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KOHOUT Glitschige Watschler

aus DER SPIEGEL 41/1966

Eine Stunde vor Mitternacht ging die Welt unter. Mannshohe Molche hatten sie versenkt.

Die Sintflut fand im Saal statt. Dortmunds Schauspielhaus bot (am vorletzten Sonntag) ein dreistündiges Science fiction-Kabarett mit Musik, Filmprojektionen und glitschigen Watschlern - das Apokalypsical »Der Krieg mit den Molchen« des tschechischen Dramatikers Pavel Kohout, 38.

Darin wünscht ein Herr dem Publikum »einen recht schönen letzten Abend«, ein Russe namens Charaschow schlägt mit dem Schuh auf den Gipfelkonferenztisch, und Frankreich kann nicht ganz untergehen - es atmet weiter »durch die Nase seines unversenkbaren Generals«.

Das wässerige Endspiel ist eines der erfolgreichsten Stücke der tschechoslowakischen Nachkriegsproduktion: In der Inszenierung Jaroslav Dudeks, 34, und in den Dekorationen Zbynek Kolárs hatten die Prager den »Krieg« 185mal mitgemacht.

In Dortmund wurde das Prager Erfolgs-Modell nun getreulich kopiert - von Dudek und Kolár selbst. Denn neuem Bühnen-Brauch gemäß importierten die Dortmunder mit dem östlichen Text auch die originalen Interpreten.

So wurde für Deutsche schon kopiert:

- »Tango« des Polen Slawomir Mrozek - vom Warschauer »Tango«-Regisseur Erwin Axer in Düsseldorf;

- »Ein Schloß« des Tschechen Ivan Klima - von Dudek und Kolár nach

ihrer Prager Inszenierung gleichfalls in Düsseldorf.

Die böhmische Weise, totales Theater zu entfesseln und eine vollmotorisierte Bühne zu hantieren, rang den Dortmundern eine Viertelstunde Beifall ab. Auch die Schauspieler bedankten sich sehr: Sie schenkten dem Regisseur Dudek, der gut und gern kocht, eine Gewürz-Kollektion.

Der Kriechtier-Krieg ist Kohouts zweiter Deutschland-Erfolg. 13 westdeutsche Bühnen hatten schon seine Jules-Verne-Dramatisierung »Reise um die Erde in 80 Tagen« gespielt - mit flinken Theaterkniffen wollte er da, so sagt er, den »riesigen Mike-Todd-Film persiflieren«.

Zum Theater drängte Kohout, heute neben Václav ("Das Gartenfest") der populärste Tschechen-Dramatiker, schon als Student. Da seine darstellenden Künste gering geachtet wurden, näherte er sich der Bühne schreibend.

Der smarte Prager hatte Philosophie studiert, arbeitete als Journalist, ging als Kulturattache nach Moskau und avancierte mit einem Dutzend selbstverfaßter Stücke zum Hausdichter in Prags »Theater an den Weinbergen«.

Die große Bühne (1100 Plätze) führte häufig West-Werke auf - so Dürrenmatts »Besuch der alten Dame«. Ein tschechisches Gegenwartsstück über den Besuch eines alten Herrn geriet nicht ganz so erfolgreich - es hieß »Ein Fräulein für den Genossen General«.

Der General war Sukarno, und ein Fräulein für die Nacht hatte er sich bei seinem Prag-Besuch im Winter 1964 erbeten. Die Frau eines Ministers, mit der delikaten Suche betraut, führte dem hohen Gast eine jugendliche Liebhaberin zu; bei der Ansicht beider begehrte Sukarno aber unvermutet die Ministergattin.

Die dramatisierte Romanze wurde nach nur einer Schaustellung abgesetzt. Ungestörter blieben Versuche, alte Stoffe zu aktualisieren. Wie die »Reise um die Erde in 80 Tagen« geht auch »Der Krieg mit den Molchen« aus einem bekannten Buch hervor - aus dem gleichnamigen Roman des Tschechen Karel Capek (1890 bis 1938).

Capek gehörte zum Literatenzirkel um den tschechischen Staatspräsidenten Thomas Masaryk und machte sich vor allem als Science-fiction-Schriftsteller bekannt - in seinem Drama »Rossum's Universal Robots« spielen erstmals »Roboter« eine Rolle.

1936 erfand Capek das Molch-Märchen. Die gelehrigen Kriecher, von Diktatoren und Direktoren zunächst leicht manipuliert und ausgebeutet, kommen auf eigene Ideen: Sie wenden sich gegen die Menschen, tragen Erde ab und versenken im Jahre 1936 die Welt.

Die Allegorie über Vermassung und Faschismus hat Kohout umfunktioniert und weitergeführt. Die Molche meinen jetzt, sagt er, »die Früchte der wissenschaftlich-technischen Revolution«. Einmal der Kontrolle entschlüpft, könnten sie »den Völkermord auf unserem Planeten auslösen«.

Im Kohout-Stück lassen die meuchelnden Molche den Zweiten Weltkrieg vorübergehen, ehe sie zum Endsieg schwimmen. In eine Art Eurovisions-Sendung von den letzten Tagen der Menschheit blendet der Tscheche Ost-West-Zwiste über »Molch-Basen« ein, die »Stimme Amerikas« ruft, Radio Moskau verdammt den Personenkult, und Francoise Sagan schreibt ein Stück »Bonsoir Molch«.

Als dann das Wasser nicht mehr zu halten ist, stürmt ein Polizist in den Zuschauerraum und bittet den Fahrer des Volkswagens DO - EC 43, das Vehikel vor dem Theater zu entfernen: »Es behindert den Bootsverkehr.«

Für die Prager Aufführung hatte Kohout die Nummer seines russischen »Wolga«-Wagens hergegeben - seit er in einem »Wolga« die Kollision mit einer Lokomotive überstand, hält er an der Marke fest.

In Dortmund rief der Polizist eine frei erfundene Nummer aus. Auch sonst gab es Neuerungen im Text: So war das Schuh-Klopfen des Genossen Charaschow in Prag noch nicht zu hören, und auch die Jungen Pioniere wurden erst in Deutschland so veralbert.

In Dortmund reimten sie sächsisch: »Wir brauchen keine Molche und haben doch Erfolche.«

Kohout-Stück »Der Krieg mit den Molchen« in Dortmund: Die Welt geht unter ...

Dramatiker Kohout

... auf böhmische Weise

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