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RAMSEY Go, Man

aus DER SPIEGEL 21/1966

Mit dem Wunsch, »endlich einmal ohne Grimassen akzeptiert« zu werden, schickte der Schlagersänger Bill Ramsey, 35 ("Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett"), deutschen Journalisten seine neue Langspielplatte zu.

Die Empfänger nahmen den ernst gestimmten Unterhaltungskünstler wohlwollend auf: Hans Gertberg, Jazz-Chef des Norddeutschen Rundfunks, ließ Ramseys jazzgerecht vorgetragene »Ballads and Blues« sogleich senden, Jimmy Jungermann, Disc-Jockey beim Bayrischen Rundfunk, kabelte nach »mehr davon«, und Siegfried Schmidt-Joos, Jazz-Experte von Radio Bremen, kündigte Ramseys neue Songs und Lieder als »bislang beste in Deutschland produzierte Jazz-Vokal-Platte« an.

Indes: Der rauhkehlige Jux-Sänger Ramsey, dessen Stimme die Witwe des berühmten Lieder-Interpreten Heinrich Schlusnus »hinreißend« findet, ist im Jazz kein Anfänger. Blues und Spirituals sang der ehemalige Vale-Student mit farbigen Bediensteten schon zu Hause in Cincinnati (Ohio); als Jazz-Vokalist führte sich der 21jährige USSoldat Ramsey auch ins deutsche Show-Business ein. Mit leichtem Belafonte-Schluckauf und Sinatra-Phrasierung sang er um 1950 bei deutschen Jazz-Festivals und auf Europa-Tourneen. Der Erfolg war so groß, daß Ramsey seinen Abschied von der Armee nahm und sich in der Bundesrepublik niederließ.

Doch alsbald zeigte sich, daß in der deutschen Unterhaltungsindustrie die Jazz-Musikalität des Amerikaners nicht gefragt war.

Nachdem Ramsey 1955 für den Soundfrack des Caterina-Valente-Films »Liebe, Tanz und 1000 Schlager«, deutsche Gassenhauer mit amerikanischem Akzent dargeboten hatte {Ramsey: »Ich brauchte Geld"), wollten zumindest die Platten-Produzenten nichts anderes mehr von ihm hören. Begründung: »Das Publikum will seinen Bill als Stimmungskanone und nicht als Jazz-Interpret« - so der Platten-Produzent Heinz Gietz, der Ramseys Repertoire seit Jahren bestimmt. Als Beweis führt Gietz an: Von der jazzigen Aufnahme »Go, Man, Go« mit Gospel-Background habe Ramsey in drei Jahren nur knapp 35 000 Exemplare verkaufen können, vom Schlager »Souvenirs« dagegen eine halbe Million.

So kommerziell wie Heinz Gietz denken die meisten deutschen Schallplatten-Produzenten. Sie trimmen das Image ihrer Künstler auf den Geschmack des Single-Platten-Publikums und untersagen ihnen anspruchsvolle Album-Produktionen.

So stemmte sich beispielsweise der frühere »Philips«-Schlagerproduzent Ernst Verch gegen den Vertrieb einer von der Griechin Nana Mouskouri jazznah besungenen Langspielplatte, die seine Firma aus Amerika importiert hatte. In hausinternen Gesprächen fürchtete Verch, die Käufer seiner sentimentalen Mouskouri ("Weiße Rosen aus Athen") könnten jählings zur anspruchsvollen Mouskouri abwandern.

Auch Ramsey, der mittlerweile nach Zürich umgezogen ist, hatte seinen Produzenten mehrfach -um stimmgerechte Produktionen gebeten und eine Blues-Platte vorgeschlagen. Doch Gietz ließ seinen Sänger nicht jazzen.

Erst als Ramsey sich entschloß, das finanzielle Risiko einer Qualitätsproduktion teilweise selbst zu tragen - er und sein Pianist Paul Kuhn verzichteten auf die Hälfte der ihnen zustehenden Lizenzen -, stellte »Electrola« ihm ein Aufnahmestudio zur Verfügung. Für eine Herstellungssumme von 2500 Mark - dem üblichen Produktionspreis einer Single-Platte mit zwei Titeln - lieferte der Sänger seiner Firma die Langspielplatte ab.

Als Ramsey dann auch noch den Versand der Rezensionsplatten übernahm, war die Electrola bereit, die Blues und Balladen auf den Markt zu bringen.

Ramsey: »Seit Electrola die Beatles hat, tut die Firma nicht mehr viel für ihre anderen Künstler.«

Er hat mittlerweile die Konsequenzen gezogen. Seit kurzem singt und swingt Ramsey für »Polydor«.

Sänger Ramsey

Jazz statt Jux

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