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FERNSEHEN / MÜNSTER Glücklicher Zufall

aus DER SPIEGEL 24/1968

Es war eine Minute nach Mitternacht und zwei Tage nach der Notstandslesung, da sprach die Menschendarstellerin Karin Anselm zu den fernsehenden Deutschen: »Wer ist denn noch zu retten?«

Der bangen Frage war folgendes vorausgegangen:

Das Land »Ubiquitanien«, das den Adler im Wappen führt, war über Nacht in Not geraten: Der Verteidigungsminister, »in seinen Affären ebenso hemmungslos wie in seiner Politik« (Dialog), hatte die Republik an den Rand des Krieges geführt.

In letzter Stunde gelingt es dem Journalisten Till, den untersetzten Bösewicht mit Hilfe einer Blondine in eine Falle zu locken. Der Minister stürzt und schwört: »Ich komme wieder.«

»Rette sich, wer kann, oder Dummheit siegt überall« hieß das TV-Spiel, das so bang um Mitternacht zu Ende gegangen war. Und als Autor der Parabel über eine bundesdeutsche Affäre hatte der Bayerische Rundfunk einen Markus Schröder genannt.

Ein Dichter solchen Namens ist freilich noch nirgendwo leibhaftig aufgetreten.« Der Verfasser«, so kombinierte die katholische »Funk-Korrespondenz« nach dem gutgemeinten »Rette«-Werk, sei jedenfalls »bestimmt kein Journalist«.

Der Pseudonymus ist viel mehr: Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks, Chef der Abteilung Fernsehspiel und Vizepräsident der Münchner Film- und Fernsehakademie -- Dr. phil. Clemens Münster, 62.

Hinter dem »spielerisch« ersonnenen Alias hat sich der mächtige Mann verborgen, um die untergebenen Stück-Darbieter »nicht zu beeinflussen« -- Münster: »Die sollen vollkommen unbefangen sein.« Zum »einzigen Mitwisser« machte er den Bayern-Intendanten Christian Wallenreiter.

Die Bayern hatten vor vier Jahren schon ein Drama ihres Fernseh-Obersten als Schröder-Opus produziert ("Bericht von den Inseln"); ein drittes TV-Spiel »mit stark religiösem Einschlag« ist fertig und wird, wieder unter falschem Namen, in zwei Jahren ausgestrahlt.

Münster« seit dem letzten Weihnachtsfest SPD-Mitglied, treibt das Schriftstellern »wie andere Leute das Klavierspielen«. Tast-Versuche in der Prosa ("Scherben") erschienen mit seinem angeborenen Namen; vor dem Dramatischen hatte er zunächst »ungeheuren Respekt":

In einer »Art Schwangerschaft« machte er sich »furchtbar viele Notizen und wartete dann auf den »glücklichen Augenblick, bis der Kopf »rauskommt«; meist setzten die Wehen »auf irgendeiner Reise« ein.

Um den Geistes-Kindern im eigenen Hause eine Heimstatt zu geben, entschloß sich Münster sodann, die Vaterschaft an den TV-Spielen zu verhehlen; auch sollten sie nur an fremder Hand in den Bayern-Funk gelangen.

So übernahm der britische Literatur-Agent Jan van Loewen, bis vor zwei Jahren Berater des BR« den Weltvertrieb der Münster-Werke und bot sie als Schröder-Stücke der bayrischen Fernsehspiel-Abteilung

Um dem Vorwurf auszuweichen, er begutachte eigene Werke, legte Münster die Manuskripte dem Intendanten Wallenreiter vor. Und auch bei der Honorierung (Norm: 10 000 bis 20000 Mark) wahrte er Distanz: Nicht als Funk-Angestellter (der nur einen Teil der Norm erhält) ließ er sich entlohnen, sondern wie ein gewöhnlicher freier Mitarbeiter (der den vollen Satz bekommt).

»Rette sich, wer kann« war erstmals Ende letzten Jahres gesendet worden; die Wiederholung am vorletzten Wochenende (Honorar: 50 Prozent der Norm) hatte der ARD-Programm-Ausschuß (Mitglied: Münster) schon vor Monaten beschlossen.

So war es wieder »einer jener glücklichen Zufälle«, frohlockt Münster« daß das Schauspiel vom machtgierigen Minister just in der Notstandswoche noch einmal vor die Deutschen kam.

Doch: »Auch der Zufall«, sagt Novalis, »hat seine Regelmäßigkeit.«

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