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MUSIK / TAYLOR Glut entfacht

aus DER SPIEGEL 46/1969

Wenn sich der amerikanische Pianist Cecil Percival Taylor, 36, ans Klavier setzt, dann drischt er auch mal mit den Fäusten los und hämmert mit den Unterarmen auf die Tasten. Und jedesmal haben viele Zuhörer das Gefühl, »der Boden unter ihnen würde unerträglich heiß« (so der Kritiker Whitney Balliett vom »New Yorker").

Diese Glut entfachte der Free-Jazz-Musiker Taylor -- ein einfallsreicher Neuerer, dessen Technik selbst die des Meisterpianisten Oscar Peterson übertrifft -- am letzten Donnerstag zum erstenmal in Deutschland. Bei den »Berliner Jazztagen« musizierte der schnauzbärtige Farbige mit seinem Quartett in der Philharmonie, und wie immer reagierte ein Teil des Publikums ungehalten: Empörte Berliner hielten sich demonstrativ die Ohren zu und fingen an zu schimpfen; etwa die Hälfte der 2200 Zuhörer verließ vorzeitig den Saal.

Das freilich nimmt der Pianist, der nebenbei Gedichte schreibt, kaum einen Ballettabend versäumt und besonders das Moskauer Bolschoi-Ensemble schätzt, gern in Kauf: Ei verschmäht Konzessionen an die Hörgewohnheiten der Plattenkaufer und Konzertbesucher. Statt dessen versucht er, »auf dem Klavier die abrupten Bewegungen nachzuahmen, die ein guter Tänzer bei seinen Luftsprüngen macht«.

Und zwar so: Taylor improvisiert dröhnende Clusters und flirrende Tonbewegungen, die er auch beim größten Tempo perfekt artikuliert. Er verzichtet auf einen durchlaufenden Rhythmus, verändert ständig Dichte und Dynamik, reißt seine hektischen Melodiekürzel an unvorhersehbaren Stellen ab und läßt auch seine Spannungsbögen stets anders verlaufen, als der Zuhörer es erwartet. »In meinen Konzerten«, verlangt der Pianist, »muß das Publikum arbeiten; ich habe meine Schularbeiten gemacht.«

Er hat sie unter strenger Aufsicht absolviert: Als Knabe in New York mußte Taylor seiner Mutter, einer Freundin des Ellington-Schlagzeugers Sonny Greer, vorspielen, und bei jedem Fehler schlug sie ihm mit dem Rohrstock auf die Hand. Die Resultate des Drills zeigte er schon mit sieben Jahren -- er spielte in Kneipen und bei Hauskonzerten schwere und dennoch swingende Akkorde in der Art von Duke Ellington und Thelonious Monk.

Seinen eigenen Stil entwickelte Taylor, nach Studien an Konservatorien und Musikhochschulen in New York und Boston, sodann an einem mit leeren Kaffeetassen, Unterwäsche, Gedichtbänden und Notenblättern überladenen Flügel in einer billigen Wohnung an der New Yorker 4th Street, die er mit mehreren Katzen bewohnte. Denn engagieren wollte ihn keiner, und die wenigen Publikumsreaktionen waren eher negativ.

Wenn Taylor übte, riefen die Nachbarn die Polizei oder warfen ihm die Fensterscheiben ein. Die Besitzer von Nachtklubs und Jazzlokalen jagten ihn fort. »Meine Musik«, vermutet der Pianist, »hielt die Leute wohl zu sehr vom Trinken ab.«

Nur knapp ein dutzendmal in 20 Jahren betrat Taylor ("Ich habe noch nie so viel Geld verdient, daß ich Einkommensteuer hätte zahlen müssen") ein Schallplattenstudio oder eine Festivalbühne, selten spielte er in Konzertsälen auf. Selbst die etablierten Kollegen nannten den Jazz-Intellektuellen, der nur zum Schlafen die Sonnenbrille abnimmt, geringschätzig die »Eule mit Abitur«.

Erst 1962 fanden sich im New Yorkei Künstlerviertel Greenwich Village, in Oslo, Stockholm und Kopenhagen Nachtklubbesitzer, die Taylor mehrere Wochen nacheinander regelmäßig auftreten ließen. Für den Musiker war das die »Metamorphose als Künstler": »Die psychische Befreiung war so groß, als lebte ich plötzlich auf einer anderen Ebene.«

Und dort will er bleiben. Im Oktober 1964 organisierten Taylor und andere Avantgardisten in einem Kellerlokal am oberen Broadway ein Underground-Festival mit rund 50 Free-Jazz-Musikern, die drei Tage und Nächte lang fast ununterbrochen spielten und seither -- in wechselnden Besetzungen -- zusammen auftreten.

Mit ihrer »Jazz Composers Guild«, mit einem eigenen Orchester, einem Proben-Studio und einem Musik-Verlag, mit regelmäßigen Konzert-Veranstaltungen, einer Platten-Produktion und einem Platten-Versand haben Taylor und seine Freunde mittlerweile erreicht, was der Titel des Festivals von 1964 versprochen hatte: eine »Oktoberrevolution im Jazz«.

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