt der deutsche Michel.« Und wenn, zwischen »Helau!« und Geschunkel, dem »Englischmann« vorgehalten wird, daß er »scheinbar nicht vergessen kann«, wenn nach jedem Bückling vor dem »greisen Kanzler, mit seinem kölnischen Humor«, nach jedem Seheinangriff auf ein Kabinettsmitglied selbstgefällig gefragt wird: »War meine Zunge euch zu scharf?«, dann tönt Volksjubel durch den Festsaal.

Der Narr ist politisch?

Telemann, Spiel- und Spaßverderber aus langjähriger Neigung, muß den Kelch der Fastnachtsfreuden sogleich mit einem Schuß Wermut vergällen.

Mag sein, daß sich die Mainzer Narrenkappe aus der Jakobinermütze entwickelt hat, wie der Kommentator stolz versichert. Mag auch sein, daß die Rheinfranken vormaleinst ein widerborstiges Völkchen waren, das seine Narrenfreiheit zu nutzen verstand. Eines ist jedenfalls sicher: Heute hält sich der Bürger-Trutz in so bescheidenen Grenzen, daß man fragen muß, warum seinethalben das deutschsprechende Europa wachbieiben soll.

Politischer Karneval? Gut. Narrenfreiheit? Noch besser. Aber wozu Traditionen, wenn man keinen Gebrauch davon macht?

Um Biertisch-Wehmut und Nationalgefühlchen abzusondern oder um einem Bundespolitiker das Renommee uu tätscheln, bedarf es schließlich keiner Karnevals-Lizenz.

Ihr wißt nicht, wider welchen Stachel ihr löcken sollt? Seht in der Runde nichts, wogegen euer Bürgersinn aufmucken müßte? Nun, dann hängt den Jakobiner-Gedächtnis-Mützen ruhig noch ein paar Schellen an und dünkt euch nicht besser als eure kölnischen Kappenbrüder. Vor allem aber: Laßt das Fernsehen aus dem Spiel.

Daß auf den Mainzer Narren-Vorstandstisch über hundert Glückwunsch-Telegramme flatterten, ist noch kein Beweis dafür, daß 25 Millionen Europäer vier Stunden lang erfahren wollten, mit wieviel »Witz, Humor, Geist und Ironie« man im Rheinfränkischen die Weltlage beurteilt.

Merke: »Willstu der Narren vil erhalten, musst du nur lassen wenige schalten« (Alter Spruch).

telemann
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