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MUSIKTHEATER Goethe am Spinnrad

In Berlin scheiterte Mauricio Kagel, in München Giuseppe Sinopoli bei ihren Versuchen, alte Zeiten modern zu veropern.
aus DER SPIEGEL 21/1981

In Berlin rollt Goethe lautlos auf die Bühne. Zunächst geruht er, ganz sinnierender Poet, sich mit breiter Hutkrempe und zeitgemäßem Beinkleid in malerischer Pose in Tischbeins schöner »Campagna« zu räkeln, dann greift er zum Spinnrad und jammert mit seines Gretchens Versen, daß die Ruh'' hin ist und sein Herz schwer.

In München kraxelt neuerdings Nietzsche auf den blutrot beschienenen Monte Sacro. Auf dem Gipfel des heiligen Berges wirft sich der Philosoph erst einmal irre hin, brüllt zwischen den Styropor-Felsen Unsterbliches heraus, schlägt schließlich mit seinem Mantel um sich und auf diese Weise links den vom Kreuz gestiegenen Zarathustra, rechts eine schöne singende Dame in Weiß in die Flucht.

Der Dichter und der Denker stehen, singen und schreien nicht allein in den jüngsten, wieder einmal untauglichen Versuchen, zeitgenössisches Musiktheater zu machen. Das nostalgische Gedünst, das nun auch die Opernbühnen immer peinvoller umnebelt, wimmelt neuerdings von Schön- und Schwarmgeistern des 19. Jahrhunderts, von verblichenen Heroen des Kopfes und Ärzten der Seele.

»Aus Deutschland«, wie der Gesamt-Kunstwerker Mauricio Kagel seine jüngste, für die Deutsche Oper Berlin komponierte und inszenierte »Lieder-Oper« betitelt hat, kommen und gehen und kommen und gehen abendfüllend Leierkastenmänner und Rattenfänger, Biedermeier-Leutchen und skurriles Getier, Heine, Schubert, Hölderlin -mal live, mal bloß zitiert. Ein tönendes Panoptikum romantischer Größen, die Kagel einen Bilderbogen machen läßt um das durchdachte und -komponierte Kunststück namens Oper.

Während Kagel das prominente Personal fast eines ganzen Jahrhunderts zum eintönig gesungenen Wort kommen läßt, bescheidet sich Giuseppe Sinopoli, der gelernte Psychiater und famose Verdi-Dirigent, in seinem Bühnen-Erstling »Lou Salome« wenigstens noch mit ein paar Auserwählten.

Im Mittelpunkt seines Zweiakters, der am vorletzten Sonntag in der Bayerischen Staatsoper Premiere hatte, steht die historische Louise von Salome (1861 bis 1937), eine der schillerndsten Frauengestalten um die Jahrhundertwende: Denkerin, Seelenärztin, Sirene, Emanze. Möglicherweise eine geniale Opernheldin.

Aber nein. Mag diese Lou auch schon in Akt I, Szene 2 so theatralisch-tuberkulös S.219 Blut husten wie Puccinis Mimi, mag es in der Partitur richtige Ländler, Walzer und Arien geben -- Sinopoli und sein Librettist, der Berliner Dramaturg Karl Dietrich Gräwe, haben bloß ein bewegtes Leben fossiliert.

Aber nicht nur die Librettisten haben in Berlin und München radikal an allen Voraussetzungen brauchbarer Opernvorlagen vorbeigeschrieben. So verrennt sich der Komponist Kagel mit seinen Text-Collagen und deren romantischem Gefolge in ein Germanisten-Seminar, wo er in 27 Verskapiteln unsterblich geglaubtes Dichterwort parodistisch neu vertont. Zumindest gelegentlich hat er dabei noch sein altes Schlitzohr für den Kitzel entdeckt, abendländische Ewigkeitswerte keß in Frage zu stellen.

Eine Stunde vielleicht ließe sich auf diese Weise ganz amüsant im deutschromantischen Schatzkästlein kramen. Aber in der Überlänge eines penetrant literaturisierten Theaterabends vertrocknet Kagels Blaue Blume, als laste auf ihr der Große Brockhaus.

Um so üppiger rankt sie sich um die bedauernswerte Lou Salome. Kaum ist sie, Wiege auf der Bühne, in Petersburg geboren -- 1861, »als in Rußland die Leibeigenen freigelassen wurden« (Text gesprochen, dazu ein bühnenbreit projiziertes Dia mit Ketten) --, da wird die Ärmste von Gräwe, Sinopoli und dem Regisseur Götz Friedrich durch eine Suada von Phrasen und Thesen, durch monumentale Bibliotheken, feine Salons und miese Bruchbuden in die Arme unsterblicher Männer gehetzt.

Unter der Kuppel des Petersdomes stößt die Grande Dame mit dem dramatischen Sopran (Karan Armstrong) auf Nietzsche (Sprechrolle von Rolf Boysen), der gerade nicht weiß, ob »ich dir sagen kann, daß der kranke Dichter zum Columbus ward, bereit zu unerhörter Fahrt«.

Dann wird es ganz finster, und Lou muß mit Rilke erst einmal durch eine sibirische Nacht stolpern, an deren Ende sich die »Fata Morgana Wiens« in Form eines illuminierten Zirkuszelts auftut, und Rilke, oben rum nackert, unten in kurzer Lederhose, hopsend Gewichtiges ausstoßen darf: »Wenn ich dich so vor mir seh'', tut die Seele mir weh, da springt das Herz mir entzwei, und alles ist vorbei.«

Leider nicht. Der als Pierrot gedoubelte Nietzsche ("Der Mensch ist ein Seil") muß über ein solches balancieren und runterfallen, während Zarathustra elektronisch den Übermenschen ausposaunt. »Adonai -- Goel -- Kyrie --Eleison -- Asabthani -- El -- Eh'' je a scher eh'' je«, mischt sich dann noch ein »Chor der Hoffnung« ein, woraufhin ein Ballett aufwirbelt aus Kerlen mit Stahlhelmen und Maiden mit blonden Zöpfen, die Bücher verbrennen: Nun also ist das Dritte Reich gekommen und die Oper -- symbolbefrachtet und aufgeblasen -- zu Ende.

Auch musikalisch schöpft Sinopoli aus dem Vollen daneben: Ein Orchester von Mahler-Format, Elektronisches a la mode aus der Retorte, extra Bühnenmusik einschließlich Akkordeon, sogar ein »großes Gongstück«, zu dessen Wiedergabe eigens die famosen »Percussions de Strasbourg« angereist sind. Im Münchner Hause August Everdings kommt eben auch die überflüssigste Produktion des Jahres voll auf ihre horrenden Kosten.

Kleinlich war Siegfried Palm in seiner Berliner Renommier-Bühne allerdings auch nicht: Mochte sich der Komponist Kagel auch mit einem an ge- und verstimmten Klavieren spielenden Aloys Kontarsky, ein paar Gelegenheitsarbeitern mit Blech und Schlagwerk sowie einem zwischen Bühne und orchesterlosem Graben hetzenden Chor zufriedengeben -- zum dürftig verdünnten Klang rauschte ein pausenloser Bildersegen herauf und herunter: Prospekte entfalteten sich, Soffitten stiegen und fielen, Kulissen kamen und gingen. Technik wie geschmiert.

Grotesk genug: Zeitgemäßes Musiktheater betrieben in Berlin wie in München bloß die Bühnenarbeiter.

S.219Oben: Karan Armstrong als Lou Salome,*unten: Barry McDaniel als Leierkastenmann.*

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