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URZEIT Gletscher vor Hamburg

Eine populärwissenschaftliche Darstellung von Deutschland vor Millionen Jahren beschreibt ein sagenhaftes Stück Erdkruste. *
aus DER SPIEGEL 47/1986

Eine leuchtendblaue Lagune, von der Hochsee im Süden durch Korallenriffe abgeschirmt; im seichten Wasser tummeln sich Schildkröten, Tintenfische und Krebse, große Libellen schwirren durch die warme Luft. Das Ufer, an dem sich Echsen sonnen, wird von fremdartigen Kräutern und Farnen gesäumt: kein Szenarium aus pazifischen Gefilden, sondern Deutschland vor 140 Millionen Jahren.

Das idyllische, menschenleere Gewässer erstreckte sich, wo heute die Franken hausen. Wie es dort aussah zur Jura-Zeit, bezeugen Fossil-Funde in den feingeschichteten Plattenkalken, die den Ort Solnhofen weltberühmt machten. Für riesenhafte Dinosaurier war die Lagune kein idealer Raum - sie hinterließen weiter nördlich beim niedersächsischen Barkhausen tiefe Spuren, die noch immer zu besichtigen sind.

Wie sich auf jenem »Stückchen Erdkruste, welches heute Deutschland heißt«, Leben entwickelte, hat der Mainzer Journalist Ernst Probst zum erstenmal in einem populärwissenschaftlichen Werk dargestellt: »Deutschland in der Urzeit«, so der Titel des bilderreichen, anschaulich geschriebenen Werkes, ist eine farbenprächtige Expedition durch mehr als drei Milliarden Jahre Erdgeschichte. _(Ernst Probst: »Deutschland in der ) _(Urzeit«. C. Bertelsmann Verlag, München; ) _(482 Seiten; 168 Mark. )

Von den Anfängen bis zum Ende der Eiszeit, als der »moderne« Mensch in der Schwäbischen Alb auf Mammutjagd ging, rekonstruiert Probst die Pflanzen- und Tierwelt, Gebirgsauffaltungen und Meeresbildung, klimatische und kosmische Katastrophen.

Der Blick zurück in ferne Zeiten zeigt, was sonst Museumsstücke und Zeittafeln kaum erschließen: wechselnde Landschaften von größter Gegensätzlichkeit, wüst und leer oder üppig bewachsen und mit Urgetier bevölkert.

So überzogen im Kambrium, vor rund 500 Millionen Jahren, riesige Schuttfelder und weite Meeresflächen ganz Deutschland. Tropische Urwälder hingegen überwucherten Hessen zur Zeit des Eozän (vor etwa 50 Millionen Jahren), im Eiszeitalter erstreckten sich Gletscher bis vor Düsseldorf und Hamburg.

Zweigeteilt war Deutschland schon zur Kreidezeit (vor etwa 100 Millionen Jahren) - vom Jurameer, das diesen Erdstrich in ein norddeutsches und ein süddeutsches Becken zerlegt hatte.

Kein Vogel sang zu Zeiten des Karbons, der auch als Steinkohlenzeit bezeichneten erdgeschichtlichen Periode. Die einzigen Lebewesen des Luftraums waren damals Insekten mit Flügelspannweiten von oftmals fast einem halben Meter (wie ein bei Halle gefundenes Fossil bewies). Große Schaben und ähnlich

grausliches Kriechgetier, beispielsweise nahezu zwei Meter lange Tausendfüßler-Verwandte, lebten zuhauf in den Sumpfwäldern, deren ausgetrocknete Überreste im Laufe vieler Jahrmillionen zu den mächtigen Steinkohle-Flözen der Ruhr, Oberschlesiens und des Saarlandes versteinerten.

Fast explosiv breiteten sich die Säugetiere in der sogenannten Erd-Neuzeit aus; wesentlich für das Verständnis ihrer Entwicklungsgeschichte waren die Schädel-Überreste des bei Eppelsheim ausgegrabenen »Schreckenstieres«, eines massigen Elefanten-Verwandten. Besonders reich dokumentiert ist eine der Neuzeit-Epochen, das späte Tertiär, in den Funden aus dem sächsischen Geiseltal, wo etwa 200000 Fossilien geborgen wurden.

Auf einer der Farbtafeln des Probst-Buches werden Fauna und Flora jener Zeit in Szene gesetzt: Zur sumpfigen Tränke kommen Urpferde, Halbaffen und katzenartige Raubtiere; ihr Weg führt durch Wälder von Zypressen und Fächerpalmen, die im tropischen Klima gedeihen.

Krokodile lauern auf Beute, Riesenschlangen ringeln sich um abgestorbene Äste, wie ein Hollywood-Monster blickt der zwei Meter hohe, plumpe Laufvogel Diatryma geiselensis drein.

Durch Trias, Jura und Kreidezeit stapften die gewaltigsten Landtiere, welche die Natur je hervorgebracht hat: Über 20 Meter lang war der pflanzenfressende Apatosaurus (der sich mit Abdrücken in einem Steinbruch beim niedersächsischen Münchehagen verewigte). Unweit von Bayreuth durchpflügten absonderliche Giraffenhalssaurier das Meer, spitzmäulige Flugsaurier schwangen sich beim bayrischen Eichstätt in die Lüfte.

Schon vertrauter kommen dem Leser die Eichen- und Birkenwälder der eiszeitlichen Neckar-Gefilde vor, durch die, vor mehr als 500000 Jahren, die ersten Frühmenschen streiften. Mit seiner flachen, fliehenden Stirn und den mächtigen Wülsten über den Augen war der Homo erectus heidelbergensis keine Schönheit. Immerhin lernten die langarmigen Vorväter das Feuer zu zähmen und, mit primitiven Waffen, Biber, Hirsche oder gar Löwen zu erbeuten.

Zu einer regelrechten Jägerkultur, zu Kunst und Handwerk brachte es jedoch erst der anatomisch moderne Mensch, wissenschaftlich Homo sapiens geheißen, der seit gut 30000 Jahren in Deutschland nachweisbar ist.

Dieses schöpferisch begabte Wesen, damit schließt Autor Probst sein Urzeit-Panoptikum, verfüge »seit wenigen Jahren auch über die Fähigkeit, das in Jahrmillionen entstandene Ergebnis einer einzigartigen Entwicklung des Lebendigen völlig auszulöschen«.

Ernst Probst: »Deutschland in der Urzeit«. C. Bertelsmann Verlag,München; 482 Seiten; 168 Mark.

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